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Restaurierung:Der Engel ist zurück beim Gute-Nacht-Spiel

Frisch restauriert blickt der Engel nun wieder vom Turmerker aus hinunter auf den Marienplatz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Während Münchner Kindl und Nachtwächter noch renoviert werden, ist ein Teil des Glockenspiels am Münchner Rathaus schon wieder zurück: Der frisch vergoldete Engel.

Von Wolfgang Görl

Beim abendlichen Spaziergang durch die Altstadt kommt es Münchnern, die sich gut auskennen, manchmal in den Sinn, um 21 Uhr dabei zu sein, wenn ein Schutzengel das Münchner Kindl zur Nachtruhe geleitet. Oben auf dem Rathausturm findet das zweiminütige Gute-Nacht-Spiel statt, in den säulenbestückten kleinen Nischen seitlich des Glockenspiels. In den vergangenen Wochen aber ließen sich weder Kindl noch Schutzengel und auch nicht der am Spiel beteiligte Nachtwächter blicken. Was war geschehen? Nun, das charmante Abendglockenspiel musste repariert werden. Wind und Wetter haben den Figuren zugesetzt, auch die Mechanik lief nicht mehr rund. Im Mai aber, so ist zu hoffen, kommen Schutzengel, Kindl und Nachtwächter wieder zum Einsatz.

Die Zahnräder und Rollen der Mechanik hatten Verschleißerscheinungen, sagt Kunstschmied Franz Rott von der Münchner Kunstschmiede Nüssel, die die Metallarbeiten übernommen hat. Das Laufwerk "war schwergängig geworden und hat geruckelt". Einige Führungsrollen mussten die Restauratoren erneuern, zudem hat man die auch etwas abgenutzten Zahnräder abgeschliffen. Die aus Kupfer getriebenen Figuren hatten wiederum Risse, die gelötet werden mussten. Insgesamt ist dies keine leichte Arbeit. Die Figuren müssen von der Fahrbühne abmontiert werden, eine diffizile Werkelei in der engen Nische in schwindelnder Höhe. Mit einem Kran hat man sie dann auf den Boden gehievt.

Elias Bleninger kümmert sich um den Nachtwächter, legt neues Blattgold auf und bessert die Schadstellen aus. Zuerst aber musste er die Figur reinigen, "der Dreck und der Staub von 40 Jahren waren da dran", erzählt er.

(Foto: Stephan Rumpf)

Um das optische Erscheinungsbild der Figuren haben sich der Windacher Vergolder Manfred Bleninger und sein Sohn Elias gekümmert. Zunächst mussten die lebensgroßen Figuren - der Nachtwächter hat noch einen Hund dabei - in seinem Atelier mit einem Spezialseifenwasser gründlich gereinigt werden. "Der Dreck und der Staub von 40 Jahren waren da dran", erzählt Bleninger. Dort, wo die Farbe gelitten hatte, besserte er die Schadstellen aus. Die Hauptarbeit aber war das Vergolden. Vom Blattgold auf den großen Engelsflügeln, auf der Laterne und dem Horn des Nachtwächters sowie auf dem Kreuz und dem Buch des Münchner Kindls war nur noch wenig übrig. Bleninger hat neues Blattgold aufgelegt, edles Gold von 23³/₄ Karat. Rund vier Wochen hat es gedauert, bis der Engel auf den Rathausturm zurückkehren durfte.

Normalerweise ist es ja so: Wenn vom Münchner Rathaus-Glockenspiel die Rede ist, denken die Leute an das Spektakel zu den Mittagsstunden und um 17 Uhr im Turmerker, wo die Schäffler tanzen und die Hochzeitsgesellschaft des Erbprinzen Wilhelm ihre Kreise zieht, bis der lothringische Ritter, von bayerischer Lanze getroffen, vom Pferd kippt. Das Nachtwächter-Spiel in den Säulenrotunden links und rechts des Turmerkers ist weniger bekannt. Wer's noch nicht gesehen hat, sollte der kleinen Vorstellung abends um neun mal beiwohnen - sobald die Restaurierung abgeschlossen ist.

Es ist ein anrührendes Spiel: Die Rathausglocke schlägt und verkündet die Uhrzeit, im selben Moment schaltet sich die elektrische Beleuchtung ein, und der Nachtwächter-Ruf aus Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" ertönt. Und da kommt er auch schon: der Nachtwächter vom Rathaus. Ins Horn blasend, eine Laterne in der Hand und mit einem Spieß bewaffnet dreht er in der linken Nische seine Runde. Vor ihm trottet sein Hund. Die Fortsetzung folgt in der rechten Rotunde. Während das Glockenspiel das "Wiegenlied" von Johannes Brahms klimpert, taucht aus dem Dunkel das Münchner Kindl auf. Hinter ihm ein Engel, der schützend seine Rechte über das Kindl hält. Nach wenigen Sekunden verschwinden die beiden ins Turminnere. Und dann beginnt die Münchner Nacht.

© SZ vom 25.04.2020/huy
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