bedeckt München 30°

Kleidung:In der Mode haben die Münchner Nachholbedarf

Mode

Nadine Wittig in ihrem Arbeitszimmer. Sie ist ein Frühlingstyp, sagt sie von sich selbst.

(Foto: Catherina Hess)

Viele Menschen sind luschig angezogen, findet die Stilberaterin Nadine Wittig: "Es fehlt ganz oft der Mut für den eigenen Stil."

Wo in München findet man gute Klamotten? Nadine Wittig schüttelt den Kopf. Eine schwierige Frage. Es sei wirklich nicht leicht, individuelle Sachen zu finden. Manchen bewährten Laden im Glockenbachviertel gebe es nicht mehr, sagt sie. Vor allem die kleinen Geschäfte verschwinden. Im Ausland? Ja, jenseits der Grenze sei es manchmal leichter, sagt die Farb- und Stilberaterin.

Nadine Wittig ist Münchnerin, in Harlaching aufgewachsen. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrem Mann unweit des Musikclubs Milla. Dort, wo München jung ist und modebewusster als es andernorts sein könnte. Mode in München? Für Wittig ein heikles Thema in dieser Stadt. Viele Münchner seien nicht besonders vorteilhaft angezogen, findet sie, obwohl es ja an Geld nicht unbedingt mangele. "Es fehlt ganz oft der Mut für den eigenen Stil", meint Wittig. In der Oper oder im Theater sei das besonders auffällig. Sie selbst bediene sich der Mode, wenn es eben passe, sagt sie. Als Stilberaterin interessiere es sie, wie sie die Menschen durch Kleidung sichtbar machen könne. Das ist auch ihr Ansatz, wenn sie als Kostümbildnerin arbeitet.

Wittig, 55 Jahre alt, hat nach dem Abitur in New York und Genf gelebt, dann eine Schneiderlehre in einem Münchner Atelier gemacht. Seit langem arbeitet sie schon beim Film. Die Liste der Produktionen, bei denen sie mitgewirkt hat, geht zurück bis 1995. Zuletzt hat sie viel für die Fernsehserien "Dr. Klein", "Die Bergretter", "Der Bergdoktor" und Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen gemacht. Sie war bei "Tatort"-Drehs dabei, beim "Bullen von Tölz", im Team von Marcus H. Rosenmüller.

"Jede Frau wünscht sich ein Heinzelmännchen für den Haushalt. Ich wiederum hätte gerne jeden Morgen eine kleine Nadine vor meinem Kleiderschrank stehen", hat die Schauspielerin Paula Paul über sie geschrieben. Eine von vielen Referenzen, die man auf Wittigs Website lesen kann. Auch Schauspielerinnen sehnen sich nach Unterstützung in Kleiderfragen.

Das Talent, sich gut und stimmig anzuziehen, hat nicht jeder. Dabei gibt es ein paar Regeln, die helfen. Der Umgang mit Farben zum Beispiel. Sie spielen eine wichtige Rolle. Es sei ein Vorurteil, dass man mit Schwarz nicht viel falsch machen könne, sagt Wittig. "Bei manchen Menschen schwingt Schwarz nicht richtig." Bei älteren Menschen fast nie. "Stellen Sie sich Robert Redford in einem schwarzen Anzug vor." Er ist ein Rothaartyp, die Haut von der Sonne in Falten gelegt. "In Schwarz sähe er doch aus wie ein Kellner." Wittig lacht. Grau findet sie geeignet für ihn. Auch sie hat rötlich gesträhntes Haar und leichte Sommersprossen. Sie ist schlank, steht auf wohlgeformten Beinen, die durch hohe Absätze der Schuhe noch schmaler wirken. Sie legt sich ein breites schwarzes Tuch über ihre beige-gelb gemusterte Seidenbluse. Sie kennt die Reaktion schon. "Geht gar nicht, ich weiß."

"Einen Mensch zu seinen Farben zu führen, heißt, ihn zu sich selbst zu führen"

Wittig teilt die Menschen anhand ihrer Haut-, Haar- und Augenfarbe in vier Farbtypen ein - benannt nach den vier Jahreszeiten. Das ist so neu nicht. Johannes Itten hat Anfang des vergangenen Jahrhunderts mit seiner Farbtypenlehre die Basis dafür gelegt. Der Schweizer war Maler und Pädagoge, hat am Bauhaus gelehrt und sich zeitlebens mit der Wirkung von Farben beschäftigt. Ihm wird ein Gedanke zugeschrieben, den auch Nadine Wittig bei ihren Beratungsgesprächen etwa so im Kopf hat: "Einen Mensch zu seinen Farben zu führen, heißt, ihn zu sich selbst zu führen." Sie mache das immer zusammen mit ihren Kunden, sagt die Münchnerin. "Und die entscheiden, wie weit sie gehen möchten." Wie tief sie ihnen in die Seele schauen darf.

