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Prozess in München:Plötzlich war da Blut

Drei Männer sind nach einer Messerstecherei angeklagt. Zu den Hintergründen des Streits geben die Beteiligten an, sich nicht erinnern zu können.

Von Lea Arbinger

Aus einer Schlägerei ist im November vergangenes Jahr eine Messerstecherei geworden, bei der ein Beteiligter lebensgefährlich verletzt worden ist. Drei Männer müssen sich deswegen seit Dienstag vor der ersten Strafkammer im Justizpalast verantworten. Angeklagt sind sie wegen versuchtem Totschlag und gefährlicher Körperverletzung.

Berk Can S. soll am 18. November 2019 Avraam I. vor einem Lokal in der Schleißheimer Straße mit zwei Stichen in die Brust lebensgefährlich verletzt haben. Der 24-Jährige sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Mit der Vorsitzenden Richterin Elisabeth Ehrl spricht er an diesem ersten Verhandlungstag nicht - vorerst will er überhaupt nichts sagen, ein vorhandenes Zeugenvideo abwarten. Auch der 24-jährige Aykuthan G., der Cousin von S. und Mitangeklagter, schweigt. Lediglich Adem G., der Bruder von Aykuthan G., äußert sich. Er muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung in Mittäterschaft verantworten.

Ausführlich und ruhig antwortet er auf alle Fragen. Am Tatabend seien sein Bruder und er in der gemeinsamen Wohnung gewesen, als sie Berk Can S. angerufen und gesagt habe, dass er mit Alen M. Streit habe. "Mein Cousin hat gesagt, dass M. sehr aggressiv ist, Geld eintreiben will und zum Café kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass er nicht alleine auftauchen wird und es zur körperlichen Auseinandersetzung kommen wird", erinnert sich der 29-Jährige. Zu seiner Verteidigung habe er einen Wetzstahl mitgenommen - weil M. und seine drei Begleiter aber unbewaffnet erschienen seien, habe er diesen weggeworfen. "Ich bin kein Fan von Waffen. Ich will die Dinge wie ein Mann klären."

Nach wenigen Minuten sei die Auseinandersetzung vorbei gewesen. Polizeisirenen und Blaulicht beendeten das Zusammentreffen. "Ich habe meinen Bruder gepackt und wir sind zu unserem Auto gelaufen und weggefahren", erzählt G. Von der Messerstecherei habe er erst bei der Polizei erfahren. "Ich konnte es nicht fassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Bruder oder mein Cousin ein Messer verwendet haben." Er habe weder gesehen, wie es zu den Messerstichen kam, noch was passiert sei noch wer zugestochen habe noch mit welchem Messer die Tat passiert sei. "Hätte ich gesehen, dass jemand blutet, hätte ich sofort einen Krankenwagen gerufen. Ich bin doch kein Unmensch."

Was der Auslöser des Streites zwischen seinem Cousin Berk Can S. und Alen M. war, der zu der körperlichen Auseinandersetzung und dem versuchten Totschlag führte, wisse er bis heute nicht. Gekannt habe er M. und seine Begleiter nicht. Adem G. spricht ruhig. Er habe den Streit schlichten wollen, auf seinen kleinen Bruder und den Cousin aufpassen wollen. Er bleibt dabei: "Ich bin kein Totschläger. Dass es mein Bruder oder Cousin gewesen sind, kann ich mir auch nicht vorstellen."

Auch der 27-jährige Geschädigte Avraam I. gibt an, nicht zu wissen, was zum Streit und der körperlichen Auseinandersetzung geführt habe. Er sei nicht davon ausgegangen, dass es zur Schlägerei kommen würde. Im Verlauf der Rangelei habe er gemerkt, dass er blutet. Wann, wie und von wem er mit dem Messer verletzt worden ist, wisse er nicht sicher. Vor den Polizeibeamten sei er dann ohnmächtig geworden. Die Verhandlung wird am 30. November fortgesetzt.

© SZ vom 25.11.2020/vewo/van
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