Kolumne "Das ist schön":Queere Tradition

Lesezeit: 1 min

Politik und Kultur arbeiten in München gemeinsam an einer diversen Festivalszene.

Von Greta Hüllmann

München jagt im Gegensatz zu anderen Metropolen keinen Trends hinterher, oh nein. Selbstzufrieden lockt das Herz des Freistaats mit Tradition, Gemächlichkeit und einer gewissen Skepsis gegenüber allem Neuen, die träge in der Luft hängt und sich, gebremst durch Alpen und CSU, auch nicht verflüchtigt. Was gerne in der Peripherie des kollektiven Bewusstseins geparkt wird, ist allerdings, dass jede Tradition irgendwann einmal neu, aufregend und kontrovers war. Wie mag sich der erste Mensch gefühlt haben, der eine Brezn, längs zerteilt und mit Butter bestrichen, mit zur Schule brachte? Pochte das stolze Pionierblut in seinen Adern, oder schaute sie sich verstohlen um, ob ihr auch niemand wegen der neumodernen Brotzeit eins überbraten würde? Es braucht stets Menschen, die sich etwas trauen, in Münchens politischem und kulturellem Dunstkreis tun das gerade einige. Ihr Ziel? Queere Kultur zu etablieren - und das dauerhaft und prominent.

So haben die Stadträte von Grünen und Rosa Liste einen Antrag an das Kulturreferat gestellt, ein regelmäßiges Flinta-Festival zu veranstalten. Das Festival wird Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinäre, Trans- und Agender Personen (Flinta) aus der Musikszene Raum auf und hinter der Bühne geben und sich damit demonstrativ gegen männlich dominierte Festival-Line-Ups wie das Nürnberger "Rock im Park" richten. Dahinter steht auch Münchens Zweite Bürgermeisterin, Katrin Habenschaden (Grüne). Queerness soll weder nur einmal jährlich zum Christopher-Street-Day Münchens Straßen einnehmen, noch sollen Lebensentwürfe auf schwule und lesbische Liebe beschränkt werden.

Eine Vorreiterin ist dabei die Münchner Elektroszene, die schon früh die Tradition begründete, queeren Musikerinnen und Musikern eine Bühne zu geben. Im Juni spielten etwa beim "Mary Klein Clubfestival" nur Flinta-Personen, und auch das Wut-Kollektiv, eine reine Flinta-DJ-Gruppe, kämpft seit Jahren gegen Macker und männliche Dominanz in der Clubszene. Zudem finden im Herbst gleich zwei queere Filmfestivals statt, und kommende Ausstellungen wie "To be seen" beleuchten das Schaffen queerer Personen. Gut möglich, dass da gerade eine neue Tradition entsteht. Neu daran ist, dass Politik, Kultur und Kollektive für dieselbe Sache ackern. Das ist schön.

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