Landgericht München I:Zwölf Messerstiche aus Eifersucht

Ein 37-Jähriger ist angeklagt, weil er seine Ehefrau getötet haben soll. Er heult, schluchzt, schnieft und zeigt Mitleid - mit sich selbst. Die Staatsanwaltschaft geht dagegen von einem heimtückischen Mord aus.

Von Susi Wimmer

Übertöten - der kriminalistische Begriff klingt absurd. Als ob es eine Steigerung zum Töten gäbe. Experten sprechen von Übertöten, wenn der Täter zur Tötung mehr als nötig auf sein Opfer einwirkt. Oft zeugt dies von einer persönlichen Beziehung - und von rasender Wut und Gewalt. Roland L. hat seine Ehefrau im Oktober vergangenen Jahres in der gemeinsamen Wohnung in Nymphenburg mit zwölf Messerstichen getötet. Mit solcher Wucht, dass sich die Messerklinge um 90 Grad verbog. Der 37-Jährige ist angeklagt vor dem Landgericht München I wegen Mordes. Er heult, schluchzt, schnieft und zeigt Mitleid - mit sich selbst.

Der erste Prozesstag gehört ganz dem Angeklagten. Stundenlang erzählt er aus seinem Leben; in abgehackten Sätzen und von Weinen unterbrochen. Er sagt, dass er durch Wirecard 350 000 Euro, die ihm seine Familie zum Anlegen gegeben hatte, verloren habe. Und dass seine Halbschwester im Sterben lag. L. ist ein durchtrainierter Mann mit kurzem braunen Haar. Auf seinen Internet-Accounts finden sich Videos von seinen sportlichen "Challanges", wo er seine Muskeln zur Schau stellt.

Die Tatversion, die die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift dargestellt hat, lässt Roland L. als heimtückischen, rasenden und abgebrühten Mörder erscheinen. Der 37-Jährige selbst sieht sich als verzweifelten und um Klarheit bemühten Ehemann, der in einer eskalierenden Situation schneller zum Messer greifen konnte als seine Frau. Vor vier Jahren lernte sich das Paar kennen. Im August 2018 wurde geheiratet, und Roland L. zog in die Maisonette-Wohnung seiner Frau ein. Laut Anklage muss sich die ein Jahr ältere Frau unglücklich und eingeengt gefühlt haben.

2019 freundete sie sich über das Computerspiel "Elder Scrolls" mit einem Mann an, ab Sommer 2020 gingen eindeutige Nachrichten hin und her. Es ging um sexuelle Fantasien, und um "Chat-Sex". Ein, zwei Tage vor der Tat, so erzählt L., sei ihm nachts das ständige Blinken des Handys seiner Frau aufgefallen. "Um fünf Uhr früh ging es weiter", sagt er. Das sei ihm komisch vorgekommen. Aber seine Frau habe ihm "proaktiv" ihr Handy mit der Nachricht einer Freundin gezeigt.

Der Mann packte den Leichnam in einen Teppich und beseitigte alle blutigen Spuren

Am Abend des 12. Oktober habe er auf der Couch gesessen, seine Frau sei nach unten gegangen - und habe entgegen ihrer Gewohnheit ihr Handy vergessen. Da habe er ihr Handy angeschaut und "erotische Textnachrichten" entdeckt. "Was sich meine Frau mit demjenigen wünscht oder ob das schon stattgefunden hat - keine Ahnung." Als er sie zur Rede stellen wollte, habe sie "verschwinde" gerufen. Und da sie gewusst habe, dass er nach einem Burn-out auch Suizidgedanken hatte, habe sie gesagt: "Wenn ich dich jetzt umbringe, wäre doch auch alles okay." Dann habe er eine Bewegung von ihr wahrgenommen, zufällig habe auf dem Beistelltisch neben der Couch ein Messer gelegen. Aber er sei schneller gewesen. Ein- bis zweimal habe er auf seine Frau eingestochen, behauptet er.

Die Rechtsmedizin zählte zwölf Stiche, die Staatsanwaltschaft geht nicht von einem dynamischen Geschehen, sondern von einem heimtückischen Mord aus. Nach den Messerstichen soll L. die am Boden liegende Frau gewürgt haben. Dann packte er den Leichnam in einen Teppich, putzte die Wohnung, duschte sich und beseitigte alle blutigen Spuren. "Ich wollte, dass es das alles nicht gibt, die ganze Situation nicht." Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er den Plan hatte, die Leiche verschwinden zu lassen - und es sich dann anders überlegte.

Der 37-Jährige fuhr zu seiner Mutter, zu seinem Bruder, und wieder in die Wohnung. Er schrieb seiner Frau eine SMS, dass er bald heimkommen werde. In der Wohnung sammelte er Sachen der Toten sowie Wertgegenstände aus ihrem Erbe ein, Brillanten und Smaragde, Bargeld und eine Geldkassette, und brachte alles seiner Mutter. Dann fuhr er zur Polizei und stellte sich. Ob Mord oder Totschlag: Das wird nun das Gericht entscheiden müssen.

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