Wittig ist ein Frühlingstyp. In ihrem Wohnzimmer stehen ein maigrüner Sessel und ein hellbraunes Sofa mit apfelgrün und birnengelb gemusterten Kissen. Farben, die der Stilberaterin entsprechen. Sie sind auch in ihrem Kleiderschrank zu finden. Mit Zusatzausbildungen hat sie sich von der Kostümbildnerin zur farbpsychologischen Beraterin entwickelt, die Intuition miteinfließen lässt, wie sie sagt. All das hilft ihr letztlich auch im Filmbusiness. Wenn eine Schauspielerin supersexy sein soll, versucht sie zu erfassen, was sie ins beste Licht bringt. Das kann aggressives Rot sein, muss aber nicht. "Farben haben Energien. Manchmal wirken sie unterstützend."

Wittig ist höflich, gießt aufmerksam Tee nach und beobachtet ihr Gegenüber. Was sie denkt, sieht man nicht unmittelbar. Wer etwa neben ihr in Theater oder Oper sitzt, wird kaum merken, dass sie vielleicht denkt: "Du steckst ja in einem schrecklichen Anzug." Oder: "Die Frau ist eigentlich ein Sommertyp und sollte nichts Dunkles tragen." Es ärgert sie, dass Männer hierzulande oft glauben, ein Anzug sei ein Anzug, egal ob das Sakko zu weit oder dessen Ärmel zu kurz sind. Es fehle der Blick für Details, meint Wittig. Männer wie Frauen wüssten oft wegen des Überangebots nicht, wohin sie greifen sollen. Bei uns werde Kleidung häufig zweckgebunden gekauft, auch für die Oper, so Wittig.

Teuer müsse nicht immer schön sein. Sie denkt nach, sucht nach Erklärungen, warum Zuschauer etwa in Italien und Frankreich häufig so viel attraktiver gekleidet seien. In Frankreich prägte das Leben am Hof die Gesellschaft. In Italien hatte der Stoffhandel Tradition, das setze sich fort. In beiden Ländern haben Musik und Theater einen anderen kulturellen Hintergrund als bei uns, sagt Wittig. Und eben Mode. Lagerfeld wäre in Deutschland nie so erfolgreich gewesen, wie er es in Paris sein konnte, meint sie. Es sei doch bezeichnend, dass Wagner in Bayreuth und nicht in München seine Bühne bekommen habe.

"Wie eine Matrone. Berät die denn niemand?"

Wittigs Rat suchen überwiegend Frauen, davon sind mehr über als unter 50. Frauen, die sich vielleicht nach Kindern auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vorbereiten oder sich beruflich verändern wollen. Bei einer Farbberatung geht es grundsätzlich um die Bestimmung des Typs. Das weite den Blick, öffne die Sichtweise auf sich selbst, sagt Wittig. Wenn sie nach einem ersten Gespräch die Kundinnen vor ein Spiegeltriptychon setzt, legt sie ihnen Tücher in verschiedenen Farben über die Schultern. Nicht selten ein skurriles Aha-Erlebnis. Kann sein, dass die Lieblingsfarbe plötzlich verblasst und das verachtete Lila die Augenfarbe erstaunlich schön kontrastiert.

"Viele können sich oft nicht erklären, warum sie sich in einer bestimmten Bluse nicht wohlfühlen, obgleich sie ihnen gut gefällt", sagt Wittig. Vor dem Tageslichtspiegel wird plötzlich vieles klarer, auch weil sie sich unter Wittigs Augen Zeit zur Selbstbetrachtung nehmen. Wer zur Stilberatung kommt, soll Kleidungsstücke aus dem eigenen Schrank mitbringen. So klären sich oft Zweifel, oder die Typanalyse bestätigt, was die Trägerin längst geahnt hat. Kleine Muster beispielsweise, auch wenn sie modern sind, stehen eben nicht jedem. "Haben Sie Meryl Streep in dem goldenen Kleid bei der Oscar-Verleihung gesehen?", fragt Wittig. "Wie eine Matrone. Berät die denn niemand?"

Das fragt sie sich eben auch oft, wenn sie auf den Münchner Straßen unterwegs ist. "Viele sind so luschig angezogen. Alles soll bequem sein", kritisiert die Stilberaterin. Dafür gebe es fast keine Ausreden, meint sie. Auch Fahrradfahren müsse man in der Stadt nicht unbedingt in Outdoorjacke. "Verstehen Sie mich nicht falsch", bittet Wittig, "das trifft auch sicher nicht auf alle zu, aber uns Deutschen fehlt das Spielerische in Sachen Mode." Man werde als dubios angesehen, wenn man sich mit Mode beschäftige und sich gut anziehe.

© SZ vom 08.03.2019/smb

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite