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Shitstorm:Sexismus und Schumann? Geht das zusammen?

Charles Schumann in seiner Bar am Hofgarten

Charles Schumann vor seiner Bar am Hofgarten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Deutschlands bekanntester Barmann bekam kürzlich in London eine große Auszeichnung. Seitdem werfen ihm Kritikerinnen im Internet vor, sexistisch zu sein - weil in seiner Bar abends keine Frauen arbeiteten.

Er ist unterwegs, auf dem Weg nach Biarritz, wo er surfen geht, "das Wetter ist ein Traum, heute hatten wir 28 Grad". Charles Schumann, Deutschlands bekanntester Barmann, gönnt sich ein paar freie Tage in Frankreich, weit weg vom Münchner Gesellschaftsbetrieb, weit genug von seinem Lokal am Hofgarten. Auch wenn das, wie er gelegentlich brummend verlauten lässt, der schönste Ort von München ist. Man erreicht ihn telefonisch am frühen Nachmittag, eigentlich macht er um diese Uhrzeit eine Ruhepause. Und er will auch gar nichts sagen, was er dann aber doch tut, erst leicht widerstrebend, dann emotional: Schließlich ist einiges passiert in dieser Woche. So einen Shitstorm, wie ihn der 78-jährige Schumann gerade erlebt, muss man erst mal aushalten.

Alles begann mit einer Preisverleihung, eine von vielen Auszeichnungen für den gebürtigen Oberpfälzer, der Ehrungen aller Art gewohnt ist, er gilt seit Langem als einer der besten Barmänner der Welt. In London erhielt er am 3. Oktober bei der Veranstaltung "The World's Best Bars 2019" eine weitere Trophäe: den "Industry Icon Award", gesponsert von einer japanischen Whiskymarke. Es gab die üblichen Lobreden und viel Applaus, weil Schumann nun mal bei vielen Kollegen sehr angesehen ist. Zufrieden mit sich und der Welt flog er zurück nach München, "mich hat das schon gefreut", erzählt er. "Aber dann ging die Scheiße richtig los."

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Unmittelbar nach der Veranstaltung wurde es im Netz laut. User warfen dem Preisträger vor, in früheren Interviews gesagt zu haben, dass Frauen abends nicht hinter die Bar gehörten. Auf Instagram postete etwa "Ivy Mix", Mitbegründerin eines alternativen Barwettbewerbs für Frauen namens "Speed Rack": "Charles Schumann sollte sich schämen, so ein müder Dinosaurier." Der Mann halte Frauen vom Tresen fern, hindere sie gar daran, Geld in der Gastronomie zu verdienen. Das Fazit von Ivy Mix: "Schande über ihn." Auch Tess Posthumus, Mitinhaberin der Amsterdamer Flying Dutchman Cocktails, äußerte ihr Missfallen wegen der angeblich frauenfeindlichen Äußerungen. Und so braute sich etwas zusammen, was der Gastronom nie erwartet hätte: Auf einmal wird er nicht von den üblichen Verdächtigen angegangen, die seine Bar noch nie ausstehen konnten, sondern von Leuten, die noch nie einen Fuß ins Schumann's gesetzt haben. "Eine hat mir sogar den Tod gewünscht", erzählt er. Was nicht übertrieben ist: "at least#charlesschumann will probably be dead soon", heißt es in einem weiteren Post.

Der Freizeitboxer Schumann langt selbst gerne mal hin, er ist dafür bekannt, den einen oder anderen Gast schon grob beleidigt zu haben; vor allem aber männliche und prominente, die aus den besseren Vierteln der Stadt anreisen, falls sie einen auf dicke Hose machen. Zunächst hatte sich Schumann am Dienstag noch um Diplomatie bemüht und auf der Facebook-Seite der Bar auf Deutsch und Englisch "in aller Form um Entschuldigung" für seine "missverständlichen Aussagen" gebeten: "Ich schätze gute Barkeeperinnen völlig unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Alter." Wie so oft in den Netzwerken brachte dieses Entgegenkommen die Hassfraktion erst recht in Wallung. Worauf sich Schumann Stunden später noch mal kurz meldete: Er gebe seinen Preis zurück. "Ich will ihn nicht mehr."

Offenbar haben einige darauf gewartet, an der Münchner Barlegende ein Exempel zu statuieren. Schumann ist nun vor allem enttäuscht von der Feigheit der Spirituosenindustrie, die den Preis vergibt und ihn bis vor kurzem gar nicht genug in den Himmel loben konnte. Am Donnerstag veröffentlichte "The World's 50 Best Bars" eine "Entschuldigung", nicht etwa bei Schumann, sondern: Die Organisation bedaure die "Verletzungen", die durch die Auszeichnung an Charles Schumann entstanden seien; man verdamme jegliche Form von "Frauenfeindlichkeit" und "Sexismus". Das klingt nicht nur nach Kapitulation, es ist auch ein Fußtritt für Schumann, der von den Preisverleihern nun erst recht zum Abschuss freigegeben wird. Die am Scharmützel beteiligten Barfrauen und ihre Netz-Claqueure wollten ein Zeichen setzen, und das ist ihnen gelungen: Bei künftigen Preisverleihungen der "50 Best Bars" soll eine Jury zum Einsatz kommen, die aus fünfzig Prozent Frauen besteht, kündigte der Verband an.

Bleibt die Frage: Sexismus und Schumann? Geht das zusammen? Man kann dem eigenwilligen Gastronomen manches vorwerfen, eine gelegentliche Barschheit, die sich im nächsten Augenblick in eine große Liebenswürdigkeit verwandeln kann, ein leicht launenhaftes Wesen, wenn ihm einer blöd kommt - aber dass er Männer und Frauen gleich gut oder gleich schlecht behandelt, je nach Blickwinkel, darauf können sich Gäste und Mitarbeiter hier seit Jahrzehnten einigen.

Schumann ist ein Patriarch, die Seele eines Lokals, das viele Gäste, Frauen wie Männer, seit Jahrzehnten aufsuchen, weil es vor allem gut geführt ist. In dieser Bar sitzen Literaten, Theaterleute, Fußballtrainer, Journalisten und Rockstars, aber auch Lebenskünstlerinnen und Lebenskünstler, die sich mühsam zwei, drei Bier leisten. Dass bei ihm abends - von Ausnahmen abgesehen - keine Frauen arbeiten, habe auch damit zu tun, dass männliche Gäste ab einer gewissen Uhrzeit "eklig" werden könnten. Und es gebe noch einen zweiten Grund, sagt er fast schon trotzig: "Die weiblichen Gäste kommen auch wegen unserer Barmänner. Das kann jetzt wieder gegen mich verwendet werden, aber sei's drum."

Charles Schumann ist traurig darüber, dass der Verband "so wenig Zivilcourage hat. Die glauben, sie verkaufen vielleicht fünfzig Flaschen weniger, wenn gegen mich protestiert wird". Es ist wohl ganz gut, dass er sich ein paar Tage selbst aus der Schusslinie genommen hat: "Ich geh' jetzt surfen."