Neue Heimat Männer, seid stolz auf eure Wampe

Dieter Steil wurde 2010 zum Mann mit dem schönsten Bierbauch Bayerns gekürt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Erst einen Ranzen antrinken, dann abtrainieren - warum eigentlich? Wo ein umfangreicher Bauch ein Statussymbol sein sollte, findet unser Kolumnist. Eine Hommage an den Bierbauch.

Kolumne von Olaleye Akintola

In München existiert ein Fitnessstudio unweit der Donnersberger Brücke, wo die Männer nur so hineinströmen. Sie eint, dass sie in einer Notlage zu sein scheien - und dass sie sich einen großen stolzen Bauch erarbeitet haben. Aber sie wirken deswegen nicht selbstsicher, im Gegenteil. Sie geraten ins Wanken - fast so, als würde ihr Bauch sie ins Ungleichgewicht bringen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich Münchner Bierbauchträger auf Foltermaschinen setzen und strampeln, als müssten sie für ein Jahr den Hausstrom selbst erzeugen. Wenn ein Mann mit Bauch vom Ergometer steigt und sich in den nächsten Apparat zum Krafttraining hockt, dröhnt ein verheerend wimmerndes Geräusch durchs Studio. Ein schmerzerfülltes Winseln ist zu hören, wenn Mann sich auf dem Laufband quält. Und alles nur, weil der Bierbauch hier als Altlast gilt.

Kulturgut Wampe

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Warum zahlt man im Nachgang des Genusses so einen hohen Preis? Wo es doch nur nachvollziehbar ist, dass man der Versuchung einer frischen Weißwurst erliegt, gern auch mal zwei Stück, die man dann mit fünf bis sechs Litern Bier hinunterspült, Weißbier oder Helles, je nach Bedarf. Der Bayer kann dem nur schwer widerstehen, das sollten sie in München doch besser wissen als irgendwo sonst.

Doch ist die Toleranz sehr gering, wenn durch zu viel Bier der formschöne Körper verloren geht. Warum sonst würden sich erwachsene Männer im Wohnzimmer auf Matten legen und Sit-ups und Liegestütze machen? Nur weil der Bauch die Form eines Bierfasses erreicht hat. Wieder andere joggen auf offener Straße, während der Bauch im Takt wippt. Manche investieren Geld in Medikamente oder elektrische Bauchgürtel. Ganz verzweifelte Bierbauchträger fangen sogar damit an, Magerkost zu essen - Couscous-Salat statt Semmelknödel, Hirsebrei statt Weizenbier. Wie sehr Männer mit Bierbäuchen doch leiden müssen.

In München kommt es mir vor wie eine Kampagne gegen Männerbäuche, sobald diese aus einer konventionellen Proportion geraten. Egal ob in Zeitschriften, auf Werbeplakaten oder im Fernsehen - überall bieten sie Männern mit Bierbäuchen Lösungen für ein Problem an, das eigentlich keines sein sollte. Mit einem Bierbauch lässt einen München nicht in Frieden. Ausgerechnet dort, wo Bier doch zum Wesenskern dieser Stadt zählt.

Dabei würde es auch anders gehen: In Nigeria - wo der Bierbauch Kesselbauch heißt - sagte man lange, dass seine runde Form kombiniert mit einem Schnurrbart die wichtigste Eigenschaft ist, die einen gestandenen Mann von einem Burschen unterscheidet. Der erkennbare Bauch des Mannes als Indikator seines Wohlstands und gesellschaftlichen Einflusses - wer ordentlich Bauch zeigt, dem wird auch Respekt erwiesen.

Und in München machen sie so einen Zinnober, anstatt den Bierbauch wertzuschätzen. Ist er in einem Brauerei-Mekka wie München nicht wie eine Auszeichnung, die für jeden bayerischen Biertrinker erstrebenswert sein sollte? Sollte der Bierbauch seinen Träger nicht besonders begehrenswert machen?

Wenn eine Frau schwanger ist, wird sie auch beglückwünscht, völlig zurecht, auf dass der Nachwuchs sicher im Leben ankommen möge. Wenn aber ein Mann einen schweren Vorbau hat, muss er sich so lange Sachen anhören, bis er den Gang in die Fitness-Folterkammer antritt. Gerechter wäre es, ein englisches Sprichwort zu beherzigen: Was gut ist für die Gans, ist auch gut für den Ganter.

Übersetzung aus dem Englischen: koei

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.