Prozess in München:Fingierte Straftaten und eine Spritze mit Kokain

Wegen eines Sorgerechtsstreits sollen Andrea B. und ihr Freund den Ex-Mann drangsaliert haben - mit falschen Anzeigen und bezahlten Schlägern.

Von Susi Wimmer

Benjamin B. sucht dringend eine neue Wohnung. Ob in München oder anderswo, das ist dem alleinerziehenden Vater dreier Kinder völlig egal. Er fühlt sich nur nicht mehr sicher. Nicht sicher vor den Nachstellungen seiner Ex-Frau, sagt er. Aktuell steht die 29-jährige Verkäuferin mit ihrem mittlerweile Ex-Freund vor dem Landgericht München I, und die Anklage liest sich wie das Drehbuch zu einem Psycho-Thriller: Andrea B. und Christian G. sollen Leute als Zeugen und Opfer engagiert und bezahlt haben, um dem Ex-Ehemann einen Einbruch und eine Vergewaltigung anzuhängen. G. soll sogar einem Mitglied der Hells Angels 15 000 Euro geboten haben, um Benjamin B. "ruhig zu stellen". Und das alles wegen eines Sorgerechtsstreit um die drei Kinder.

Irgendwann muss es mal Liebe gewesen sein zwischen Benjamin B. und der Angeklagten. Das Paar hat zwei Töchter und einen Sohn. Benjamin B. sagt, sie sei 2016 gegangen und habe ihn mit den Kindern zurückgelassen. Dann sei der Streit um das Sorgerecht entbrannt. Andrea B. schweigt bislang im Prozess. Sie soll sich einem neuen Mann zugewandt haben, dem vorbestraften Christian G., 50 Jahre alt, arbeitslos. Gemeinsam mit ihm soll sie laut Anklage die perfiden Pläne ausgeheckt haben, um ihrem Ex-Mann in jeder Hinsicht Schaden zuzufügen. Im September 2017 beauftragte das Paar Sandra M., einen Einbruchsversuch in der Pizzeria La Palma in der Anzinger Straße telefonisch bei der Polizei zu melden. Während Christian G. den Stofffetzen eines alten Hemdes von Benjamin B. am Türschloss drapierte und mit einem Werkzeug Hebelspuren verursachte, erklärte Sandra M. der Polizei, dass sie den Täter und sein Auto gesehen habe, die Polizei ermittelte gegen den 34-Jährigen.

Keine sechs Wochen später sah sich Benjamin B. mit neuen Vorwürfen konfrontiert. Diesmal sollte er versucht haben, eine Frau zu vergewaltigen. Jennifer M. behauptete, sie sei am Innsbrucker Ring von einem Fremden in ein Gebüsch gezerrt und betatscht worden. Zeitgleich sollen Andrea B. und ihr Freund Zigarettenkippen des Ex-Manns, die sie aus seinem Mülleimer gefischt hatten, am "Tatort" hingelegt haben. Zudem schlug Christian G. Jennifer M. mit der Faust mehrfach auf den Rücken, damit die Tat durch die blauen Flecken echter wirkte.

Benjamin B. sagt, er habe selbst recherchiert und festgestellt, dass seine Ex-Frau und ihr Freund mit allen Beteiligten über soziale Netzwerke verbunden waren. Und er fand bei der Polizei einen Kommissar, der an seine Unschuld glaubte und Ungereimtheiten entdeckte.

Derweilen versuchte das Duo Sandra M. zu überreden, das Auto des Ex-Manns mit Benzin zu übergießen und anzuzünden, was diese letztendlich nicht tat. Auch Oliver W. setzte die Pläne der beiden nicht um: Ihm sollen sie 500 Euro geboten haben, wenn er Benjamin B. auf dem Weg zum Kindergarten zusammenschlage und ihm eine Spritze mit Kokain in den Oberschenkel injiziere. Die Spritze wurde übergeben, zur Tat kam es nicht. Dafür soll G. im August 2020 in der Sportsbar am Oberhofer Platz einem Mitglied der Hells Angels 15 000 Euro angeboten haben, um Benjamin B. so zu verletzten, dass er "rollstuhlreif" und "ruhiggestellt" sei. Dieser soll das Angebot abgelehnt haben, weil der Geldbetrag zu gering gewesen sei. Kurze Zeit später aber hielt neben Benjamin B. in der Altöttinger Straße ein Wagen mit zwei Männern. Einer soll durch das offene Fenster mit einem Teleskopschlagstock gedroht haben, falls B. in einer anderen Gerichtsverhandlung nicht richtig aussage.

Andrea B., hochtoupierte Haare, manikürte Nägel, beringte Finger, befindet sich auf freiem Fuß. Neben ihr auf der Anklagebank sitzt noch Tom B. Er soll mit Christian G. im Jahr 2020 vier Einbrüche verübt haben. Während Christian G. nur die Einbrüche einräumt, die er verübt habe, um seinen Freund Tom B. zu unterstützten, packt der Nicht-mehr-Freund Tom B. aus. Er gesteht drei gemeinsam geplante Brüche, sagt, er wolle reinen Tisch machen und mit Christian G. und Andrea B. nichts mehr zu tun haben. "Es gibt Sachen, die tut man Menschen nicht an", sagt der mehrfach Vorbestrafte. Wenn die Geschichten mit der fingierten Vergewaltigung und so stimmen, "dann ist das unter aller Sau".

Benjamin B. erzählt der SZ, dass die Nachstellungen nicht aufhören. Jüngst sei vor dem Fenster der Tochter nachts eine Horror-Puppe aufgetaucht. Er sucht dringend eine Wohnung.

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