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Palliativmedizin:Verein plant ambulantes Hospiz-Zentrum

Sie leiten den Christophorus Hospiz Verein und wollen ein neues Haus errichten: Leonhard Wagner, Renate Salzmann-Zöbeley und Sepp Raischl (v.l.).

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Der Christophorus Hospiz Verein (CHV) will ein ambulantes Hospiz-Zentrum schaffen. Ein vergleichbares Angebot gibt es in Deutschland bisher nicht.
  • Der CHV will die Patienten künftig bereits kurz nach der entsprechenden Diagnose erreichen, also Monate oder Jahre vor ihrem Tod.
  • Noch fehlt die Zusage für einen geeigneten Standort mit etwa 1500 Quadratmetern.
  • Die CHV-Chefs würden das Zentrum gerne auf dem Gelände des Schwabinger Krankenhauses errichten.

Für unheilbar kranke Menschen soll in München ein neuartiges Angebot entstehen: ein ambulantes Hospiz-Zentrum. Der Christophorus Hospiz Verein (CHV) will diese Einrichtung schaffen, er betreibt bereits eines von zwei stationären Hospizen in der Stadt. Im neuen Haus sollen schwerkranke Patienten und ihre Angehörigen viel früher als bisher Hilfe erhalten. Der CHV will die Patienten künftig bereits kurz nach der entsprechenden Diagnose erreichen, also Monate oder Jahre vor ihrem Tod. Gelingen soll das mit einem niedrigschwelligen Tagesangebot mit Beratung, Therapie und Behandlung, auch durch Palliativmediziner, sowie einer Begegnungsstätte. Das Zentrum wäre das erste derartige Haus in ganz Deutschland, sagt Renate Salzmann-Zöbeley, Aufsichtsratsvorsitzende des CHV. Starten könnte es in zwei bis drei Jahren, vorausgesetzt, der Verein findet eine Immobilie.

Gut 200 Patienten nimmt das CHV-Hospiz in Bogenhausen pro Jahr stationär auf. Jeder zweite von ihnen stirbt in den ersten ein, zwei Wochen. Die letzten Tage im Leben eines Menschen beginnen aber viel früher. Viele Patienten bräuchten eher Hilfe, dann nämlich, wenn ihnen der Arzt eröffnet, dass sie keine Chance haben, gesund zu werden. Leonhard Wagner, der Vorstandschef des CHV, verweist auf die Defizite: "In unserem auf Heilung ausgerichteten Gesundheitssystem fühlen sich diese Menschen häufig verloren, sie finden nicht die richtigen Ansprechpartner." Dabei stünden in der letzten Phase viele Entscheidungen an, medizinische und soziale.

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Bisher richten sich Hospizangebote vor allem an Krebspatienten. Die Zahl der Patienten mit anderen unheilbaren Krankheiten sei wesentlich größer, sie aber bekämen meist keine adäquate Hilfe. "Dies führt dazu, dass Betroffene unnötig leiden und in zu vielen Fällen aufgrund der fehlenden Versorgungsplanung in Akutkliniken versterben", heißt es beim CHV. Das Hospiz-Zentrum will sich deshalb weiteren Patientengruppen öffnen, auch geriatrisch erkrankten, multimorbiden Menschen.

"Wer früher aufhört, länger leben zu wollen, der lebt länger": So fasst CHV-Vorstand Sepp Raischl diverse wissenschaftliche Studien zusammen: Wer sich nach einer zunächst niederschmetternden Diagnose frühzeitig mit seinen Fragen und Ängsten beschäftige und gut begleitet werde von Angehörigen oder Fachkräften, der erlebe eine bessere letzte Zeit. Und er lebe länger. In der geplanten Tageseinrichtung will der CHV Patienten auch ermutigen, mit ihren Angehörigen über ihr zu Ende gehendes Leben zu sprechen und sich gemeinsam auf den Tod vorzubereiten. "Da ist so viel Sprachlosigkeit", sagt Raischl, das belaste viele Betroffene. Auch die Angehörigen sollen deshalb einbezogen werden. Sie sollen lernen können, wie sie die Patienten daheim versorgen, um ihnen ein Sterben zu Hause zu ermöglichen; und sie sollen sich aufs Trauern vorbereiten. Bisher schon bietet der CHV "Letzte Hilfe Kurse" an, dieses Angebot will man erweitern.

Auf Betten will der CHV verzichten, um keine Barrieren zu schaffen. "Das Hospiz ist der Ort des Sterbens", sagt Raischl. Ins Zentrum aber soll niemand zum Sterben gehen, sondern um sich Kraft zu holen. Dort soll es nicht wie im Krankenhaus aussehen - deshalb soll es ein Café geben und einen Aufenthaltsbereich, der an ein Wohnzimmer erinnert. Diese Räume sollen das Herzstück des neuen Hauses werden, ein Ort der Begegnung mit anderen Schwerkranken, die ähnliche Gedanken beschäftigen und ähnliche Fragen quälen.

"Wir wollen anfangen", sagt Wagner. Noch existiert das Hospiz-Zentrum nur als Konzept, doch der CHV ist sicher, in zwei bis drei Jahren starten zu können. Die Finanzierung sei dank Rücklagen gesichert.

Allein, noch fehlt die Zusage für einen geeigneten Standort mit etwa 1500 Quadratmetern. Die CHV-Chefs würden das Zentrum gerne auf dem Gelände des Schwabinger Krankenhauses errichten. Dort werden in nächster Zeit im Rahmen der Umstrukturierung Flächen frei, dorthin würde das Zentrum sehr gut passen, sagt Wagner. Es würde sich einfügen in andere medizinische Angebote und es sei gut erreichbar. Die Stadt habe den CHV selbst auf das Areal in Schwabing hingewiesen, vor etwa zwei Jahren sei das schon gewesen. Nachdem der CHV Interesse bekundet habe, sei aber nichts mehr vorangegangen. Schade sei das, sagt Salzmann-Zöbeley.

Vielleicht kommt nun Bewegung in die Pläne: "München braucht ein Zentrum für Hospiz- und Palliativbetreuung", fordert die CSU-Fraktion und hat dies vergangene Woche im Stadtrat beantragt. Ein "Leuchtturmprojekt" wäre das und ein wichtiger Schritt, um die palliativen Angebote besser mit dem bestehenden Gesundheitssystem zu vernetzen. Der Name des Christophorus Hospiz Vereins wird nicht erwähnt, das von der CSU skizzierte Konzept entspricht aber dem des CHV.

Derzeit gibt es in München 28 stationäre Hospiz-Betten, 16 davon im CHV-Haus, zwölf im Johannes-Hospiz der Barmherzigen Brüder in Nymphenburg. Der ambulante Hospizdienst "Dasein" will ein drittes stationäres Haus schaffen, möglichst in der Innenstadt. Zudem gibt es vier ambulante Hospiz- und Palliativdienste.

© SZ vom 21.01.2020/fema
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