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Innere Mission:Münchens sozialer Unternehmer

Günther Bauer von der Inneren Mission München, 2020

Zu Beginn seiner Laufbahn hat Günther Bauer als Pfarrer gearbeitet. Aber er wollte mehr als von der Kanzel aus die Welt theoretisch erklären. Er wollte selbst was tun.

(Foto: Florian Peljak)

Günther Bauer geht nach 26 Jahre als Chef der Inneren Mission in den Ruhestand. Er hat die Zahl der Mitarbeiter verfünffacht, den Umsatz auf 280 Millionen Euro erhöht - nicht schlecht für einen Sozialkonzern.

Das Ohrläppchen kriegt es zu spüren. Günther Bauer knetet es, wenn ihm was nicht passt. Zum Beispiel die Sache mit der Gewerkschaft, die gerne die Belegschaft streiken lassen würde. Streiken im Altenheim, für ein höheres Gehalt? Bauer knetet. Da ahnt man, dass dieser Mann, der so leise wirkt, auch energisch werden kann - zum Beispiel dann, wenn er mit einer Gewerkschaft was auszufechten hat.

Günther Bauer ist Chef der Inneren Mission München, demnächst muss man sagen: war Chef. Er geht zum 1. März in den Ruhestand, nach 26 Jahren an der Spitze des heute größten diakonischen Trägers in München und Oberbayern. Im Juni übernimmt Thorsten Nolting, der bisher die Diakonie in Düsseldorf leitet.

An einem seiner letzten Büro-Abende sitzt Bauer, 65, am runden Tisch, in der Ecke hängt ein Kreuz, und er klingt zufrieden. Selbstbewusst ob des Geschaffenen, aber nicht auftrumpfend. In Bauers Zeit hat sich die Zahl der Mitarbeiter der Inneren Mission verfünffacht, von 630 auf 3150 allein in München. Es hat sich der Umsatz des gesamten Konzerns, zu dem auch das Diakonie-Dorf Herzogsägmühle gehört, von 62 auf 280 Millionen Euro erhöht.

Wollte Bauer immer größer und mächtiger werden als Unternehmensboss? Überhaupt - Unternehmen? Als Bürgermeisterin Christine Strobl Bauer bei seiner "Entpflichtungsfeier" in der Christuskirche lobt und preist, da bekennt sie, dass es ihr schwerfalle, die Innere Mission als Unternehmen zu bezeichnen. "Mission Menschlichkeit", das offizielle Motto, sei ihr dann doch lieber als Beschreibung dessen, was da in 110 Einrichtungen allein in München geschieht.

Da fühlte sich Günther Bauer als Unternehmer angesprochen. Noch in der Kirche erklärt er, wie simpel das alles sei. Dass für ihn "unternehmen" das Gegenteil sei von "unterlassen". Statt nichts tun: einfach anpacken und helfen. Jetzt, unterm Kreuz im Büro an der Landshuter Allee, erklärt Bauer so auch das enorme Wachstum. Er habe auf den Bedarf im Sozialen reagiert, und der sei nun mal stark gestiegen. Man denke nur an den Ausbau der Kinderbetreuung, an die wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen, oder an die Tausenden Flüchtlinge. Diakonisches Geschäft. "Sollen wir sagen: Das ist aber schlimm, da muss doch jemand da sein, der sich kümmert?" Bauer hat sich gekümmert.

In die Rolle des Unternehmers sei er hineingewachsen. Ganz anders als damals, als man ihn zu Beginn seiner Laufbahn eher gestoßen habe. Als er seine erste Stelle als Pfarrer antrat, in Grub am Forst war das, im Landkreis Coburg, da war er plötzlich verantwortlich für 15 Leute. Als ob ein Pfarrer automatisch Chef sein könnte. Lange ist Bauer, geboren in Fischbach bei Nürnberg, nicht in der Gemeindearbeit geblieben, er wollte mehr als von der Kanzel aus die Welt theoretisch erklären. Er wollte selbst was tun.

Also promovierte er in Theologie bei Wolfgang Huber, damals Professor in Heidelberg, später Chef des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, studierte Diakoniewissenschaft und arbeitete dann als Referent für den bayerischen Diakoniechef, ehe er 1994 nach München wechselte. Davor rasierte er sich. Er trug einen Vollbart, und was für einen. Ein spaßig-internes Extra-Blatt, das zu seinem 60. Geburtstag erschienen ist, zeigt einen Günther Bauer, der an eine Juniorausgabe eines Ayatollah erinnert. So habe er sich auch noch beworben in München, erzählt Bauer. Wenn sie mich wollen, habe er sich gesagt, dann müssen sie mich nehmen, wie ich bin. Sie nahmen ihn, dann war der Bart ab. Geblieben ist der Seitenscheitel.

Es dauerte nicht lange, da fand sich Bauer in einem heftigen internen Streit, und das ausgerechnet mit der Vorsitzenden der Mitarbeitervertretung, eine Art Betriebsrat in einem kirchlichen Unternehmen. Es ging um die Zukunft des Arbeitslosenzentrums Malz. Der Konflikt spitzte sich so zu, dass Bauer der Mitarbeitervertreterin fristlos kündigte. In dieser Zeit, so erinnert sich Bauer, haben Puppen an Bäumen neben der Zentrale gehangen. Wer das getan hat, weiß er nicht, aber er fühlte sich gemeint. Die Kontrahenten schenkten sich wenig. Öffentlich warfen ihm seine Widersacher vor, aufbrausend zu sein, es gab ein "Mahnschweigen" an der Landshuter Allee, und ein früherer Sozialpfarrer sprach Bauer gar Menschlichkeit und Führungsqualität ab. Irgendwie haben sie sich dann doch wieder eingekriegt, man einigte sich vor Gericht, die Entlassene durfte bleiben, weil sie ihre Vorwürfe zurücknahm.

