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Internationale Automobilausstellung:Platz da, hier kommt die IAA

IAA

Männer, die sich um Autos scharen: Solche Bilder brachte die IAA bisher oft hervor. In München soll sich das Konzept deutlich ändern.

(Foto: Silas Stein/dpa)

2021 zieht die Automesse nach München um. Das neue, dezentrale Konzept zielt auf nachhaltige Mobilität, trotzdem sollen in der Stadt Fahrspuren für die Kfz-Show reserviert werden.

Von Max Hägler und Andreas Schubert

Vom Verkaufen scheint Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwas zu verstehen. "Eine coole Präsentation" sei der Imagefilm zur Internationalen Automobilausstellung (IAA), die nächstes Jahr sowie auch 2023 und womöglich auch 2025 in München stattfinden soll. Wenn am Ende noch jemand hätte "Heizdecken" verkaufen wollen, so Söder, hätte man sich das zumindest überlegt.

Das passt schon. Denn bei der IAA, die der Verband der Automobilindustrie (VDA) zusammen mit der Messe München vom 7. bis 12. September 2021 am Messegelände in Riem und an zentralen Plätzen der Innenstadt ausrichten wird, geht es natürlich ums Verkaufen von Autos. Aber eigentlich, so betonten es die Veranstalter am Mittwoch bei der Präsentation des neuen Konzeptes, solle die IAA ja gar keine reine Automesse und PS-Show mehr sein wie in all den Jahrzehnten, als sie in Frankfurt stattfand.

Der Münchner Ansatz ist eine "Mobilitätsplattform der Zukunft". Bei dieser soll es um alle möglichen Arten der Fortbewegung gehen und vor allem darum, wie sich diese am besten verbinden lassen. Stärker als bislang sollen der Klimaschutz und die Nachhaltigkeit mitgedacht werden. Verbrennungsmotoren werden zwar noch ihren Platz finden. Es ist ja auch die Technik, mit der die deutschen Hersteller am meisten Geld verdienen. Weil aber Batterieautos nun einmal zunehmend von der Politik gefordert sind, sollen in München vor allem sparsame und saubere Antriebe ausgestellt werden: Elektro, synthetische Kraftstoffe oder Brennstoff-Zellen. Und daneben werden alternative Formen der Fortbewegung ihren Platz finden. Neben dem Fahrrad sollen etwa E-Scooter, E-Bikes oder der öffentliche Nahverkehr zum Thema werden. Wobei: Die Gewichtung fällt unterschiedlich aus, je nachdem, wer spricht. Die Industrieleute, angeführt von VDA-Präsidentin Hildgard Müller, betonen durchaus das Wort "Auto". Die Messe und die Stadt München hingegen stellen eher auf die Mobilität insgesamt ab.

Jedenfalls wird die IAA im kommenden Jahr in drei große Bereiche gegliedert: einen "Summit" (deutsch: Gipfel) auf dem Messegelände, wo sich vor allem die Unternehmen präsentieren und einander begegnen sollen; den "Open Space", also öffentlichen Raum, wo "Visionen, Innovationen und nachhaltige Mobilitätslösungen" vorgestellt und diskutiert werden sollen. Zusätzlich soll es dort auch ein kulturelles Angebot geben, etwa Konzerte. Konkret wollen die Veranstalter den Marien- und Odeonsplatz, den Königsplatz, den Wittelsbacher Platz, den Max-Joseph-Platz, den Marstallplatz und die Residenz bespielen.

Verbunden werden die Flächen schließlich mit einer "Blue Lane" (blaue Spur), die von Riem über die A 94 und die Prinzregentenstraße ins Zentrum führen soll. Dafür wird je Richtung eine reguläre Fahrspur gesperrt, um Platz zu machen für öffentlichen Nahverkehr und Ausstellungsfahrzeuge mit emissionsarmen Antrieben, die aber zudem mit mehreren Personen besetzt sein müssen.

Diese "Lane" ist einer der Punkte, an denen sich Kritiker stören. Der Bund Naturschutz (BN) und der Fahrradklub ADFC fürchten, dass Radfahrer und Fußgänger zu kurz kommen. "Die Deutungshoheit über nachhaltige Mobilität darf München nicht einem Autolobby-Verband überlassen", sagt Martin Hänsel, stellvertretender Geschäftsführer des BN in München. "Dass für wenige High-Tech-Mobile während der IAA exklusive Fahrspuren reserviert werden, ist geradezu absurd, da es bislang keinen Platz für breite, sichere Radwege gab und direkte U-Bahn-Verbindungen von der Innenstadt zur Messe ohnehin bestehen. Wie die sogenannten Blue Lanes zugleich als sichere Fahrrad-Schnellwege fungieren sollen, bleibt völlig offen", schreibt Andreas Groh vom ADFC.

Die Show ist nicht unumstritten. Kritik sei durchaus willkommen - wenn sie "friedlich" ablaufe, sagt Hildgard Müller, die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) betonte indes bei der Vorstellung des Konzepts, das diese Testspuren nicht für "VIPs" gedacht seien, sondern Beispiel geben könnten für neue Fortbewegungsmittel. Denn München sei die Stadt in Deutschland mit dem höchsten Verkehrsaufkommen. Sie müsse lernen, damit besser umzugehen: "Mobilität ist das zentrale Thema der Stadtpolitik", sagte Reiter. Urbane Mobilität müsse "ganz neu" und in "größeren Zusammenhängen" gedacht werden.

Auch Christian Schottenhamel, Großgastronom und München-Chef des Gastronomieverbands Dehoga und Wolfgang Fischer vom Gewerbeverband City-Partner sind überzeugt davon, dass die Stadt von der IAA nur profitieren kann. Natürlich: Tausende von Besuchern bedeuten etliche Übernachtungen und Gasthaus-Besuche.

Doch dass es funktioniert, ist noch nicht ausgemacht - trotz der Verkaufe im Heizdecken-Stil. Die IAA zählt zwar bislang zu den wichtigsten Auto-Ausstellungen weltweit: Genf, Paris, Detroit, Shanghai, Frankfurt - das war der Takt der Industrie. Aber immer weniger Menschen kommen zu den Shows und auch immer weniger Hersteller. Genf im kommenden Jahr ist gestrichen, wegen der Corona-Pandemie, aber nicht nur. Detroit wird von Grund auf neu konzipiert, mit unklarem Ausgang. Und in Frankfurt ist aus dem vergangenen Jahr der Protest von Klimaschützern in Erinnerung: Vor allem junge Leute blockierten die Zugänge zur Messe, breiteten in den Hallen Protestplakate aus. Der Oberbürgermeister dort äußerte sich auch nicht nur wohlwollend. Wegen des Tohuwabohus der deutlich zurückgehenden Zuschauerzahlen kündigte noch auf der IAA 2019 der damalige VDA-Chef Bernd Mattes seinen Rücktritt an. Und die deutschen Autounternehmen beschlossen, einen neuen Platz zu suchen für ihre Show.

In einem Wettbewerb setzte sich im Frühjahr dann München durch: Ruhiger soll es hier vor allem zugehen, das ist die Hoffnung. Kritik sei willkommen, wenn sie denn "friedlich" abliefe, so formulierte es VDA-Präsidentin Hildgard Müller am Mittwoch. Mehr Diskussion und Dialog soll unschöne Proteste verhindern. Denn das Ziel ist letztlich: das ungestörte Anpreisen von neuen Automobilen. Wie es Söder selbst sagte.

© SZ vom 02.07.2020/aner
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