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Erzdiözese München:"Ich wollte leben, so wie andere Menschen auch"

"Wer hört denn wirklich hin, wer macht wirklich etwas über das pure Erschrecken und Erstarren hinaus?" Das Kunstprojekt "Shadowlight" bringt rüber, was Worte nicht vermögen. Agnes Wich (Vordergrund, links), die selbst als Kind missbraucht wurde, und der Jesuit Hans Zollner (rechts) haben Texte dafür geschrieben.

(Foto: Robert Haas)

Sehenswert und mutig: Das Kunstprojekt "Shadowlight" thematisiert sexuelle Gewalt gegen Kinder - nicht nur in Kirchen.

Von Bernd Kastner

Die Kirche geht ein Wagnis ein, und es entsteht etwas sehr Gutes. Es entsteht aus Licht und Schatten, aus Gesten und Körpern, die sich krümmen, die darniederliegen und dann aufstehen, und das in einer Kirche mitten in München. Es entsteht ein Gefühl für Menschen, die missbraucht wurden, und selbst wenn man wollte, man kann nicht wegschauen, man wird hineingezogen. Die Erzdiözese München und Freising hat ein außergewöhnliches Kunstprojekt initiiert, Shadowlight heißt es und es bringt das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder auf die Kirchenbühne. Dafür haben sie die Bänke in der Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt zur Seite geschoben, dafür haben sie viele Bänder kreuz und quer durchs Kirchenschiff gespannt, Lichtprojektoren aufgebaut und Tänzer engagiert. Das Stück dauert gerade einmal 20 Minuten, aber es vermittelt, was Worte zu oft nicht vermögen. Vieles an Leid ist unsagbar.

Christoph Klingan, der Münchner Generalvikar, formuliert zu Beginn dieser Aufführung, die wegen der Corona-Pandemie nur sehr wenige Zuschauer hat, seine Bestürzung über das Ausmaß von sexualisiertem Missbrauch, auch in der Kirche. Er betont, wie so oft, dass die Diözese an Aufklärung und Aufarbeitung dessen arbeite, was Geistliche getan haben, im kommenden Jahr soll ein neuer Untersuchungsbericht erscheinen, man will Namen von Verantwortlichen nennen.

Das Ordinariat in Gestalt der Kulturmanagerin Andrea-Elisabeth Lutz, hat Mut gezeigt und Agnes Wich in das Projekt einbezogen. Die Sozialpädagogin, Sucht- und Traumatherapeutin, wurde selbst als Kind von einem Priester missbraucht, sie ist bekannt für ihre kritische Haltung zur Kirche. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurde sie einbezogen. "Blütentränen" hießt ein Gedicht von ihr, das zu Beginn von Shadowlight zu hören ist. "Es war Frühling. / Das Mädchen ging unter den blühenden Mandelbäumen hindurch", so beginnt es, um dann anzudeuten, was dem Kind passiert. "Blütentränen. / Dann war es vorbei. / Eine dunkle Wolke legte sich vor die Sonne, die Welt wurde grau."

Es tanzen fünf Menschen nach der Choreografie von Pedro Dias, durch die Kirche flirren und irren Lichter, Philipp Geist ist für die Installation verantwortlich. Es sind kalte Lichter, bedrohlich klingt die Musik, verzweifelt wirken die sich windenden Körper. Als Zuschauer spürt man den Schmerz, man sieht den Lebenskampf und will die Hoffnung fast aufgeben, da projizieren die Lichter das Atmen der Verwundeten auf den Altar. Und es beginnt der dritte Akt, "After Silence", und die Menschen regen sich wieder, die Tat hat sie verwundet, aber nicht getötet. Die Menschen versuchen, sich aus ihren Hüllen zu winden, in denen sie gefangen genommen sind. Am Ende sind sie frei. Es werden Wunden bleiben, aber das Leben wird siegen.

"Ich wollte leben - einfach nur leben, so wie andere Menschen auch - und wusste nicht, wie. Irgendetwas in mir ließ mich im Leben bleiben, irgendetwas in mir bewahrte mich davor, dem Todessehnen nachzugeben." Agnes Wich spricht in dem Stück von sich selbst. "Vielleicht war es das, was ich damals als neunjähriges Kind im Moment der tiefen Erschütterung verloren gegangen glaubte. Vielleicht war es der Schutzengel oder, trotz alledem, Gottes schützende Hand."

Shadowlight würde viele Zuschauer verdienen. Die Corona-Beschränkungen machen das schwierig, aber wenn alles gut geht, soll das Stück bei der "Langen Nacht der Musik" am 17. Oktober öffentlich aufgeführt werden. Sicher aber ist, dass ein Video davon bei Tagungen und Vorträgen zu Missbrauch und Prävention eingesetzt werden soll. "Wie lebt man weiter?" Diese Frage nach der Aufführung, formuliert vom Choreografen, habe die Tänzer während der Proben beschäftigt. Diese Fragen werden noch viele Menschen umtreiben, in der Kirche und außerhalb.

Warme Farben, wieder erwachendes Leben: Fünf Tänzer stellen das verzweifelte Kämpfen derer da, die als Kind Opfer sexualisierter Gewalt wurden.

(Foto: Robert Haas)

"Täter dürfen nicht unerkannt bleiben. Täter dürfen nicht mehr geschützt werden. Wer vertuscht und wegsieht, macht sich mit schuldig." Es ist Hans Zollner, Jesuit und Leiter des CCP, des Centre for Child Protection an der Päpstlichen Universität Gregoriana, der in Shadowlight spricht und auch nach der Aufführung. Er ruft dazu auf, Betroffenen zuzuhören und sich dabei selbst zu konfrontieren mit dem, was an "Verbrechen in unserer Kirche, in unseren Familien, in der Schule, im Sport, im Internet, in unserer Gesellschaft" geschieht. Es folgt ein leuchtender Appell: "Shadowlight ist ein bemerkenswertes Event", sagt Zollner. "Wenn es aber ,nur' ein Event bliebe, wäre es eine bewegende und gute Erfahrung - aber nicht mehr. Shadowlight, wie alle Zeugnisse von und über Betroffene, wird nur bleibend fruchtbar, wenn es zu einem neuen Denken, Fühlen und Handeln führt - wenn wir Betroffenen wirklich zuhören, wenn wir bei geschehenen Verbrechen Ross und Reiter nennen, wenn wir Prävention und Safeguarding zur Chefsache machen und nicht zurückfahren."

Missbrauch sei ein so unangenehmes Thema, das gerne an den Rand gedrängt werde, auch jetzt, wo sich das Ausmaß der Verbrechen in Lügde, Bergisch Gladbach und Münster ahnen lässt. Zollner sieht seine Institution in der Pflicht: "Wer hört denn wirklich hin, wer macht wirklich etwas über das pure Erschrecken und Erstarren hinaus? Die Kirche muss das Ihre tun. Denn in den Opfern ruft Gott selbst. Es ist Zeit, jetzt zu handeln!"

© SZ vom 02.07.2020/vewo
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