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Theater-Kritik:Irgendjemand bezahlt immer

DER PREIS DES MENSCHEN  Von Thiemo Strutzenberger Residenztheater; Der Preis des Menschen

Wer ist mehr wert: Gorilla oder Diener (Valentino Dalle Mura)?

(Foto: Judith Buss)

Miloš Lolić inszeniert "Der Preis des Menschen" im Marstall

Von Christiane Lutz

Es ist allerhöchste Zeit, klar. Zeit, dass sich weiße Mitteleuropäer entschlossen ihrer Kolonialgeschichte stellen. In den USA wurden bei Protesten in den vergangenen Monaten etliche Statuen von Personen vom Sockel gestoßen, die etwa von Sklavenhandel profitierten oder rassistische Haltungen vertraten. Hierzulande geriet man daraufhin weniger ins Statuenstürzen, aber doch ins Nachdenken darüber, welchen Helden wir eigentlich huldigen. Eine Debatte über Kant kam in Gange, der in seinen frühen Jahren an Rassenhierarchie glaubte, seine Haltung später aber entschieden änderte. Während in Europa die Aufklärer die Ideale von Freiheit predigten, wurden gleichzeitig Millionen Menschen versklavt, Europa profitierte.

Dieses dramatische Missverhältnis zwischen Denken und Handeln hat Thiemo Strutzenberger interessiert und zu seinem Stück "Der Preis des Menschen" inspiriert, das nun im Marstall des Residenztheaters uraufgeführt wurde. Dafür übernahm er außerdem Motive und Figuren aus dem Roman "Mistérios de Lisboa" des portugiesischen Schriftstellers Camilo Castelo Branco. Der 38-jährige Autor ist übrigens selbst auch noch Regisseur und Schauspieler und spielt im Ensemble des Residenztheaters, das an sich ist schon sehr erstaunlich. Im Theater wird das Thema Postkolonialismus und die Bewusstmachung weißer Privilegien langsam, aber zunehmend behandelt. Vielleicht auch ein Grund, warum Strutzenberger sich diesen Text ausgedacht hat. Er verzichtet aber auf eine Übertragung in die Gegenwart, sondern lässt sein Stück im Jahr 1807 spielen, zur Zeit der napoleonischen Kriege, in Portugal und Frankreich. Das Personal sind passenderweise Grafen und Herzoge, eine Novizin, ein Sklavenhändler und ein Abt.

Und historisch sehen die in der Inszenierung des serbischen Regisseurs Miloš Lolić dann auch aus. In Kleid, Kutte und Uniform tauchen die Figuren zwischen den leer geräumten Zuschauerreihen des Marstall auf. Das Publikum sitzt da, wo sonst die Bühne ist. Zwischen den Figuren sind ausgesägte Wildtiere mit blitzenden Augen montiert, Tiger, Löwe, Elefant, Giraffe. Klar, die Tiere sind Symbole des Besitzanspruchs des Kolonialherrn, der sich als Trophäenjäger gefällt. Was da steht, hat er vermutlich selbst erlegt. Weil er glaubt, es gehöre ihm.

Dann aber beginnt die eigentliche Geschichte, die ein recht wirres Beziehungsgeflecht der Figuren erzählt. Darin kommt ein unehelicher Sohn (Valentino Dalle Mura) vor, der fern von seiner Mutter (Juliane Köhler) von einem zwielichtigen Abt (Steffen Höld) großgezogen und schließlich Diener bei einer verwitweten Herzogin (Barbara Horvath) wird. Die Geschlechterrollen sind klar, der Mann verfügt über die Frau, die wiederum fürs Fremdgehen bestraft wird, während es total okay ist, einem Diener aus einer Laune heraus einen Finger abzuschneiden. Es geht Strutzenberger dabei nicht nur um die Doppelmoral vergangener Kolonialzeiten, sondern viel mehr darum, dass Menschen nicht miteinander in Verbindung treten können, ohne den Wert des jeweils anderen zu beziffern. Dabei ist es egal, ob sie sich in Liebes-, Herrschafts-, oder Arbeitsbeziehungen begegnen. Als zutiefst menschlich stellt er den Drang dar, sich zu anderen in ein Machtverhältnis zu setzen. Der Herr will den Diener besitzen, der Diener will frei sein. Die Unterdrückung der einen erst ermöglicht den Reichtum der anderen. Irgendjemand bezahlt immer.

Nur: Spannende Thesen machen noch keine Kunst. Die Dialoge sind verstiegen, und Lolić fällt es schwer, Spielmöglichkeiten aufzutun. So wird vor allem geredet und hilflos von Reihe zu Reihe geklettert, da hilft auch der rasante Schlagabtausch zwischen Barbara Horvath als Herzogin und Michael Wächter als Sklavenhändler Alberto wenig. Das Ganze ist zu sehr Theorie und Kopfgeburt, als Theaterabend leider recht un-sinnlich.

© SZ vom 13.10.2020

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