Johannisplatz:Einst Protest, heute ein Fest

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Johannisplatz: "Das weiße Band" hieß die Aktion des Künstlers Alexeij Sagerer: Ein Brautpaar spannte eine 600 Meter lange Stoffbahn, um zu "warnen, "dass der Platz seine Unschuld verliert".

"Das weiße Band" hieß die Aktion des Künstlers Alexeij Sagerer: Ein Brautpaar spannte eine 600 Meter lange Stoffbahn, um zu "warnen, "dass der Platz seine Unschuld verliert".

(Foto: Sammlung Hermann Wilhelm/oh)

Der Johannisplatz ist über die Grenzen Haidhausens bekannt und beliebt. Nur seine Anwohner verhinderten aber, dass er verkleinert und Bauplatz einer Tiefgarage wurde. Vom damaligen Streit ist eine Stadtteilfeier geblieben: der Kultursonntag Haidhausen.

Von Patrik Stäbler

Wer den eigentlich unschätzbaren Wert der grünen Oase namens Johannisplatz beziffern will, der sei auf die Webseite der nicht eben für preisgünstiges Wohnen bekannten Immobilienfirma Legat Living verwiesen. Dort werden schon jetzt Apartments in einem Neubau in Haidhausen feilgeboten, noch ehe das Bestandsgebäude neben dem Johannis-Café überhaupt abgerissen ist. Die Preise beginnen bei 1,1 Millionen Euro für die 41 Quadratmeter kleine Ein-Zimmer-Wohnung. Derlei Summen würden wohl kaum aufgerufen, wenn direkt vor dem Gebäude die Ein- und Ausfahrt zu einer Tiefgarage läge. Wenn sich die Autos auf ihrer steten Parkplatzsuche dort drängen würden. Und wenn der idyllische Johannisplatz rund um die Pfarrkirche deutlich kleiner wäre.

Dabei war genau das vor gut 40 Jahren geplant. Damals wollte das Rathaus im Rahmen der anlaufenden Stadtteilsanierung in Haidhausen eine Tiefgarage unter dem Johannisplatz errichten - mit 150 Stellplätzen, für circa sieben Millionen Mark. Viele Menschen im Viertel hielten davon reichlich wenig und starteten 1979 die Kampagne "Rettet den Johannisplatz" mit diversen Protestaktionen. "Wir haben sicher einen nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet, dass die Tiefgarage nicht gebaut wurde und dieser wunderschöne Platz erhalten geblieben ist", sagt Alfred Bergmiller, der im Südteil des Johannisplatzes auf einer Bank sitzt und sichtlich zufrieden die blühenden Blumeninseln, die grüne Wiese und die mächtigen Ahornbäume überblickt.

Bergmiller gehörte seinerzeit der Mieterinitiative Haidhausen an, die sich für den Protest mit Anwohnern zusammentat. Um drei Dinge sei es ihnen gegangen, erzählt er. Erstens befürchtete man, dass eine Tiefgarage mehr Verkehr anziehen würde. Zweitens hätten für das Bauprojekt etliche Bäume weichen müssen. Und drittens wäre der Charakter des Johannisplatzes gefährdet gewesen, sagt Bergmiller - schließlich hätte man für die Tiefgarage circa 1000 Quadratmeter von der Grünanlage abzwacken müssen.

Haindling machte Musik, Schauspieler Jörg Hube trug eine Ballade vor

Um dies abzuwenden, sammelte die Initiative "Rettet den Johannisplatz" hunderte Unterschriften, machte ihrem Unmut bei Bürgerversammlungen Luft und veranstaltete im Mai 1981 eine denkwürdige Protestaktion, konzipiert vom Künstler Alexeij Sagerer. Er ließ ein Brautpaar den Johannisplatz umrunden, das dabei ein 600 Meter langes weißes Band um das Areal spannte. "Das jungfräuliche Weiß sollte davor warnen, dass der Platz seine Unschuld verliert", sagt Alfred Bergmiller. Das Fest zog mehr als 1000 Menschen an, für die Musik sorgte ein gewisser Hans-Jürgen Buchner, der später als Haindling Karriere machen sollte, und der Schauspieler Jörg Hube sang eine eigens komponierte "Ballade aus dem alten Haidhausen". Darin heißt es: "Beim Sterb'n helfen die Spekulanten / Indem sie sich fleißig sanier'n / Die Mieter, die müssen ausziehen / Und wenn sie nicht wollen: krepier'n!"

Das Fest auf dem Johannisplatz war ein solcher Erfolg, dass es fortan jährlich stattfand und bald zur Institution wurde. Anfangs habe noch der Protest gegen die Tiefgarage im Vordergrund gestanden, sagt Rupert Pfliegl, der die Veranstaltung seit 2011 organisiert. Doch im Laufe der Zeit sei daraus mehr und mehr eine Stadtteilfeier geworden, die sich heute Kultursonntag Haidhausen nennt. "Die meisten Besucher", schätzt Pfliegl, "kennen die Ursprünge wahrscheinlich gar nicht." Alfred Bergmiller jedoch hat durchaus noch lebhafte Erinnerungen daran. "Der Protest hat Wirkung gezeigt", sagt er zufrieden. "Dass die Tiefgarage am Johannisplatz damals verhindert wurde, darauf können wir stolz sein."

Der Kultursonntag Haidhausen, der vom Verein AKA und Bürgern des Stadtteils organisiert wird, startet an diesem Sonntag, 3. Juli, um 14 Uhr. Es gibt ein Bühnenprogramm mit Musik, außerdem stellen sich mehr als 25 Einrichtungen aus Haidhausen mit Info- und Mitmachständen auf dem Johannisplatz vor.

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