München Heimat, das ist Frieden und Nutella

Auf einer Weltkarte im Freimanner "Heidetreff" zeigen viele kleine Stecknadeln, wo die Jugendlichen ursprünglich herkommen. In einem Workshop haben sie jetzt einen Dokumentarfilm gedreht, in dem es um das Gefühl geht, irgendwo zu Hause zu sein

Von Lea Weinmann, Freimann

Heimat, das ist Familie, Erinnerung, Nutella, Frieden, Vertrauen, der Geruch des Meeres, Ehrlichkeit, Wlan, Natur, Arbeit, Ruhe, Sprache und Religion. Dieser Meinung sind zumindest die Jugendlichen, die vergangenen September im Nachbarschaftstreff "Heidetreff" in Freimann auf einem großen Plakat alles zusammengetragen haben, was ihnen zu dem Begriff in den Sinn gekommen ist. Die Ergebnisse sind so bunt wie die Stifte, mit denen sie ihre Ideen auf das Papier geschrieben haben.

Eine Woche lang haben sich die Zwölf- bis 18-Jährigen mit Heimat auseinandergesetzt - ihrer eigenen und der Heimat der anderer. Was bedeutet der Begriff für sie selbst und für die Menschen im Stadtviertel? Das Projekt war als Sommerferienprogramm des Nachbarschaftstreffs und Familienzentrums/Familienstützpunkts in Freimann angelegt. Die Erkenntnisse, die die Jugendlichen in fünf Tagen gewonnen haben, hält ein Dokumentarfilm fest, den sie selbst produziert haben. Denn parallel zum theoretischen Leitthema lernten die jungen Teilnehmer mit Unterstützung des Filmteams "Ideal Entertainment" Interviews zu führen, mit einer Kamera umzugehen, den Ton richtig zu angeln und als "Storyteller" den berühmten roten Faden im Film nicht zu verlieren.

Viele Blickwinkel: Fünf Tage setzten sich die Jugendlichen aus Freimann mit dem Begriff Heimat auseinander.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ganz schön viel Programm für eine Woche, dazu noch der schwere inhaltliche Stoff. Sozialpädagogin Nina Diemer vom Familienstützpunkt lag das Thema am Herzen, denn der Begriff begegne einem überall im Alltag, momentan werde er aber "medial fast missbraucht". Die Kinder aus Freimann sollten sich mit dem Gefühl von Heimat auseinandersetzen. Heimat sei etwas ganz Individuelles und doch gebe es Gemeinsamkeiten: "Nicht jeder mag Weißwurst, aber Essen schafft Heimatgefühl", weiß die Pädagogin. Diese "Vielfalt im Miteinander zu denken", sei ihr Ziel für das Projekt gewesen, und die 34-Jährige ist beeindruckt, wie gut das funktioniert habe.

Die Kinder, junge Menschen mit Wurzeln in Italien, Afghanistan, Pakistan, Deutschland und Sierra Leone, zeigten schon am ersten Tag der Projektwoche ein tief gehendes Gespür, als sie sich über ihren eigenen Heimatbegriff klar werden sollten. "Heimat ist für mich Frieden", sagt der 13-jährige Kamran. Er ist im Iran geboren, gemeinsam mit seinen Eltern kam er vor etwa drei Jahren nach Deutschland. In Deutschland besucht er gerade die sechste Klasse und will einmal Modellzeichner werden. Afghanistan, das Heimatland seiner Eltern, das sei keine Heimat für ihn, "weil da gerade Krieg ist". Aber: "Hauptsache, meine Familie ist da", fügt er noch hinzu.

Für den Dokumentarfilm wurden auch Vertreter von Amnesty International interviewt.

