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Mülltrennung:Erst wer recycelt, ist in Deutschland richtig integriert

Andrang auf dem Andechser Campingplatz

Nur beim grünen Biomüll ist man sich landesweit einig. Ansonsten herrscht im Farbkosmos der deutschen Mülltrennung Uneinigkeit. Für Flüchtlinge ist das zusätzlich verwirrend.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

In seiner Heimat Syrien war unser Kolumnist gewöhnt, volle Müllsäcke einfach auf die Straße zu stellen. Hier musste er erst einmal lernen, dass Abfall Farben zugeordnet wird.

Als ich eines Morgens aufwachte, lag mein Kopfkissen am Fußende meines Bettes, meine Zudecke auf dem Boden und mein Buch zerknittert unter dem Bett. Ich hatte in der Nacht einen wilden Traum, und auch wenn es in meinem Zimmer jetzt alles andere als ordentlich aussah, war der Fall doch ziemlich eindeutig: Ich musste im Traum meinen Müll sortiert haben.

Wenn man in ein neues Land kommt, will man möglichst viel richtig machen, es hilft deshalb, sich gleich zu Beginn über die wichtigsten Alltagsregeln aufklären zu lassen. Einer meiner Freunde aus Syrien war schon einen Monat vor mir in Bayern und hatte praktischerweise erste Erfahrungen mit einigen Regelverstößen gemacht - im Prinzip der perfekte Coach. In meiner ersten Einweisung berichtete er mir gleich von der härtesten aller Lektionen, seinem Leidensweg mit der Mülltrennung. Davon, wie oft er Plastik mit Restmüll verwechselte und Restmüll mit Biomüll. Er musste die Behälter dann vor den Augen seiner Haushälterin neu sortieren.

Wenn es um die Unterscheidung ihres Abfalls geht, behelfen sich die Deutschen gerne mit Farben, gelb, grün, braun, blau - alles hat irgendwo eine Bedeutung. Welche Farbe für welche Abfallform steht, da sind sie sich in diesem Land wiederum nicht einig. Beim Biomüll ist es mit Grün meist klar, aber bei Grau, Blau und Braun gibt es wildeste Kombinationen. Für einen Neuling ist das unschön, vor allem wenn man weiß, dass die Bayern beim Mülltrennen keinen Spaß verstehen.

In Syrien würde sich niemand darüber ärgern, wenn eine Bananenschale und ein Joghurtbecher im selben Abfalleimer landen. Viele haben dort seit langem weder eine Banane noch einen Joghurt gegessen und sind froh um ein paar Tropfen Wasser. Doch auch früher machte sich in Syrien niemand ernsthaft Gedanken über Begriffe wie Recycling oder Mülltrennung. In Rakka, wo ich herkomme, packte man alles zusammen in einen großen Sack und stellte ihn auf die Straße. Manchmal kam dann jemand und räumte auf, manchmal auch nicht.

Kaum vorstellbar all das, wenn man in Kirchseeon oder München durch die Straßen spaziert. Hier regen sich die Leute auf, wenn sie einem Hundehaufen ausweichen müssen. In Syrien waren die Müllberge zum Teil so groß und breit, dass man manche Straßen nicht mehr mit dem Auto befahren konnte. Nicht dass wir das in Syrien als Problem gesehen hätten, es war halt einfach so. Jetzt kommt man auch kaum mehr voran, aber das liegt eher an den zerbombten Häusern und Straßen.

Klar, man hat als syrischer Flüchtling andere, größere Probleme als die Farben von Containern. Doch wenn man wo ankommen will, dann muss man klein anfangen. Ich umging die Falle mit den Farben, indem ich mir alle Müllsorten aufmalte und sie mit Klebeband auf die Behälter pappte. Ich fühlte mich wie ein Vierjähriger in einem bayerischen Kindergarten, dort habe ich mir das System abgeschaut. Aber gut, manche sind mit dem Lernen halt etwas früher dran.

Wenn ich jetzt in der Pause des Deutschkurses meine Schokoladen-Verpackung in die Hosentasche stecke, weil kein Abfalleimer in der Nähe ist, dann lächeln meine Kollegen manchmal über mich. Die Geschichte mit dem Traum, die erzähle ich ihnen lieber nicht.

Mitarbeit: Korbinian Eisenberger

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.