ADFC München:40 Jahre alt und richtig in Fahrt

Fahrradsternfahrt des ADFC in München, 2017

Die Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) durch die Münchner Innenstadt 2017. Im Bild die Abschlusskundgebung auf dem Königsplatz.

(Foto: Catherina Hess)

Laut, dreckig, gefährlich: Als 45 Männer und Frauen am 24. Juni 1981 den ADFC München gründeten, war die Stadt noch eine andere. Heute hat der Verein 8500 Mitglieder und womöglich mehr zu tun denn je.

Von Andreas Schubert

Als Erik Doffek einmal von einer Fahrradreise nach Holland am Münchner Hauptbahnhof ankam und sein Rad von der Gleishalle auf die Straße schob, bot sich ihm ein gewohntes Bild: "Überall Lärm und Gestank", erzählt der 81-Jährige, der jahrelang in vielen Ländern mit dem Rad als Reisejournalist unterwegs war. Doffek ist Gründungsmitglied des ADFC München, der an diesem Donnerstag seinen 40. Geburtstag hat. Knapp zwei Jahre zuvor war in Bremen der Bundesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs gegründet worden.

Und wie diejenigen, die von Anfang an beim ADFC dabei sind, zu berichten wissen, war dies auch dringend nötig. "Es war ein fürchterlicher Zustand", erzählt Doffek über das Radeln im München der frühen Achtzigerjahre. Radwege waren oft sehr schmal auf Fußgängerwegen abmarkiert, was für niemanden sonderlich angenehm war. Mit dem neu gegründeten ADFC bekamen die Radfahrer nun eine Stimme.

Bald setzte sich der Verein nicht nur für mehr und bessere Radwege ein, sondern bot auch Touren und verschiedene Service-Angebote wie eine Selbsthilfewerkstatt an. Auch Martin Jobst ist ein Gründungsmitglied des damaligen Bezirksverbands München, der von 1982 wegen großer Nachfrage aus der Region zum Bezirksverband Oberbayern wurde. Von 1982 bis 1990 war er dessen Vorsitzender. Und auch er berichtet von schwierigen Verhältnissen für Radler in der autogerecht geplanten Stadt. "Das Fahrrad war im wahrsten Sinne des Wortes an den Rand gedrängt", sagt Jobst.

Der Wunsch nach besseren Bedingungen ließ den Verein rasch wachsen. Zur Gründung waren 45 engagierte Radler gekommen, 1983 knackte der Verein die 500er Marke. Das 500. Mitglied war der frühere Kreisverwaltungsreferent und spätere Dritte Bürgermeister Klaus Hahnzog (SPD), dessen Engagement dem Radverkehr zugute gekommen sei, wie Jobst berichtet. Auch der frühere Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) hatte offene Ohren für die Sorgen der Radllobby.

Die hat im Laufe der Jahre viel für sicheres und angenehmeres Radeln getan, sich unter anderem für die Infrastruktur und die Öffnung von Einbahnstraßen für Fahrräder eingesetzt, Routenpläne für die Stadt erarbeitet und vieles mehr. Mittlerweile macht die Radverkehrspolitik einen wichtigen Teil der städtischen Verkehrspolitik aus. Bekanntermaßen hat der Stadtrat 2019 die Ziele des Radentscheids übernommen, der ein flächendeckendes Radwegenetz mit mindestens 2,30 Meter breiten Radspuren vorsieht. Bis 2025 sollen der Radentscheid und auch der Altstadt-Radlring umgesetzt sein - ein Zeitplan, an dem der aktuelle Münchner ADFC-Vorsitzende Andreas Schön wiederholt Zweifel geäußert hat.

Auch bei der Umsetzung, die nun in Fahrt kommt, schaut der ADFC genau hin und übt immer wieder Kritik an den Plänen, etwa, wenn die neu geplanten Radwege stellenweise zu schmal sind. Weil immer mehr Menschen mit dem Rad unterwegs sind, fordert der Verein eine Umverteilung des Straßenraums zugunsten der Radler.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat der Radverkehr noch einmal zugenommen. "Das Fahrrad boomt, immer mehr Menschen steigen aufs Rad, aber die Radinfrastruktur ist oft noch unterdimensioniert, veraltet und weder sicher noch komfortabel befahrbar", sagt Andreas Schön. Das Radwegenetz sei schon vor der Pandemie nicht mehr zeitgemäß gewesen, deshalb verschärften sich nun die Probleme. "Die Stadt ist jetzt gefordert, diesen Rückstand schnellstens aufzuholen", fordert Schön.

Hinzu komme, dass die Verkaufszahlen von E-Bikes, Lastenrädern und Transportanhängern in die Höhe schnellen. "E-Bikes bringen mehr Geschwindigkeit in den Radverkehr, Lastenräder und Anhänger benötigen deutlich mehr Platz. Der aber fehlt häufig noch", kritisiert der ADFC-Kreisschef. "Damit Menschen jeden Alters und Fitnesslevels sicher, entspannt und genussvoll überall radeln können, muss die Stadt endlich ihre Radl-Hausaufgaben machen." Das tut sie zwar, doch der Radllobby geht das nicht schnell genug. Und nicht immer kommt sie mit ihren Forderungen durch. So lehnt die Stadt etwa ein flächendeckendes Tempo 30 ab.

Der Einsatz des Vereins samt seiner öffentlichkeitswirksamen Aktionen beschert ihm immer weiteren Zulauf. Der Münchner ADFC, der heute ein Kreisverband ist, hat inzwischen 8500 Mitglieder. Im Landkreis München gibt es derzeit neun Ortsgruppen, vier weitere sind in Planung. Obwohl sich einiges im Vergleich zu den Achtzigern verbessert hat, gibt es noch vieles zu tun, wie der frühere Bezirkschef Martin Jobst betont. "Wenn man es als Kampf sehen will, sind wir noch nicht am Ende." Auch Erik Doffek würde sich wünschen, dass die Stadt doch noch Tempo 30 einführt, "das ist längst fällig". Zudem solle München sich mehr an der fahrradfreundlichen dänischen Metropole Kopenhagen orientieren. "Da könnte man sich sehr viel abschauen", sagt Doffek. Auch in Holland, wo er viel unterwegs war, sei man München "um Jahrzehnte voraus".

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