Münchner Bundestagskandidaten im Porträt:Ein Mann aus der Abteilung Attacke

Lesezeit: 4 min

Bundestagswahl 2021

"Es ist halt alles ein bisschen defensiver in diesem Wahlkampf", sagt Michael Kuffer zu den besonderen Bedingungen der Pandemiezeit.

(Foto: Friedrich Bungert)

Für die CSU will Michael Kuffer im Münchner Süden wieder das Direktmandat holen. Er ist überzeugt, dass die Politik Typen braucht, die sich trauen, anzuecken.

Von Catherine Hoffmann

Michael Kuffer, 49, (CSU) kommt trotz des herbstlichen Wetters mit der Vespa zur Gaststätte Großmarkthalle. "Ganz schön zapfig" sei das gewesen, sagt der groß gewachsene Mann im grauen Anzug. Es ist später Vormittag, mehr und mehr Gäste strömen in die mit Holz getäfelte Stube, um ein traditionelles Weißwurst-Frühstück einzunehmen, zu dem natürlich ein Weißbier gehört. Kuffer bestellt Cappuccino und Brezn mit Butter. Wie geht es ihm mit diesem Wahlkampf, der nicht so recht in Fahrt kommt, der wochenlang von angeblichen und echten Verfehlungen der Spitzenkandidaten dominiert wurde, von Plagiaten und Kichern?

"Für jemanden wie mich, der gern politische Auseinandersetzungen mag, ist das schwer erträglich momentan", sagt Kuffer leise und schaut sich in der Wirtschaft um. "Die Führung der CDU hat sich zu einem Schützengrabenwahlkampf entschieden, unsere Mitbewerber genauso. Alle glauben: Wenn man aus der Deckung geht, verliert man. Ich halte das für falsch."

Die Parteikollegen nominierten Kuffer im Frühjahr mit 95,5 Prozent Zustimmung wieder als Direktkandidaten für den Bundestag im Münchner Süden. Dort scheinen sie die Abteilung Attacke zu mögen: Lange Jahre war hier Peter Gauweiler (CSU) der direkt gewählte Bundestagsabgeordnete. Auf ihn folgte 2017 Kuffer, der in den Jahren zuvor im Münchner Rathaus als unterhaltsamer Redner aufgefallen war, dem die politische Konkurrenz aber auch vorwarf, unnötig zu polarisieren.

Den Ruf als Scharfmacher und Provokateur hat er sich unter anderem mit der Forderung nach einem bewaffneten kommunalen Sicherheitsdienst und einem sogenannten Angstraum-Melder für die Stadt erworben. Weshalb der Kabarettist Christian Springer den Politiker Kuffer in seiner Starkbierrede 2017 als "Rathaus-Rommel" verunglimpfte.

"Ich hätt' vom Christian Springer Intelligenteres erwartet als so einen dämlichen Nazi-Vergleich", sagt Kuffer heute. Er habe in seiner ganzen politischen Laufbahn immer gegen Extremismus gekämpft. "Ich glaube, dass ich nicht so leicht in eine Schublade passe", sagt Kuffer und setzt nach: "Ich kann nicht nur Law and Order im Trachtenjanker."

Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren gewann Kuffer mit knapp zehn Prozent Vorsprung auf den SPD-Konkurrenten Sebastian Roloff. Diesmal könnte es um einiges knapper werden. Die Grünen hoffen, der CSU eines oder mehrere Direktmandate in München abjagen zu können. Kuffer glaubt: "Es wird jetzt ein kurzer, intensiver Wahlkampf, der auf den letzten Metern entschieden wird."

Er muss kämpfen - einen sicheren Listenplatz hat er nicht. Aber wie funktioniert so ein Wahlkampf in der Pandemie, bei dem man auf Abstand achten muss? "Wir haben lange überlegt, ob wir uns einen Haustürwahlkampf trauen sollen", sagt Kuffer. "Ich habe ehrlicherweise eher zu Nein tendiert." Doch in anderen Wahlkreisen hat die CSU damit gute Erfahrungen gemacht. Also entschied sich auch Kuffers Team dafür. "Die Leute nehmen das wirklich gerne an", sagt Kuffer, der die Nähe zum Wähler sucht. Man müsse es nur so gestalten, "dass wir den Menschen ihre hygienische Komfortzone lassen".

Ähnlich halte man es mit Infoständen auf Marktplätzen, da könne man auch nicht wie früher auf die Leute zustürmen. "Es ist halt alles ein bisschen defensiver in diesem Wahlkampf", sagt der CSU-Kandidat - und meint beides: den Umgang mit den Wählerinnen und Wählern und den politischen Streit.

