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Mordprozess:Eine Blutspur im Wohnzimmer, aber nirgends eine Leiche

Münchner Vermisstenfall - Staatsanwalt fordert lebenslange Haft

Der Angeklagte soll seine Frau und Stieftochter umgebracht zu haben.

(Foto: dpa)

Eine Mutter und ihre Tochter verschwinden unter mysteriösen Umständen - die Ermittler sind überzeugt, dass beide vom Ehemann der Frau getötet wurden. Sein Anwalt bezweifelt, dass die Indizien für eine Verurteilung reichen.

Von Susi Wimmer

Weit über zwei Stunden hält Staatsanwalt Daniel Meindl sein Schlussplädoyer. Er führt minutiös jedes Indiz an, das ihn davon überzeugt hat, dass der Angeklagte Roman H. im Juli 2019 seine Ehefrau getötet und anschließend seine Stieftochter ermordet hat. Am Ende seines Vortrags hält er inne, blickt dem 46-Jährigen direkt in die Augen und sagt: "Machen Sie sich Gedanken, ob sie den Angehörigen nach Rechtskraft des Urteils nicht doch den Fundort der Leichen verraten. Dann könnten diese Abschied nehmen. Das ist das einzig Positive, was Sie noch tun können." Roman H. schaut den Staatsanwalt an. Und lacht.

Es war einer der spektakulärsten Kriminalfälle der letzten Jahre in München, der auch die Öffentlichkeit bewegte: Am 13. Juli 2019 verschwanden die 41 Jahre alte Maria G. und ihre 16-Jährige Tochter Tatiana spurlos aus ihrer Wohnung in Ramersdorf. Ehemann Roman H. erklärte der Polizei, die Frauen hätten sich zu Fuß aufgemacht, um im PEP in Neuperlach Shoppen zu gehen und seien nicht mehr zurückgekehrt. Nach den Vermissten wurde öffentlich gefahndet, die Kripo richtete die Ermittlungsgruppe "Duo" ein, die Ermittler der Mordkommission trugen mit Mann und Maus jede noch so kleinen Indizien zusammen. Eine Woche nach dem Verschwinden der Frauen wurde Roman H. festgenommen.

Jetzt sitzen einige Ermittler der Mordkommission im Zuschauerraum und verfolgen den Prozess. Im Oktober vergangenen Jahres hatte die zweite Schwurgerichtskammer das Verfahren eröffnet. Roman H. beteuerte von Anfang an seine Unschuld und erklärte dem Gericht, er sei überzeugt, dass die Frauen noch leben würden. Er könne aber in der öffentlichen Verhandlung keine Angaben zu ihrem Verschwinden machen, sonst wäre ihr Leben in großer Gefahr. Ginge es nach Staatsanwalt Meindl, so würde Roman H. mindestens die nächsten 20 Jahre hinter Gittern verbringen. Er plädierte auf Totschlag, Mord und forderte die Verhängung der Besonderen Schwere der Schuld. Was bedeutet, dass H. auch nach 15 Jahren lange nicht mit einer Entlassung rechnen könnte.

"Es liegt kein Motiv vor", formulierte es Roman H. in seinem Schlusswort vor Gericht. Auch Staatsanwalt Meindl räumt ein, dass man da nur spekulieren könne. "Eventuell gab es Streit, weil H. eine gefügige Frau wollte. Und Maria war selbstbewusst und weitaus erfolgreicher als er." Womit ein weiteres mögliches Motiv im Raum stehe: Geld. Es könnte sein, dass H. drei Wochen vor dem Verschwinden der Frauen davon erfahren habe, dass Maria G. in einem Testament alles so geregelt hätte, dass er keinen Cent erben würde.

"Ich schreib Dir gleich", das war die letzte Nachricht, die Tatiana G. am 13. Juli um 12.02 Uhr an eine Freundin schrieb. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie zu dieser Zeit von der russischen Schule gerade nach Hause kam in die Wohnung an der Ottobrunner Straße. Dort soll H. im Streit Maria G. getötet haben. Und er soll anschließend seine Stieftochter heimtückisch ermordet haben, um die andere Straftat zu verdecken. H. selbst erklärte dem Gericht, die Frauen hätten sich bei einem Streit gegenseitig blutige Verletzungen zugefügt. Anschließend hätten sie sich zurecht gemacht und seien Einkaufen gegangen. Er reinigte anschließend die ganze Wohnung, wusch blutige Kleidung und kaufte Wandfarbe im Baumarkt, um die Blutspuren zu überpinseln. Gegen Abend entsorgte er die blutigen Teppiche aus der Wohnung im Truderinger Wald. Das räumte er selbst ein. Die Teppiche wurden gefunden. Die Polizei durchkämmte mit Hundertschaften den Wald, ließ einen Tümpel absuchen, aber die Leichen der Frauen blieben verschwunden.

Es ist die Blutspur 2.4.0.32, die die Spurensicherung an der Kommode im Wohnzimmer fand, die Meindl als wichtiges Indiz anführt. Sie sei laut Gutachter nicht tropfen- sondern spritzerförmig und deute auf ein dynamisches Geschehen hin. H. hatte die Spur mit Nasenbluten der Stieftochter erklärt. Verteidiger Raffael Fach hielt dem Gericht vor, dass es nicht einmal einen Beweis gebe, dass die Frauen tot seien, sie könnten sich auch in Russland aufhalten. Es gebe kein Motiv, keine gesicherten Tatabläufe, "es bleiben vernünftige Zweifel". Er plädierte auf Freispruch, hilfsweise auf Totschlag in einem Fall. Denn es könne sein, dass eine Frau die andere im Streit getötet habe. Nach der unausgesprochenen Schlussfolgerung von Fach müsste Roman H. dann die Überlebende getötet haben.

Wenn Kinder sterben, sei das für die Eltern das größte Trauma, führte Rechtsanwältin Antje Brandes aus. Sie vertritt den Ex-Mann von Maria G. und Vater von Tatiana. Noch schlimmer sei, wenn Kinder auf diese Weise sterben, man nicht wisse, was warum passiert sei, und wo die Leichen verscharrt sind. "Man hat keinen Ort der Trauer, man findet keinen Abschluss", sagte sie. Ein Urteil wird nächste Woche erwartet.

© SZ/mmo/berk
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