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Gedenktage für Drogentote:Eine Zahl als Mahnung

Ein Maibaum mit 53 schwarzen Schleifen wurde aufgestellt.

(Foto: Stephan Rumpf)

53 Menschen sind in den vergangenen zwölf Monaten an Drogen gestorben. Wie man das verhindern könnte? Dafür gibt es Vorschläge

Von Sabine Buchwald

Oliver K. und Sabrina G., Mohamad H. und Christian P. Sie alle sind tot. Gestorben in den vergangenen zwölf Monaten in München an den Folgen ihrer Drogenabhängigkeit. Vielleicht an einer Überdosis, vielleicht an einer Infektion, vielleicht auch weil medizinische Hilfe zu spät kam. Es sind nicht nur diese vier, deren Namen auf einem großen Plakat stehen. Insgesamt sind es 53 Drogentote in München, so jedenfalls lautet die offizielle Zahl zum 22. internationalen Gedenktag der an diesem Dienstag stattfand. Für jeden hat man ein schwarzes Schleifchen an eine Skulptur gebunden. Zur Erinnerung und zur Mahnung. Männer wie Frauen sind unter den Toten. Im gesamten Bundesgebiet sind im vergangenen Jahr 1400 Menschen wie Oliver K. und Mohamad H. zu Tode gekommen.

Man trifft sich auf dem Marienplatz. Mit einem Plastikband ist ein Versammlungsort bei der Mariensäule ausgewiesen. Es gibt in Corona-Zeiten keine Infostände und auch keinen exemplarischen Konsumraum. Dafür Desinfektionsmittel für die Hände und aufgeklebte Abstandsmarkierungen für die Füße. Auch heuer hat Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Schirmherrschaft für diesen Tag übernommen. Die neue Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) spricht an seiner statt. Und sie spricht den Veranstaltern - den Vereinen Condrobs, Prop und der Münchner Aids-Hilfe aus dem Herzen: Man müsse das Thema in den Blick nehmen und sich damit auseinandersetzen, sagt sie. Man müsse schauen, dass die gesellschaftliche Schere nicht weiter auseinandergehe und dass sich die Lebensbedingungen von Drogengebrauchern verbessere. Sie fordert Drogenkonsumräume, und ein sogenanntes Drugchecking, mit dem Drogen auf ihre Inhaltsstoffe geprüft werden könnten.

Mit dieser Veranstaltung soll der Toten gedacht werden, verbunden ist sie aber auch mit einer Forderung: dass es in Bayern Konsumräume brauche. "Warum nimmt man nicht den Rat von Experten an?", fragt Jörg Gerstenberg von Prop e.V. In der Corona-Krise klappe das doch auch ganz gut.

Bereits 2010 hatte sich der Stadtrat für Konsumräume ausgesprochen, im Jahr 2018 auf Antrag der CSU nochmal und 2019 auch die Bayerische Ärztekammer. "Man würde damit den öffentlichen Raum entlasten", betont Vanessa Cramer vom Kontaktladen Limit. Allerdings liegt die Entscheidung nicht beim Rathaus, die Vorgaben der Bayerischen Staatsregierung lassen das nicht zu. Die Drogenpolitik in Deutschland führe zu Ausweichverhalten, sagt Klaus Fuhrmann, Geschäftsführer von Condrobs, hin zu synthetischen Drogen, deren Inhaltsstoffe stark variieren können. Er fordert die kontrollierte Abgabe von Cannabis und Entkriminalisierung.

Es ist gut, dass man wieder in Kontakt komme, sagt Cramer im Vorfeld des Gedenktages. Die Wochen der Ausgangsbeschränkungen seien hart gewesen für ihre Klienten. Man habe Lebensmittel von der Münchner Tafel verteilt, konnte aber nur ein paar Stunden öffnen. Überdosierungen kämen vor allem in Privaträumen vor, sagt sie. In den Konsumräumen stehe geschultes Personal bereit, die in einer Notfallsituation eingreifen könnten. Auch deshalb seien sie so wichtig. In München gebe es viel verdeckten Konsum. Wie viele Abhängige es gebe, sei schwer einzuschätzen. Die Toten werden von nun an wieder neu gezählt.

© SZ vom 22.07.2020

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