"Wir können jetzt nicht ganz Afghanistan evakuieren, wenn wir selbst nicht Afghanistan werden wollen."

Im Bundestag ist Kuffer, der als Rechtsanwalt Mitglied im Ausschuss für Inneres und Heimat ist, ein fleißiger Redner. "In den ersten zwei Jahren der Legislaturperiode habe ich teilweise drei bis vier Mal pro Woche gesprochen", erzählt er stolz. Seine Themen waren gefragt: Fachkräfteeinwanderungsgesetz, Staatsbürgerschaftsrecht, Asyl, Grenzkontrollen, Zurückweisungen und dergleichen mehr.

"2018 war ein heißer Sommer, an dem ich nicht ganz unbeteiligt war", sagt Kuffer, der sich einen "gerechten Verteilschlüssel für Asylberechtigte in Europa" wünscht. "Das funktioniert aber nur, wenn wir sehr konsequent an den EU-Außengrenzen sind und nur diejenigen verteilen, deren Asylgesuch Aussicht auf Erfolg hat", sagt der CSU-Mann. "Die beste Lösung wäre, vor Ort auf dem Herkunftskontinent zu klären, ob die Leute eine Perspektive haben oder nicht."

Ob er künftig mit mehr Flüchtlingen aus Afghanistan rechnet? "Natürlich kommt das Problem auf uns zu. Wir müssen jetzt diejenigen, die uns geholfen haben und dadurch in Gefahr geraten sind, rausholen. Ich könnte mich nicht damit abfinden, dass wir sie im Stich lassen", sagt Kuffer. "Aber: Wir können jetzt nicht ganz Afghanistan evakuieren, wenn wir selbst nicht Afghanistan werden wollen."

Kuffer ist überzeugt, dass Politik Typen braucht, die sich trauen, auch anzuecken, die ihr politisches Handeln nicht allein danach ausrichten, dass es möglichst jede Kritik ausschließt. "Ich habe immer wieder eine dicke Lippe riskiert und habe dafür immer wieder Prügel bekommen", sagt er. "Ich kann mir Politik nicht anders vorstellen." Es gehe ihm nicht um Krawall, sondern darum, dass man als Politiker politisch handelt, und nicht wie ein Beamter.

Von den Grünen versucht sich der CSU-Mann abzugrenzen, indem er ihnen die "Bürgerlichkeit" abspricht und ihnen vorwirft, dass sie die Menschen - vor allem in der Klimafrage - ideologisch bevormunden und in jeden Bereich ihres Lebens eingreifen wollen. Die CSU versuche dagegen umzusteuern, indem sie den Menschen Angebote macht, beispielsweise mehr U-Bahnen für München und großzügige Radwege wie in Amsterdam verspricht. Kuffer sagt: "Ich will, dass wir aus dem Klimaschutz eine Bürgerbewegung machen und das nicht so ein Elitenprojekt bleibt, für diejenigen, die sich das leisten können." Kuffers Wahlkreis ist vielschichtig, er reicht von Solln, wo er selbst mit seinen vier Kindern lebt, bis Giesing.

Es ist kein Geheimnis, dass sich der Wahlkämpfer CSU-Chef Markus Söder als Kanzlerkandidaten der Union gewünscht hätte. Er hat sich für ihn in Berlin eingesetzt. Jetzt ist es anders gekommen: Armin Laschet steht an der Spitze. Und Söder fordert beim gemeinsamen Wahlkampfauftakt beider Parteien: "Lasst uns endlich vernünftigen Wahlkampf machen." Kuffer sagt: "Wenn uns von der großen Politik keiner hilft, dann müssen wir uns selber helfen. Daran arbeite ich jetzt."

Auf seiner Facebook-Seite hat vor wenigen Tagen jemand geschrieben: "Michi, ob nach der Wahl noch jemand Lust auf den Biergarten hat? Bei diesem Kanzlerkandidaten, wo die Werte immer mehr in den Keller gehen, wird sich der Biergarten erledigt haben." Kuffer zeigt sich zuversichtlich: "Ich hoffe, dass wir auch nach dem 26. September noch Grund zum Feiern haben. Aber auch, wenn's mal schlecht läuft: Biergarten geht immer."

Michael Kuffer im Video-Selbstporträt:

Die SZ hat die Münchner Direktkandidatinnen und Direktkandidaten für die Bundestagswahl gebeten, sich für ein Porträt selbst zu filmen. Alle Videos und weitere Kandidaten-Porträts finden Sie hier.

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