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SZ-Serie: München natürlich:Einheimische Exoten

Kreuzotter Foto: Reptilienauffangstation München.

(Foto: Reptilienauffangstation München)

Die Kreuzottern fühlen sich wohl in der Stadt. Trotzdem ist die Schlange scheu - die Gefahr, gebissen zu werden, ist gering.

Von Thomas Anlauf

In ihrer Farbauswahl ist sie durchaus wählerisch. Die eine sonnt sich schon frühmorgens in ihrem kupferroten Kleid, eine andere trägt ausschließlich Schwarz, manchmal ist sogar eine silbergraue Vipera berus auf ihrem Sonnenplatz zu sehen. Trotz der Vielfarbigkeit hat sie jedoch ein Markenzeichen: Das Zackenmuster am Rücken - womöglich macht das eine schlanke Figur. Denn die Sonnenanbeterin hat einen etwas gedrungenen Wuchs, der Kopf sitzt direkt auf dem Rumpf, wenn es ihr zu kühl ist, kann sie sich sogar noch dicker machen, damit sie mehr Sonne abbekommt. Wenn sie beim Aufwärmen einmal überrascht wird, ist ihr die Aufmerksamkeit des Betrachters sicher. Viele Menschen erschrecken sich vor der Erscheinung der Kreuzotter.

"Wir bekommen sehr häufig Anrufe, dass Leute Kreuzottern gesehen haben", sagt Markus Baur. Meistens seien es Münchner, die Angst haben, weil eine Viper im heimischen Garten wohnt. "Bei Schlangen denken viele gleich an etwas Exotisches und sehr Gefährliches", erzählt der Leiter der Auffangstation für Reptilien in München. Doch Kreuzottern sind nicht etwa Zuagroaste, wie manche meinen. Sie gehören zur tierischen Bevölkerung Münchens wie Igel und Eichhörnchen. Und sie sind streng geschützt.

Wenn Baur oder sein Team von der Reptilienauffangstation also von besorgten Gartenbesitzern angerufen werden, versuchen sie zunächst, die Menschen zu beruhigen. Baur fragt dann, wie lange der Hausbesitzer dort schon wohnt und ob es das erste Mal ist, dass eine Kreuzotter im Garten gesehen wurde. Wer schon länger auf dem Grundstück wohnt und bislang noch nie eine Viper gesehen hat, den kann Baur beruhigen. Er rät, sich mit der Schlange zu arrangieren. Denn die Kreuzotter ist ziemlich scheu.

Und trotzdem fühlen sich die Kreuzottern in der Großstadt ziemlich wohl. Wenn die Münchner wüssten, dass sie oft nur wenige Meter entfernt an der Isar in der Sonne döst, wären manche Zeitgenossen wohl nicht so leichtsinnig, durchs Gebüsch zu streifen. Die Viper beißt zwar nur im äußersten Notfall zu - außer sie ist gerade auf Beutejagd -, trotzdem sollte man sie nicht unnötig erschrecken. In München bewohnt sie gerne einige Kiesbänke an der Isar und zieht sich dann auch mal in die Auwiesen zurück.

Markus Baur, Schlangenexperte, fotografiert im Englischen Garten zwischen Hagebutten-Büschen

Die Farbe kann changieren, aber am Zackenmuster erkennt Schlangenexperte Markus Baur die Kreuzotter sofort.

(Foto: Florian Peljak)

Auch im Botanischen Garten können Kreuzottern beobachtet werden, ansonsten lieben sie Magerwiesen, offene Heideflächen wie im Münchner Norden und naturbelassene Waldlichtungen. Sonnige Standorte sind wichtig, damit sich die Kreuzottern aufwärmen können. Orte wie der Rangierbahnhof oder auch die S-Bahn-Trassen seien für die Schlangen wunderbare Reviere, vorausgesetzt, es gibt genügend zu fressen.

Vor allem Mäuse, junge Vögel, Eidechsen und Frösche stehen auf dem Speiseplan der tagaktiven Tiere. Doch so ein Nahrungsangebot gibt es nicht überall, weshalb Naturschützer wie Baur die Kreuzottern am liebsten dort belassen, wo sie entdeckt worden sind - auch in Gärten. Dass sie dort leben, ist ein Zeichen dafür, dass sich dort auch genügend andere Lebewesen wohlfühlen. Es kommt deshalb durchaus vor, dass eine Kreuzotter, die aus einem Garten in ein Biotop umgesiedelt wurde, dort sogar verhungert, weil sie nicht genügend zu fressen findet oder dort schon zu viel Konkurrenz lauert. Falls die Reptilienexperten doch einmal eine Kreuzotter aus einem Garten entfernen, taucht womöglich bald eine andere auf, die es sich im nun leeren Revier gemütlich macht.

Baur empfiehlt deshalb, sich lieber mit dem wilden Nachbarn aus der Distanz anzufreunden. Die Gefahr, gebissen zu werden, sei ziemlich gering. Lebensgefährlich sei der Biss einer Kreuzotter ohnehin nur äußerst selten. Denn anders als bei einem Beutezug spritzen die Vipern bei einem Abwehrangriff meist wenig oder sogar gar kein Gift. Die Giftproduktion sei sehr energieaufwendig. Lediglich im Frühjahr, wenn die Schlangen gerade aus der Winterruhe kommen, haben sie relativ viel Gift in ihrer Drüse angesammelt.

Vor einigen Jahren wurde im Frühling ein Wanderer in den Daumen gebissen, der gerade eine Böschung hinauf krabbelte und dabei aus Versehen eine wintermüde Kreuzotter anfasste. Sein Daumen sei von Ärzten nur mit Müh und Not gerettet worden, erinnert sich der Reptiliensachverständige Baur. Und erst am 12. August wurde ein elfjähriges Mädchen auf der Wiese vor der Neuen Traunsteiner Hütte an der Reiteralpe gebissen. Sie musste mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik geflogen werden.

Die Gefahr, dass sich im heimischen Garten irgendwann mal ein ganzes Schlangennest einfindet, ist übrigens nicht sehr wahrscheinlich. Zwar überwintern die Tiere oft mit anderen Schlangen an warmen Orten. Aber sobald sie wach werden, schlängeln sie von dannen. "Die haben kein Interesse an anderen Kreuzottern, sie sind nicht gerade soziale Tiere", sagt Baur. Außer im April und Mai. Dann ist Paarungszeit. Wer die Kreuzottern dann beim Liebesspiel beobachten kann, sieht einen regelrechten Schlangentanz.

© SZ vom 28.08.2020/lfr
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