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Mitten in Schwabing:Im virtuellen Wartezimmer

Wie die Freude auf eine Ferndiagnose von der Hausärztin im Äther verhallt

Kolumne von Nicole Graner

Kopfschmerzen, Gliederreißen, Abgeschlagenheit. Ganz klar, da ist etwas im Anmarsch. Aber was? Grippe oder Corona, das ist gerade die Frage. Weil man normalerweise immer Fieber hat, wenn die Muskeln schmerzen, besonders in der rechten Pobacke, und man es eben jetzt nicht hat, wird man unsicher. Auch, weil man noch nicht gegen Grippe geimpft ist. Es folgt der Anruf bei der Hausärztin, was denn nun zu tun sei. Doch die ist nicht im Haus, und überhaupt sei - was man irgendwie auch verstehen kann - gerade alles voll, heißt es am Telefon. Grippeimpfung, Schnupfen, Husten. So viele Menschen kämen. Aber man habe einen 84-jährigen Vater zu Hause, man benötige irgendwie Gewissheit? "Mhm ja, das kann ich gut verstehen", sagt die Sprechstundenhilfe und bietet fröhlich eine Video-Sprechstunde am nächsten Tag an. 12.15 Uhr. Sie würde gleich einen Link verschicken. Alles kein Problem.

Dass die Mail irgendwie nicht kommen will, und man sie, weil man sicherheitshalber im Spam-Ordner nachschaut, tatsächlich auch darin findet - dafür kann die Praxis nichts. Aber der Link will auch nicht funktionieren. 12.15 Uhr. Der Zugangscode ist eingegeben, man drückt "Jetzt teilnehmen" - und wartet im virtuellen Wartezimmer. Nur dass da keine, also überhaupt keine Tür aufgeht. Man starrt auf den Bildschirm. Nichts passiert. Keine Frau Doktor. Man solle warten, hatte die Sprechstundenhilfe noch tags zuvor geflötet. Man werde aufgerufen. Also man wartet noch ein Weilchen weiter. Man solle bei Rückfragen eine Mail schreiben, heißt es auf der Seite. Gute Idee. Das macht man, während man wartet. Nach dem Motto: "Huhu, Frau Doktor, sind Sie da?" Nichts passiert. Nach einer halben Stunde klinkt man sich aus. Ohne einen Schritt in Sachen Gliederreißen weitergekommen zu sein.

Auch die Antwort auf die E-Mail bleibt aus. Man ruft einen Tag später in der Praxis an. Erklärt, dass der Video-Call und die Diagnose via Bildschirm nicht geklappt hätten. Ja, man habe noch keine Zeit gehabt, die Mails zu checken. Aha. Nun, man muss also selbst handeln, besorgt sich über eine Freundin einen Corona-Schnelltest, den man sonst ja nicht so einfach bekommt, aber den sie noch übrig hatte. Der ist negativ. Puh! Zum Glück. Also doch nur eine ekelhafte Stirnhöhlensache, die man ja eigentlich auch selbst therapieren kann: ein paar bekannte Medikamente und: Inhalieren, Inhalieren.

Einen Tag später übrigens ruft Frau Doktor an. Es täte ihr leid. "Da ist wohl wirklich etwas schiefgelaufen." Das tut gut. Was man denn habe? Aha. Was man denn nehme? Prima. "Und wenn was wäre", sagt Frau Doktor, "kommen Sie einfach vorbei."

© SZ vom 23.10.2020

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