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Bogenhausen:Bagger, Bauten und Bedenken

Hochhaus an der Richard-Strauss-Straße

Einen lang gestreckten Riegel und zwei Türme planen die Architekten. Simulation: David Chipperfield Architects

An der Richard-Strauss-Straße will die Bayerische Versorgungskammer ihr neues Hauptquartier errichten. Der Bezirksausschuss kritisiert das Projekt scharf - man hätte lieber Wohnungen gesehen.

Von Nicole Graner, Bogenhausen

Seit Anfang 2020 sind sie da. Bagger, Lastwagen und was man so alles an schwerem Gerät braucht für den Rückbau eines riesigen Gebäudes. Das riesige Gebäude ist das ehemalige Siemens-Haupthaus an der Richard-Strauss-Straße 76. Die Bayerische Versorgungskammer (BVK) hat das 20 000 Quadratmeter große Areal 2016 für den Bau ihres Hauptquartiers gekauft und ist mit dem Verlauf der Abrissarbeiten sehr zufrieden. "Bislang", so erklärt eine BVK-Sprecherin, "lief alles erfreulicherweise sehr schnell und unkompliziert ab." Im Lauf des Jahres 2022 soll der Rückbau beendet sein. Die Grundsteinlegung für den Neubau könnte dann ebenfalls 2022 erfolgen. Bezogen werden soll das neue Haupthaus dann 2024.

Zufrieden ist der Bezirksausschuss (BA) Bogenhausen mitnichten. Bald soll der Bebauungsplan im Münchner Stadtrat verabschiedet werden, und wie schon einmal 2018 machten die BA-Mitglieder in der jüngsten Sitzung deutlich, dass sie an dieser exponierten Stelle lieber mehr Wohnungen sehen würden als einen Bürokomplex. In einer interfraktionellen Stellungnahme fordert der BA die Stadt nun auf, den Bebauungsplan für das ehemalige Siemens-Areal in der "bisherigen angedachten Form nicht weiter zu verfolgen."

Hochhaus an der Richard-Strauss-Straße

Die Bürogebäude sollen als Hauptquartier für die Versicherungskammer dienen. Simulation: David Chipperfield Architects

"Es kann nicht sein, dass man diesen Standort mit Büros zuballert", ärgert sich CSU-Fraktionssprecher Xaver Finkenzeller. "Wir haben hier in Bogenhausen ein Problem, und das heißt Wohnraum." In Zeiten von Corona könne er nicht glauben, dass die gesamte Fläche für Büros gebraucht werde, und appellierte an die Stadt, dass auf dem Grundstück überwiegend Wohnraum entstehen solle. Die BVK teilt dazu mit, dass man davon ausgehe, im neuen Gebäude für "100 Prozent der Mitarbeiter Arbeitsmöglichkeiten" bereitzustellen. "Selbst bei einer geringeren tatsächlichen Belegung", betont die BVK, werde sich kein geringerer Flächenbedarf ergeben, "da ja aus den Erfahrungen dieser Pandemie größere Abstandsflächen benötigt werden". Auch glaubt die BVK, dass sie langfristig "weiter dynamisch wachsen werde". Ein Teil der Flächen soll an Dritte vermietet werden.

Man nehme aber das Thema Wohnraum sehr ernst. Die Versorgungskammer selbst verfüge, wie die Sprecherin weiter mitteilt, über 6500 Wohnungen. An der Richard-Strauss-Straße plane man aber keine. Die Begründung: Der Grund sei als Gewerbestandort ausgewiesen und man teile, so die BVK, mit der Landeshauptstadt München die Meinung, dass "die Lage zwischen Tankstelle und Einkaufszentrum eine Fortführung der bisherigen Nutzungsart nahelegt". Die Planungen seien darauf abgestellt worden.

Hochhaus an der Richard-Strauss-Straße

Die Bayerische Versorgungskammer plant ein großes Gebäude-Ensemble. Simulation: David Chipperfield Architects

Geplant ist von der BVK an der Richard-Strauss-Straße ein zusammenhängendes Ensemble mit drei Baukörpern. Zum einen soll ein 50 Meter hoher und lang gestreckten Riegel entstehen sowie auch zwei Türme - 60 und 100 Meter hoch. Dass an einer verkehrstechnisch stark belasteten Stelle, rund um die Mae West und die Fortführung der Richard-Strauss-Straße, ein Bürokomplex entstehen soll, sehen die Lokalpolitiker schon seit Langem sehr kritisch. Jetzt hat ein 76-seitiges Verkehrsgutachten, das zwar seit Juni 2020 fertiggestellt ist, aber dem BA erst kurz vor der Sitzung gemailt worden ist, noch einmal für Ärger im Gremium gesorgt. "Das ist absolut unverschämt", sagt Finkenzeller. So kurz vor der Sitzung könne man dazu keine Stellungnahme abgeben. "So kann man uns als BA nicht beteiligen!" Zumal der BA immer wieder nach fehlenden Unterlagen wie eben dem Verkehrsgutachten und einem "naturschutzfachlichen Gutachten" gefragt habe. "Das ist doch absichtlich", schimpft Finkenzeller.

Das nun vorliegende Verkehrsgutachten sei auch alles andere als aufschlussreich, betonte der CSU-Fraktionssprecher, und das "ganze Papier nicht wert". Es bescheinige der Leistungsfähigkeit der Verkehrsknotenpunkte rund um die Mae West sowie der Denninger Straße/Richard-Strauss-Straße ein "F". Es gebe sechs Qualitätsstufen. "F" bedeute, dass die Verkehrsanlage "überlastet" sei. "Also", sagt Finkenzeller, "da geht nichts mehr." Auch habe, so das Gutachten, eine Berechnung am Knotenpunkt Effnerplatz nicht vorgenommen werden können, weil die unterschiedlichen Abhängigkeiten der Verkehrsströme nicht darstellbar seien. Der BA lehnt in seiner Stellungnahme auch das Verkehrsgutachten ab. Dass die durch den BVK-Neubau entstehende Verkehrsmenge bei der "vorliegenden Überschreitung der Kapazitätsgrenze" nicht mehr ins Gewicht falle, sei "inakzeptabel". Dem stimmte der BA einstimmig zu.

Die BVK betont, dass "ein Mobilitätskonzept in enger Abstimmung mit Experten eines externen Planungsbüros entwickelt worden sei, um die Verkehrsbelastung am Standort so gering wie nur möglich zu halten. Das Ziel, so die BVK-Sprecherin, sei es, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und von Fahrrädern zu fördern. Man werde "tragfähige Lösungen für die Zukunft erarbeiten". Beispielsweise seien über 600 Fahrradstellplätze geplant. E-Bikes gehörten zum Fuhrpark dazu. Auch sei die Anbindung des Neubaus an den ÖPNV mit U-Bahn-Anschluss, Tram und Bus "hervorragend". Derzeit würden 455 MVV-Jobtickets bei der BVK genutzt.

© SZ vom 25.02.2021/vewo
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