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Pilotprojekt "Casa Papa":Zuflucht für Väter

Casa Papa, Diakonie-Projekt im Hasenbergl für Väter in Not

Beratungsgespräch: Sozialpädagoge Markus Nau von Casa Papa (rechts) und Clement Zionkoe. Seine beiden Kinder seien das Wichtigste in seinem Leben, sagt der 35-Jährige.

(Foto: Florian Peljak)

Wenn Eltern auseinandergehen, verlieren die Männer oft den Kontakt zu ihren Kindern, weil ihnen ein privater Ort für das Miteinander fehlt. Ein Pilotprojekt der Diakonie Hasenbergl bietet frisch Getrennten acht Plätze in drei Wohngemeinschaften an.

Von Jerzy Sobotta

Das Jahr 2020 würde Clement Zionkoe am liebsten streichen. Es war das Jahr, in dem er viel verloren hat: seine Arbeit, seine Wohnung, seine Partnerschaft. "Und es fühlt sich so an, als ob ich auch meine Würde verliere", sagt der 35-Jährige. Wenn er von diesen Monaten erzählt, stockt ihm ab und zu die Stimme, trotzdem wirkt er gefasst. Denn das Wichtigste in seinem Leben sei ihm geblieben: seine fünfjährige Tochter und sein dreijähriger Sohn. Dass er den Kontakt zu ihnen nicht verloren hat, das verdanke er Casa Papa, einer Gemeinschaftswohnung für frisch getrennte Väter.

Zionkoe zeigt sein Zimmer. Es ist praktisch eingerichtet: ein großer Schrank, ein Regal, ein einfacher Schreibtisch. Es sieht aus wie bei einem, der nicht lange bleiben will. Das Wichtigste hier sei das Bett, sagt Zionkoe und schiebt den Nachttisch zur Seite. Man kann es ausziehen. So können seine beiden Kinder bei ihm übernachten, wenn sie zu Besuch sind. Nähe, Zärtlichkeit, Privatheit - all das geht verloren, wenn der Raum dafür fehlt, wenn die Begegnung mit den eigenen Kindern nur im Kino, im Fastfood-Restaurant oder auf dem Spielplatz stattfinden kann.

Viel zu oft verlieren getrennte Väter den Kontakt zu ihren Kindern. Um das zu verhindern, gibt es bei Casa Papa drei Wohngemeinschaften für insgesamt acht Männer. Hier können sie einen ersten Halt finden, nach einer eigenen Wohnung und einer Perspektive suchen. Zionkoes beide Mitbewohner sind in einer ähnlichen Lage wie er. Auch ihre Familien sind zerbrochen, auch sie haben ein Zimmer für 400 Euro, ein Ausziehbett für ihre Kinder. Manchmal kochen die drei Männer zusammen, sitzen am Holztisch im Wohnzimmer, trinken Tee und erzählen sich, wie sie hier gelandet sind.

Es war ein sonniger Donnerstagmorgen Ende Mai, als Clement Zionkoe die Nummer von Casa Papa zum ersten Mal wählte. Zu Hause hatte es gekracht, mal wieder. Zu lange hatte die Familie zu siebt in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung gelebt: seine Frau, ihre drei Kinder aus erster Ehe, die beiden gemeinsamen Kinder und er. Vor einem Jahr fanden sie endlich eine größere Sozialwohnung. "Wir dachten, dass der ständige Streit endlich aufhört, wenn es nicht mehr so eng ist", erinnert sich Zionkoe. Für den Umzug und die Einrichtung nahm er einen Kredit von 25 000 Euro auf. Er hätte ihn auch abbezahlen können, denn er war damals Lagerlogistiker bei einem großen Flugzeugbauer. Doch dann kamen Corona und die Krise.

Sein Vertrag wurde nicht verlängert. Auch zu Hause klappte es nicht, trotz der größeren Wohnung. Mit dem ersten Lockdown eskalierte der Streit mit seiner Frau. Zionkoe wusste, er muss raus. "Bevor etwas Schlimmes passiert", sagt er. Und so stand er plötzlich auf der Straße, mitten in einer Pandemie, verschuldet, arbeitslos, ohne zu wissen, wo er die Nacht verbringen sollte.

