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München:Mit Maschinen sprechen

Der Hort am Hildegard-von-Bingen-Anger nimmt an einem Modellprojekt zur digitalen Früherziehung teil. Für die Kinder geht es weniger um den Umgang mit der Technik als darum, sie kreativ zu nutzen

Von Jerzy Sobotta, Nordhaide

Als der kleine blaue Roboter losfährt, ruft die neunjährige Salla: "Los geht's, Dash!" Nach 30 Zentimetern bleibt er stehen, macht eine 90-Grad-Wende und fährt weiter entlang der Markierung, die mit Kreppband auf dem Teppich aufgeklebt ist. Plötzlich bleibt er wieder stehen und katapultiert einen pinkfarbenen Ball auf eine Betreuerin. Die fünf Kinder, die drum herum stehen, lachen laut. "Dash" fährt ganz nach Plan.

Mit den alten aufziehbaren Spielzeugrobotern, die einfach geradeaus vor sich hergefahren sind, hat der Roboter im Hort am Hildegard-von-Bingen-Anger nicht viel gemein. Denn damit Dash die Strecke abfährt, muss Salla ihn vorher auf dem Tablet programmieren. Dafür gibt es zwar eine kindergerechte App, aber sie muss denken wie ein Informatiker: Sie überlegt sich die Anweisungen und stellt die Parameter genau ein, dann fährt Dash nach Befehl. So lernt die Neunjährige, wie man mit einer Maschine spricht.

Ihren neuen Spielgenossen aus Plastik haben die Hortkinder einem Modellprojekt zu verdanken, in dem 100 Kitas in Bayern zur Spielwiese für digitale Früherziehung werden. Begleitet wird das 1,7 Millionen Euro schwere Projekt der bayerischen Staatsregierung vom Institut für Frühpädagogik. Die Wissenschaftler werten die Ergebnisse aus, wenn der Modellversuch Ende 2020 beendet ist. Jede Einrichtung hat ein Medienpaket erhalten, das unter anderem aus sechs Tablets, einem Beamer, Drucker, Mikrofon und Lautsprechern besteht. All das kommt regelmäßig zur Anwendung: Im Alltag und an besonderen Tagen, an denen ein Mediencoach in den städtischen Hort kommt.

Mediencoach Christoph Thiel (rechts)macht Fiona und Marie vertraut im Umgang mit dem Laptop.

(Foto: Catherina Hess)

Am Hildegard-von-Bingen-Anger ist heute Sonja Di Vetta zu Besuch. Die 30-Jährige betreut neben dem Hort noch sechs weitere Einrichtungen, darunter auch Krippen und Kitas. Sie arbeitet für den gemeinnützigen Verein "Studio im Netz", der in München die Mediencoaches für das Modellprojekt stellt. Neben dem Roboter bringt Di Vetta neue Vorschläge mit, wie die Hardware genutzt werden kann. "Das Ziel ist nicht der Umgang mit der Technik, sondern die kreative Nutzung der neuen Möglichkeiten", sagt Di Vetta. Gestalten statt Zocken also. Damit täten sich auch so manche Erzieher schwer, einigen sei die virtuelle Welt gänzlich suspekt. Mit Wlan-Routern und Tabletts fängt die digitale Bildung gerade erst an. Die große Aufgabe ist die Erziehung der Erzieher.

Inzwischen gibt es kommerzielle Anbieter, die Fortbildungen für Pädagogen als ein Geschäftsmodell entdeckt haben. Zum Beispiel die "Digitalwerkstatt", die neben sechs weiteren Städten auch einen Ableger in München-Neuhausen hat. Gegründet hat die Filiale ausgerechnet Haba, der oberfränkische Hersteller von Holzspielzeug. Vor vier Jahren kaufte die Firma ein Start-up, das sich einen Namen mit kindgerechten Apps fürs Handy gemacht hatte. Ein millionenschweres Geschäft, durch das der Spielzeughersteller den Übergang in die digitale Welt meistern will. Die Rechnung könnte aufgehen, wenn digitale Bildung in der Fläche ausgebaut wird. Denn dann müssen nicht nur Geräte angeschafft, sondern Lehrer und Erzieher für deren Einsatz ausgebildet werden. Und gerade die müssen all das an digitaler Bildung nachholen, was bisher an Berufs- und Hochschulen vernachlässigt wurde.

Keine Angst vor der Maus.

(Foto: Catherina Hess)

Und tatsächlich verlangen die Apps auf den Tablets einiges an Ideen ab: Im Hort in der Nordhaide tüfteln Yonas und Aylin an einem Stop-Motion-Film über Dinosaurier. Den T-Rex haben beide Achtjährigen selbst auf Papier gemalt, genauso wie den gutmütigen Brontosaurus, der gleich gefressen wird. Auch das Blut ist aus rot bemalten Papierschnipseln. Foto für Foto knipsen sie die Bewegung der Dinos und schreiben Buchstabe für Buchstabe mit einem Buntstift einen Text dazu. Nach 94 Fotos sprechen sie sich kurz ab, wie die Story weitergeht.

Dass der Hort an dem Modellversuch teilnimmt, haben die Kinder Christoph Thiel zu verdanken, einem ihrer Erzieher. Schon lange bevor das Medienpaket im Herbst 2018 an den Hort kam, hat er aus eigener Initiative Fortbildungen über digitale Bildung besucht und sich mit anderen Erziehern in einer speziellen Arbeitsgruppe vernetzt. Bald gab es am Hildegard-von-Bingen-Anger eine Hortzeitung und sogar die "Hort-News", in denen die Kids vor einem Greenscreen ihren Eltern einen Wochenrückblick geben. Nach dem Schnitt sehen sie dann so aus, wie richtige Nachrichtensprecher. "Der Umgang mit Medien wird immer wichtiger. Aber manche Kinder können nicht einmal mit der Maus umgehen", sagt Thiel. Neben ihm summt der 3D-Drucker, den er neulich für den Hort angeschafft hat.

Yonas und Aylin erstellen einen Trickfilm.

(Foto: Catherina Hess)

Mittlerweile spielten die Kinder selbständig mit den Tablets, sagt die Hortleiterin Susanne Reinolsmann. Dafür gibt es klare Regeln: Sie müssen fragen, dürfen nicht alleine und nicht länger als 20 Minuten ins Internet. "Das funktioniert super", sagt die Hortleiterin. Kinder, die zu Hause nur Computerspiele gezockt hätten, nutzten die Tablets inzwischen auch für Schulreferate. Auf Youtube schauen sie sich zum Beispiel Erklärvideos an. Und auch deren Eltern interessierten sich inzwischen mehr dafür, was daheim vor dem Bildschirm passiert.

Salla programmiert noch immer den Roboter. Dabei schaut Aylin ihr kurz über die Schulter: "Das ist mir zu kompliziert." Sie macht lieber Stop-Motion-Filme. Die Tablets gehören längst zum Alltag der Kinder. Aber, sagt Aylin: "Normales Spielzeug ist eh viel cooler."

© SZ vom 02.07.2019

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