Wunden aber sind geblieben. Es war eine Zeit, da Bauer, wie er sagt, einen groben Keil zur Hand nahm, der aus seiner Sicht auf einen groben Klotz gehöre. Wenn ihm einer zu heftig kommt, dann gibt er zurück, auch öffentlich. "Es gibt Leute, die verstehen Diplomatie nicht."

Er selbst versteht sich als Sozial-Diplomat, der Konflikte am liebsten intern austrägt, um dann im Konsens zu entscheiden. "Ich versuche Positionen anzugreifen, nicht Personen." Nur so sei es einem möglich, Gesicht wahrend nachzugeben, wenn der andere bessere Argumente habe. Veränderungen bewirke man nicht mit Konfrontation, sondern in gesitteter Debatte. Hat man deshalb Bauer so selten auf den Tisch hauen gesehen? "Man muss dazu bereit sein", sagt er. "Aber wenn Sie immer nur auf den Tisch hauen, bringt es nichts mehr." Die Innere Mission gehörte unter Bauer nicht zu den lautesten im Konzert der Wohlfahrtsverbände. Bauer fühlt sich gut verstanden von Josef Mederer, dem Präsidenten des Bezirkstags von Oberbayern: "Nie laut" sei Bauer gewesen: "Aber deine Stimme war unüberhörbar."

Mit diesem Foto hat sich Günther Bauer beworben: Wenn sie mich wollen, habe er sich gesagt, dann müssen sie mich nehmen, wie ich bin.

(Foto: privat)

Hin und wieder aber ist Bauer, bei allem Unternehmergeist, dann doch nicht durchgedrungen mit seinen Ideen. Gefreut hätte er sich, wenn die Diakonia, eine Tochter der Inneren Mission, bekannt vor allem für ihren Secondhandhandel, einen Bestattungsdienst aufgemacht hätte. "Gestorben wird immer", sagt Bauer, der Unternehmer. Und der der "Mission Menschlichkeit" verpflichtete Bauer erklärt: Viele Bedürftige wünschten sich ein kostengünstiges, aber würdiges Begräbnis. Gerne hätte Bauer auch eine Schule aufgemacht im Münchner Norden, eine Mittelschule, weil Diakonie nicht nur an den Rändern der Gesellschaft wirken solle, sondern auch in der Mitte. Das Projekt scheiterte am fehlenden Grundstück.

Und dann fängt er an, sein Ohr zu kneten. Weil Verdi, die in der Inneren Mission aktive Gewerkschaft, so gerne Streikrecht hätte. Weil die Innere Mission aber ein kirchliches Unternehmen ist, gilt hier der "Dritte Weg", und der schließt Streik aus. Man versteht sich als Dienstgemeinschaft, die alles konsensual regle. Aber ist Streiken nicht das gute Recht von Arbeitnehmern? Jetzt merkt man, dass Bauer auch grantig werden kann. "Das Streikrecht ginge nicht am Arbeitgeber aus", sagt er. "Machen Sie doch mal einen Notbetrieb im Altenheim! Das geht an den Schwächsten aus!" Bauer kann auch Ausrufezeichen.

Klar, auch er würde sich freuen über mehr Geld für die Mitarbeiter, aber das hätte er gerne anders geregelt: Dass Menschen, die gemeinwohlorientierte Arbeit leisten, sei es als Polizisten oder Altenpfleger, einen höheren Steuerfreibetrag zugesprochen bekommen, dass sie also vom Verdienten weniger an den Staat abtreten müssen. Ähnliches fordert er für Menschen, die nur den Mindestlohn erhalten: Der sollte komplett steuerfrei sein. Vermutlich hat Bauer, der Leise, all die Jahre politischer agiert, als man wahrgenommen hat.

Der Erfolg eines Sozialunternehmens lässt sich kaum an spektakulären Einzelprojekten messen. Er lässt sich eher erahnen anhand des Alltäglichen. Wenn in einer Stadt wie München, in der für die Reichen und die Erben alles bereitet ist, die Gesellschaft noch nicht auseinanderfliegt, dann ist das auch Organisationen wie der Inneren Mission zu verdanken. Sie kümmert sich darum, dass die am Rande nicht rausfallen. Und so wundert es auch nicht, wenn Günther Bauer sich weigert, von Höhepunkten seiner 26 Jahre zu sprechen. Lieber erwähnt er die "Normalisierung" des einst Außergewöhnlichen. Dass Demenzkranke jetzt selbstverständlich in den Heimen betreut werden, dass psychisch Kranke nicht mehr ausgestoßen werden. Dazu passt auch, dass sich das Evangelische Hilfswerk, das auch zur Inneren Mission gehört, um Wohnungslose kümmert. Und um Sexualstraftäter, mit denen einst niemand zu tun haben wollte.

Das also versteht Günther Bauer unter Diakonie, was der Duden als "Dienst an Hilfsbedürftigen" beschreibt. Deshalb hat er vor Jahrzehnten die Gemeinde verlassen, er wollte über Menschenrechte und Menschenwürde nicht mehr nur predigen. Deshalb rief er kürzlich in seinem Abschiedsgottesdienst seinen Gästen zu: "Lasst euch nicht unterkriegen, diese Würde zu verteidigen."

© SZ vom 27.02.2020/kaal
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