"Männer bewältigen ihre Trennungsschmerzen anders"

"Wir sind eine Väterberatung, kein Wohnungslosenprojekt", sagt der Sozialpädagoge Markus Nau. Er ist einer der beiden Sozialarbeiter bei Casa Papa. Bei Trennungen seien es meist die Männer, die ausziehen. "Viele haben gegenüber ihren Kindern ein schlechtes Gewissen, denn sie verlassen ja nicht nur die Frau, sondern die ganze Familie." Hinzu kämen Scham, Stress und Geldsorgen. "Männer bewältigen ihre Trennungsschmerzen anders, viele wirken dann fordernd, manchmal aggressiv. Aber das ist oft eine Form der Trauerbewältigung", sagt Nau.

Vor einem Jahr wurde Casa Papa ins Leben gerufen, es ist ein Pilotprojekt der Diakonie Hasenbergl. Und laut Nau eines der ersten Wohnprojekte für Väter in Deutschland. "Das Rollenbild von Vätern ändert sich stark. Heute sehen sie sich nicht mehr allein als Ernährer, sondern als emotionale Bezugspersonen", sagt der Sozialpädagoge. Die neue Rolle bringt neue Probleme mit sich, gerade in Krisensituationen. Denn die soziale Realität ändert sich schneller als das Beratungs- und Hilfssystem.

In München gibt es derzeit 24 Einrichtungen für Erziehungsberatung und zwölf Beratungsstellen für Ehe- und Familienberatung in städtischer, kirchlicher und freier Trägerschaft. Doch getrennte Väter erreichen die meisten Beratungsstellen kaum. Das geht aus einem Bericht des Sozialreferats vom Februar hervor. Der Stadtrat erkannte den Mangel und stimmte Anfang des Jahres für ein Väterberatungszentrum. Eigentlich hätte es in diesen Monaten die Arbeit aufnehmen sollen, doch die Pandemie kam dazwischen. "Aufgrund der derzeitigen Haushaltslage wurden die Planungen erst einmal gestoppt", heißt es nun vom Sozialreferat.

Wie bricht man aus der Konfliktspirale aus?

Dafür fördert die Stadt seit diesem Jahr das bundesweite Projekt "Mein Papa kommt". Es unterstützt getrennte Elternteile, die weit weg von ihren Kindern wohnen. Sie können bei ehrenamtlichen Gastgebern für einige Nächte einen kostenlosen Schlafplatz für sich und ihr Kind finden, oder ein "Kinderzimmer auf Zeit". Es ist das einzige Projekt, das sich explizit an getrennte Väter richtet - neben Casa Papa. Die Förderung dort läuft noch bis 2022. Danach hofft Nau auf eine Regelförderung. Ob die kommt, ist aber unklar bei der miserablen Haushaltslage.

Neben den Wohngemeinschaften bietet Nau eine Beratung für Väter an, noch bevor der Konflikt eskaliert. Wie bricht man aus der Konfliktspirale aus? Wie vermeidet man den Machtkampf mit der Mutter? Wie findet man einen Mittelweg? "Leider kommen die meisten Männer erst dann zu uns, wenn es keinen Weg zurück mehr gibt", sagt er. So war es auch bei Clement Zionkoe, der anrief, als er schon auf der Straße stand.

Zionkoe verbrachte einige Nächte in einer Obdachlosenunterkunft am Kolumbusplatz, einige im Auto. Zu seinem Glück wurde bei Casa Papa ein Platz frei, und er konnte ein paar Tage später einziehen. "Ich weiß nicht, was sonst mit mir passiert wäre", sagt er. Er hat sogar überlegt, zurück in die Elfenbeinküste zu gehen, wo er aufgewachsen ist und studiert hat. Der Grund, warum er nicht gegangen ist: "Meine Kinder. Sie sind das Wichtigste in meinem Leben." Mit dem neuen Jahr würde Zionkoe sein Leben am liebsten auf Null setzten, den Resetknopf drücken. Doch dazu muss er in die Schuldenberatung, vielleicht durch die Privatinsolvenz - und er muss eine Wohnung finden, in München schwierig. Aber Zionkoe will kämpfen: "Die Kinder geben mir die Kraft."

© SZ vom 24.12.2020/infu
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