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Kriminalität:Wie aus Komplizen Feinde wurden

Geldtransporter

Rijad K. und Bahrudin B. ist es bei dem Raub vor zwei Jahren gelungen, sämtliche Sicherungssysteme eines Geldtransporter (Archivbild) zu überwinden.

(Foto: dpa)
  • Ein 24-Jähriger soll mit einem Komplizen mehr als eine Million Euro aus einem Geldtransporter gestohlen haben.
  • Der Prozess vor dem Landgericht München I findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt.
  • Grund dafür ist ein massiver Streit, der zwischen den Familien der ehemaligen Komplizen ausgebrochen ist.

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen hat am Mittwoch vor dem Landgericht München I der Prozess gegen den 24 Jahre alten Bahrudin B. begonnen. B. soll im August 2017 zusammen mit dem bereits verurteilten Rijad K. in der Blumenau einen Geldtransporter der Firma Prosegur um mehr als 1,1 Millionen Euro erleichtert haben. Rijad K. wurde bereits zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, wo das Geld geblieben ist, ist unklar.

Im Hintergrund allerdings scheint ein massiver Streit zwischen den Familien B. und K. ausgebrochen zu sein. Wie zum Prozessauftakt ein mit dem Fall befasster Polizist vor dem Landgericht erwähnte, soll vor wenigen Tagen der Bruder des Angeklagten einen Onkel von Rijad K. im Streit in Serbien erschossen haben. Informationen der SZ bestätigen dies. Aufgrund der angespannten Lage wurde die Verhandlung kurzerhand von der Nymphenburger Straße in den hochgesicherten Trakt nach Stadelheim verlegt.

Vor Gericht

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Rijad K. hatte während seines Prozesses im November 2018 geschwiegen und lediglich eine dünne Einlassung abgegeben, "die mehr Fragen aufwirft als beantwortet", sagte damals die Richterin. Außerdem zeigte er im Hinterzimmer des Gerichts auf einer Google-Landkarte den anwesenden Ermittlern ein Waldstück an der serbisch-ungarischen Grenze, in dem er angeblich die 1,1 Millionen unter einem Haufen Laub versteckt haben wollte. Das Geld fand sich dort nicht, und die zehnte Strafkammer schickte K. für fünf Jahre hinter Gitter. Das Gericht war sich sicher, dass Rijad K. mit seinem Komplizen die Tat ausgeführt hatte, wenngleich K. während der Verhandlung alles getan hatte, um den zweiten Mann zu schützen.

Nun sitzt Bahrudin B. auf der Anklagebank, grinst, streckt die Zunge raus, seine Familie im Zuschauerraum grinst zurück, während die Staatsanwältin die Anklage verliest: Während Rijad K., der als Leiharbeiter bei der Firma Prosegur beschäftigt war, am 24. August 2017 den Geldtransporter in Richtung Blumenau steuerte, soll Bahrudin B. via Handychat gefragt haben, ob "die Zeit gut oder nicht" sei.

Vor der Stadtsparkasse standen die Zeichen gut: Die beiden Kollegen von K. hatten den Wagen verlassen, um bei der Sparkasse Geld anzuliefern. Gegen die Vorschrift trennten sie sich. Einer ging alleine in die Bank, der andere holte Brotzeit. Das dauerte. Und entgegen der Vorschriften hatten sie die Chipkarte, die einer von ihnen hätte mitführen müssen, im Wagen gelassen. Mit Hilfe dieser Chipkarte soll es Rijad K. und Bahrudin B. gelungen sein, sämtliche Sicherungssysteme in dem Wagen zu überwinden.

Als nun der polizeiliche Sachbearbeiter vor Gericht aussagt, klingt es so, als sei Rijad K. seinem Freund Bahrudin B. nicht mehr gewogen. Nach seiner Verurteilung sagte Rijad K. dem Polizisten, dass die Tat schon lange geplant gewesen und Bahrudin B. mit dabei gewesen sei. Mit dem Geld sei man in die Wohnung von B. gefahren, wo dessen Vater geschimpft und gesagt hätte: "Bringt euch in Sicherheit, ich kümmere mich um das Geld." Anschließend habe der Ehemann von B.'s Schwester ihn in Richtung Serbien gefahren, und als er nahe der Grenze kurz mal austreten war, habe der andere einfach Gas gegeben. Kurz darauf wurde Rijad K. festgenommen.

Zudem soll K. gesagt haben: "Von dem Geld hab' ich nie was gesehen, dann soll auch der Mittäter dran glauben." Das Geld habe die Familie B. "sicher in Immobilien in Serbien investiert", wo beide Familien herkommen. Es sei "Hälfte-Hälfte" ausgemacht gewesen. Da er in Haft sitze, wolle er nun die volle Summe, das Geld habe der Vater von Bahrudin B. Letzterer sitzt mittlerweile auch im Gefängnis. Gegen ihn wird Mitte September wegen Begünstigung vor dem Amtsgericht verhandelt.

Erst am 16. Juli 2019, so erzählt der Beamte weiter vor Gericht, meinte Rijad K. zu ihm, er fühle sich nicht bedroht, aber für die Familie würde er nicht die Hand ins Feuer legen. Nach Berichten serbischer Medien gerieten am 22. August 2019 in einer Kneipe in Novi Pazar der Onkel von Rijad K. und der Bruder von Bahrudin B. in Streit, möglicherweise ging es um das Geld aus dem Geldtransporter-Überfall. B.'s Bruder soll eine Beretta gezogen und den 51-jährigen Onkel erschossen haben. Wenig später sei der Mann festgenommen worden.

Damit hat Rijad K. einen weiteren Familienangehörigen verloren. Sein Vater wurde vor einigen Jahren vom Landgericht München I zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er die Mutter von Rijad K. mit einer Maschinenpistole erschossen hatte. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.