(Foto: Kinderschutzbund München/oh)

Ihre Familie, die nennen die meisten Jugendlichen als erstes. Heimat ist da, wo ihre engsten Angehörigen sind. Kadi, 18, aus Sierra Leone, nahm zusammen mit ihrem Bruder Charles am Filmprojekt teil. Vor einem Jahr ist der Vater der beiden gestorben, das gab für ihre Mutter den Ausschlag, die Kinder zu sich nach Deutschland zu holen. Die Mutter lebte zu dem Zeitpunkt schon einige Jahre hier. "Ich bin dort zu Hause, wo meine Mama ist", sagt Kadi in fließendem Deutsch. Die Sprache kennen, um mit anderen zu reden und die Kultur kennenzulernen, auch das gehört für sie zur Heimat dazu. In ihrer ersten Zeit in Deutschland hat sie nichts verstanden und war sehr isoliert.

Andere Jugendliche fühlen sich heimisch in der Natur, wo ähnliche Blumen wie in der fernen Heimat wachsen, oder verbinden ihr Zuhause mit dem Ort, "wo man Mittagessen macht", wie der 17-jährige Daniel Scarano, dessen Familie aus Sizilien kommt und der es "super spannend" fand, dass man auch an mehreren Orten zu Hause sein kann. Auf einer Weltkarte im "Heidetreff" zeigen viele kleine Stecknadeln, wie weit die Heimaten der Kinder auseinander liegen.

Filmproduzenten unterstützten die Jugendlichen bei der Arbeit.

(Foto: Kinderschutzbund München/oh)

Auf den fast schon philosophischen Einstieg in die Woche folgte geballte Praxis. Die Gespräche mit Menschen aus Freimann bereiteten die Jugendlichen gemeinsam mit zwei Medienproduzenten des Kreativ-Kollektivs "Ideal Entertainment" vor. Ein "richtig kleines Filmteam" habe sich entwickelt, so Sozialpädagogin Diemer. Jeder hatte seine Aufgabe, die aber auch untereinander rotierte, damit alle einmal alles ausprobieren konnte. Bei der Vergabe der Interviews, die schon in den Wochen zuvor vereinbart worden waren, entstanden "von ganz allein spannende Kombinationen", sagt Diemer. So wählten die beiden Jungen mit Fluchthintergrund das Bezirksausschuss-Mitglied Patric Wolf (CSU) als Interviewpartner. Kadi und Rosario, beide ohne Verbindung zum Islam, fragten den Imam einer Moschee aus. "Ich war noch nie in einer Moschee", sagt der zwölfjährige Rosario dazu. "Ich wollte mal wissen, was so ein Imam den ganzen Tag macht."

Ihre Interviewpartner nahmen die Jugendlichen ordentlich in die Mangel. Eine Professorin der Psychologie, die an der Katholischen Stiftungshochschule München arbeitet, "schlackerte mit den Ohren", als die Jugendlichen sie fragten, welchen Beitrag die Psychologie denn zur Beheimatung leiste, erzählt Diemer. Straßenbefragungen unter Freimanner Bewohnern und die persönliche Vorstellung aller Projektteilnehmer ergänzen den Dokumentarfilm, den die Produzenten von "Ideal Entertainment" in den kommenden Herbstferien gemeinsam mit den Jugendlichen fertig stellen. Ende November soll der fertige Film im Internet veröffentlicht und in Freimann öffentlich gezeigt werden.

Den "Mut zu Wahnsinnstaten" nehmen Nina Diemer und ihre Kollegen aus dem Projekt mit. "Die Kinder können viel mehr, als man sich das vorstellt." Die Intention des Projekts, das "Verbindende" zu zeigen, tragen die Kinder als Multiplikatoren in ihre Familie hinein, so die Hoffnung von Nachbarschaftstreff und Familienstützpunkt, die beide dem Kinderschutz München angehören. Im sehr heterogenen Stadtteil Freimann, in dem sich so viele unterschiedliche Menschen zu Hause fühlen, zeige so ein Film vor allem eines, sagt sie: "Wir sind alle Nachbarn."