Verkehrsanalyse:Pendler stehen wieder länger im Stau - vor allem in München

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Berufsverkehr in München

Im Berufsverkehr auf dem Mittleren Ring in München geht es oft nur langsam voran.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

2020 war der Autoverkehr durch die Corona-Pandemie massiv zurückgegangen - jetzt normalisiert sich die Lage. Für München bedeutet das nichts Gutes.

Von Franziska Ruf

Die Münchner müssen sich in Geduld üben: Nach einer neuen Studie des Verkehrsdatenanbieters Inrix ist die Landeshauptstadt zum wiederholten Mal unter allen deutschen Großstädten diejenige, in der Pendler mit dem Auto im Jahresdurchschnitt am längsten im Stau stehen. Blieben im vergangenen Jahr wegen Corona viele Autos in der Garage, rollen sie heuer schon fast wieder so vielzählig über die Straßen wie vor der Pandemie. Auch in den anderen deutschen Großstädten füllen sich die Straßen.

Mehr als drei Tage - und zwar 79 Stunden - verloren Pendler in München in diesem Jahr laut Analyse im Stau. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 40 Stunden. Corona hatte die Pendlerströme ausgebremst, vergangenes Jahr gingen deutschlandweit und auch speziell in München 14 Stunden weniger in Staus verloren. Inzwischen stieg der Verkehr wieder an und führte fast zum gleichen Zeitverlust wie vor der Pandemie. 2019 lag er beim Durchschnitts-Pendler in Deutschland bei 46 Stunden. In München stehen die Autofahrer immerhin acht Stunden weniger im Stau als noch vor Corona. Der Münchner Stau-Hotspot liegt auf dem Mittleren Ring und zwar auf dem westlichen Abschnitt zwischen Petuelring über die Donnersbergerbrücke und Heimeranplatz. Wer um 17 Uhr auf dieser Strecke unterwegs ist, sollte laut der Studie im Schnitt sieben Minuten mehr einplanen als zu Freie-Fahrt-Bedingungen. Das klingt nach wenig, stellt aber den bundesweiten Höchstwert dar.

Christoph von Gagern, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VDK) im Kreisverband München, zeigt sich von dem unrühmlichen Ergebnis für die Stadt nicht überrascht. Er sagt: "München hat mit der Zahl an Pendlern die Nase weit vorn, das ist eine staufördernde Tatsache." Außerdem führten neue Radwege zu engeren Fahrbahnen, die wiederum Staus begünstigten. Wenn sich allerdings mehr Menschen aufs Rad schwingen würden, senkt das nicht nur das Verkehrsaufkommen, sondern schützt auch die Umwelt. Staus schaden ihr hingegen ganz besonders, wie von Gagern erklärt: Oft fahren die Autos dann immer wieder langsam an und besitzen keine Start-Stopp-Automatik, weswegen sie viel Sprit verbrauchen und CO₂ ausstoßen. Außerdem leiden die Anwohner unter dem Lärm der Autos.

Nach der Stauhauptstadt München rangieren Berlin auf dem zweiten und Hamburg auf dem dritten Platz. Dort kostet der Stau die Pendler zusätzliche 65, beziehungsweise 47 Stunden. Den Abschwung von 2020 holten sie rasch wieder auf: Nur noch um ein Prozent hinken sie dem Vorkrisenstau hinterher. Auf den weiteren Plätzen folgen mit geringeren Abständen Potsdam (46 Stunden), Pforzheim (44), Düsseldorf (43), Köln (42), Nürnberg (41), Dresden (41) und Münster (41).

Das Unternehmen Inrix verkauft Verkehrsanalysen und Dienstleistungen für vernetztes Autofahren an Verwaltungen und Unternehmen. Auch der ADAC veröffentlicht Studien zum Thema. In seiner Sommer-Stau-Analyse für den Verkehr auf Autobahnen stellte er einen massiven Anstieg an Staus fest. Eine Jahresbilanz liegt noch nicht vor. Verkehrsexperten betrachten solche Rankings differenziert: Justin Geistefeldt, Professor für Verkehrswesen an der Ruhr-Universität Bochum, findet etwa die gängigen Stau-Tabellen grundsätzlich "ein Stück weit problematisch", weil sie Besonderheiten der einzelnen Städte nicht ausreichend berücksichtigten. "Die Topographie, die Verkehrsnetzstruktur und vor allem die Pendlerverflechtungen der betrachteten Städte sind nur bedingt vergleichbar", sagt er. Dennoch lieferten die Studien gewisse Hinweise. "Es gibt kaum eine bessere Datengrundlage, um das Staugeschehen zu bewerten."

Was die Münchner ein bisschen aufmuntern könnte, ist der internationale Vergleich: Dort liegt die Stadt erst auf Platz 24 und damit hinter den Spitzenreitern London, wo die Autofahrer 148 Stunden im Stau stehen, Paris (140 Stunden) und Brüssel (134). Auch Palermo in Italien (109), Bogotá in Kolumbien (94) und Boston in den USA (78 Stunden) überholen die bayerische Landeshauptstadt.

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