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Protokolle von Aussteigern:"Dienen dürfen ist das Höchste"

Pope Benedict XVI Appoints New Cardinals At The Vatican

Mächtiger Fürsprecher: Papst Benedikt XVI, hier bei der Kardinalsweihe seines Nachfolgers Reinhard Marx, hat die "Katholische Integrierte Gemeinde" als Verein nach kirchlichem Recht anerkannt, als er Münchner Erzbischof war.

(Foto: Franco Origlia/Getty Images)

Die "Katholische Integrierte Gemeinde" ist eine kirchliche Gruppe - und eine Parallelgesellschaft, unter der viele leiden. Wie sich ehemalige Mitglieder an ihre Zeit in der KIG erinnern.

Von Bernd Kastner

Viele ehemalige Mitglieder treibt ihre Zeit in der Katholischen Integrierten Gemeinde (KIG) um, auch noch Jahre nach ihrem Ausscheiden. Die SZ dokumentiert einige schriftlich formulierte Erinnerungen und Gedanken von Aussteigern. Sie grübeln nach, warum sie lange dabei blieben, oder beschreiben, was sie erlebt haben, in der KIG und auch heute, im Kontakt mit der Kirche.

Eine Frau erinnert sich an ihre Jahrzehnte in der KIG:

"Wenn ich heute zurückblicke, bin ich mir selbst fremd. Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte, dass ich nahezu fünf Jahrzehnte in innerer und äußerer Abhängigkeit zur Katholischen Integrierten Gemeinde leben konnte. (...) Erst jetzt, im Alter, habe ich erkannt, dass ich ein Opfer von geistlichem Missbrauch war. Ich habe mich endlich gelöst und eigene, freie Gedanken entwickelt. Lange war ich innerlich verkümmert, konnte meinen eigenen Willen weder äußern noch erkennen. ,Ich weiß nicht', war eine typische Antwort von mir. Meine Kreativität hatte ich in den Dienst der Gemeinde gestellt, meine Identität (...) geopfert, sogar meine Kinder dem System überlassen. Mein alleiniger Maßstab waren die Vorstellungen und Anweisungen unserer Gemeindeleiterin Traudl Wallbrecher. Man kann auch sagen: Ich war ihr hörig."

Gudrun Mann, die als kleines Kind in die KIG kam und, mit Unterbrechung, bis 2011 blieb, schrieb vergangenes Jahr einen Brief nach Rom, an Joseph Ratzinger:

"Ich habe von klein auf gelernt, dass ich an einem besonderen Ort aufwachsen darf. Königskinder nannte man uns gerne mal. Und das verpflichtet: Wir Gemeindekinder haben die Gemeinde weiterzutragen, wenn wir das nicht tun, ist das eine besonders schwere Schuld, da wir ja wissen, an welch besonderen Ort wir sind im Gegensatz zu allen andren Menschen. Mit dieser eingeimpften Einstellung kämpfe ich auch heute noch sehr. Eigentlich sagt mein Inneres, darf ich mich niemals gegen die IG stellen und schlecht über sie reden, nicht mal denken oder gar schreiben. Wenn, dann bin ich schlecht, ungläubig. Gehirnwäsche nennt das meine Psychotherapeutin. Ich (...) absolvierte in der IG eine Haushaltslehre (...). Aber man hätte auch sagen können: Ich habe meist sieben Tage die Woche Frühstück, Mittag- und Abendessen organisiert/gekocht, Putzen, Waschen ... einfach alles Nötige gemacht, gearbeitet von früh bis spät. Dies war notwendig, um die Integrationshäuser aufrecht zu erhalten. Anfangs, als ich noch 15, auch 16 oder 17 Jahre alt war, fühlte ich mich häufig stark überfordert (...). Nur zeitweise hatte ich ein ,Lehrfrau', eine erfahrene Hausfrau an der Seite. Meine Therapeutin sagt heute: Kinderarbeit. Und das Ganze verbrämt mit dem Glauben: Dienen dürfen ist das Höchste!"

Mit einem Jahr kam Ute Schwidden in die KIG, mit Mitte zwanzig verließ sie die Gemeinde. Jetzt, mit 40, hat sie einen Brief an ehemalige Mitglieder des Führungszirkels verfasst; sie überlegt noch, ob sie ihn abschicken soll:

"Die Entscheidung, zu gehen, brachte totalen Kontaktabbruch mit allen bisherigen Menschen (ausgenommen meiner Familie) mit sich. Ich merkte auf einmal: Ich hatte keine Freunde in der Gemeinde, denn ich konnte mir nie sicher sein, ob es wirklich um mich oder um eine Missionierung ging. Erst seit ein paar Monaten finden ,wir Abtrünnige' uns wieder. (...) Es handelt sich bei meinem Schicksal nicht um ein Einzelschicksal. (...) Ich kann sagen, dass die Ähnlichkeiten der Symptomatiken mich immer wieder erstaunt. (...) Viele litten/leiden an (schweren) Depressionen, suizidalen Gedanken, Selbstmordversuche wurden unternommen. Gefühle der Einsamkeit, Scham und Schuld sind vorherrschend."

Ein Mann denkt darüber nach, warum er so lange in der Katholischen Integrierten Gemeinde blieb:

"Trotz Ungereimtheiten und dem Erkennen von schweren Fehlern blieb ich dabei und wagte nicht, diese anzusprechen. Ich war wohl emotional zu sehr gebunden - und als Kind hatte ich einen relativ strengen jähzornigen Vater, so dass ich gewohnt war, zu kuschen und mich zurückzuziehen (eine Voraussetzung wahrscheinlich in solchen Strukturen zu leben). Ein Bild beschreibt die Situation recht gut: Wenn man einen Frosch ins heiße Wasser setzt, springt er heraus, wird das Wasser langsam schrittweise erwärmt, bleibt er drin!"

Ein ehemaliges Mitglied hat viele Briefe an die obersten Etagen der katholischen Kirche geschrieben und fasst die Reaktion auf Kritik und Bitten so zusammen:

"Die Korrespondenz mit den Bischöfen kann von den Betroffenen nur mehr als kafkaesk erlebt werden. Briefe werden entweder nicht beantwortet oder die Beantwortung wird an einen Mitarbeiter delegiert. (...) Und wenn eine Antwort kommt, ist sie oftmals in einer Behördensprache verfasst, die jede Form von mitmenschlichem Verständnis oder Anteilnahme für die Betroffenen vermissen lässt. Das Leid der Betroffenen wird zum Verwaltungsakt. (...) Letztlich wird alles soweit bagatellisiert, dass die Betroffenen sich am Ende vorkommen wie Bittsteller, die unangemessene Forderungen stellen; Bittsteller, die immer in der Bringschuld stehen: da benötigen wir Belege und Beweise - wir bitten um Verständnis - wir bitten um Geduld ... aber: Gerne schließe ich Sie in mein Gebet mit ein ..."

© SZ vom 12.06.2021
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Gudrun Mann (l) und Ute Schwidden

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