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Rainer Langhans:Liebe, Locken, langes Leben

Rainer Langhans wird 80

Er werde täglich jünger, sagt Rainer Langhans über sich selbst. Geboren wurde er vor 80 Jahren, am 19. Juni in Oschersleben.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Rainer Langhans war eine Ikone der 68er-Bewegung, provozierte mit blankem Hinterteil und propagierte die freie Liebe. Nun wird der Ex-Hippie 80 Jahre alt - und wirkt mitunter etwas wunderlich.

Von Martina Scherf

Was wäre Langhans ohne seine Haare? Diese Frage könnte Thema einer Masterarbeit werden. Wallendes Haupthaar, weiße Gewänder, so lustwandelt der ewige Kommunarde täglich durch Schwabing. Er ist eine beeindruckende Erscheinung, keine Frage. Einen "wolkenleichten und schönen Körper" attestierte ihm ein SZ-Kollege zum 75. Das gilt noch heute: An diesem 19. Juni wird Rainer Langhans 80 Jahre alt - und sagt, er werde täglich jünger.

Langhans ist das Gesicht der deutschen 68er-Bewegung. Er ist der einzige, der bis heute munter vom Mythos lebt und ihn unablässig bedient. Ein Politprovokateur war er weniger, mehr der Spieler. Das (gescheiterte) Puddingattentat auf den amerikanischen Vizepräsidenten in Berlin ging in die Geschichte ein, und natürlich das Foto von den nackten Hintern - aufgestellt wie zur Razzia streckten sie ihre Allerwertesten in die Kamera. Sie stellten Alt-Nazis bloß, die noch immer an Schaltstellen der Gesellschaft saßen, protestierten gegen den Vietnamkrieg und den persischen Schah. Und während einige Weggefährten militant wurden, ging Langhans mit dem Fotomodel Uschi Obermaier 1969 nach München. Noch so eine Ikone der Bewegung: Rainer und die schöne Uschi, lange Haare und blanker Busen - das war Provokation pur damals. Und die Botschaft zum Bild lautete: "Das Private ist politisch."

Und heute? Obermaier lebt in Kalifornien, zuletzt stritt das einstige Traumpaar per Anwalt über Veröffentlichungsrechte an alten Filmaufnahmen. Und Langhans inszeniert sich als spiritueller Guru. Dabei werden seine Aussagen über sich und die Welt immer kruder. Dem Spiegel erzählte er jetzt anlässlich seines Geburtstages, dass er seit 60 Jahren nicht mehr beim Friseur war. Dass Corona ein Segen sei, denn "es zeigt uns ein planetares Bewusstsein". Er selbst lebe ohnehin seit jeher in einem privaten Lockdown.

Von 68 sei wenig übrig, so der Ex-Hippie in dem Interview. "Die Einzigen, die es hinbekommen könnten, sind unsere Enkel, die Virtualitätsleute, die uns zu Datenwolken machen." Dazu passt dann auch, dass er Mark Zuckerberg für den Befreier der Menschheit hält und über Donald Trump sagt, der Präsident sei ein "Internet-Avatar", der weiter sehe "als die normalen Leute". Und dann konstatiert er noch: Faschisten seien heute die Systemsprenger. Gut, dass er wenigstens nicht feststellte, Faschisten seien die heutigen 68er. Dabei wollte er doch selbst einmal das System sprengen.

Langhans wurde am 19. Juni in Oschersleben in Sachsen-Anhalt geboren. Er sei ein unglückliches Kind gewesen, sagt er selbst, die Eltern gaben ihn in ein evangelisches Internat. Nach dem Abitur und einer Verpflichtung bei der Bundeswehr, die ihm heute eine Mini-Rente beschert, ging er nach Berlin, studierte Jura und Psychologie, ohne Abschluss - "die Revolution kam dazwischen". Er gründete mit Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann die Kommune 1. Sex-Kommune nennt sie die Presse. Dabei sagte Langhans später: "Man kann sich noch so viel aneinander reiben und Sex haben. Es bleibt immer ein Geschlechterkampf." Wirklich freie Liebe sei von Sex und Körper befreit.

Langhans wendet sich einem indischen Guru zu, zieht in den 1970er-Jahren mit fünf Frauen zusammen, nennt das einen Harem und beteiligt sich an deren Kulturprojekten. Christa Ritter, Brigitte Streubel, Anna Werner und die Zwillingsschwestern Gisela Getty und die 2017 gestorbene Jutta Winkelmann schreiben Bücher, drehen Filme, fotografieren. Winkelmann schreibt ein berührendes Buch über ihre Krebserkrankung. Langhans ist Gast in Talkshows und geht ins RTL-Dschungelcamp. Gemeinsam mit seinen Frauen dreht er 2003 eine Art Big-Brother-Serie in einer Schwabinger Wohnung. Da liegen sie Matratze an Matratze, dabei leben sie längst in getrennten Wohnungen. Eine "Mischung aus Psycho-Geschwafel und senilem Tantra-Sex" fand ein Kritiker.

Zum 50. Jubiläum der 68er-Bewegung vor zwei Jahren verlieh der Kunstverein Ahlen für ein vergoldetes Schamhaar von Langhans einen Preis. Das sagt weniger über den einstigen Bürgerschreck als über die Gesellschaft. Er gab das Haar bereitwillig und trug auch diese Aktion mit stoischem Gleichmut.

© SZ vom 19.06.2020/vewo
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