Menschenkette:Wärme in frostigen Zeiten

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Menschenkette: Da hilft auch keine Rettungsfolie: Eine Künstlerin zeigt die Folgen des Beschlusses, Kulturveranstaltungen im November zu untersagen.

Da hilft auch keine Rettungsfolie: Eine Künstlerin zeigt die Folgen des Beschlusses, Kulturveranstaltungen im November zu untersagen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Mit einer Menschenkette zwischen den Münchner Kammerspielen, dem Residenztheater und dem Volkstheater setzen Schauspieler ein Zeichen der Verbundenheit

Von Marleen Beisheim

Eine Menschenkette schlängelte sich am Samstag durch die Münchner Innenstadt. Hunderte Künstlerinnen und Künstler in Paillettenhemden, mit Glitzermasken und in Kostümen reihten sich ein. Ihre Botschaften trugen sie auf Pappschildern und Masken: "Weniger wert als Autos und Flugzeuge?" und "Ohne Kunst und Kultur wird's still".

Die Aktion hatten die Ensembles der Kammerspiele, des Residenztheaters und des Volkstheaters organisiert. Nach dem Beschluss, den Spielbetrieb bundesweit von Montag an einzustellen, war für die Schauspielerinnen und Schauspieler klar: "Wir müssen in der Stadt sichtbar sein", so Anna Gesa-Raija Lappe, Mitorganisatorin und Kammerspiel-Schauspielerin. Im Abstand von fünf Metern hatten sie Kreuze aus Kreide auf die Bürgersteige gezeichnet, darauf platzierten sich Schauspieler der drei Ensembles, außerdem der Schauburg, des Gärtnerplatztheaters, des Internationalen Figurentheaterfestivals sowie Freischaffende. Ihr symbolischer Kontakt war ein auf dem Boden liegendes Absperrband; die Menschenkette verband 30 Minuten lang Kammerspiele, Residenztheater und Volkstheater, mit kurzen Unterbrechungen an Straßen und im Hofgarten.

In einem Statement zur der Aktion appellierten die Organisatoren daran, dass eine offene und demokratische Gesellschaft, insbesondere in Corona-Zeiten, Räume für Austausch und künstlerische Auseinandersetzung brauche. Die Schließung der Theater bedeute, dass Theater, Kunst und Kultur solche Räume nicht mehr gestalten können. Mit dem Beschluss wurde das Theater in den Topf Freizeitgestaltung geworfen; Lisa Stiegler, Mitorganisatorin und Residenztheater-Ensemblemitglied, forderte jedoch Differenzierung: "Kultur hat noch einen anderen Beitrag zur Gesellschaft. Ich will die Freizeitgestaltung nicht abwerten, aber wir haben auch einen Bildungsauftrag." Man verlange, "dass die Kultur und die Theater und auch die Kinos mit ihren Schutzmaßnahmen und Hygienekonzepten, die ausgearbeitet worden sind und die funktionieren, so behandelt werden wie Bildung und Gottesdienste".

Die Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel stand in der Menschenkette und empfand sie als schönes Statement, weil sich ganz unterschiedliche Leute beteiligten. Auch Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer unterstützte die Aktion: "Wenn wir nicht andere Wege finden, als immer wieder reflexartig als erstes die Kunst zu schließen, dann wird die Gesellschaft einen anderen Schaden haben." Darauf deutete etwa die Kostümierung eines Teilnehmers hin: Bücherseiten hafteten an seinem schwarzen Oberteil, auf Höhe des Herzens klebte das gelbe Cover von Schillers "Die Räuber", darauf rote Farbe. Wird es von diesem Montag an tatsächlich totenstill um das Theater? Zum Abschluss der Aktion wurde die Kultur jedenfalls noch einmal laut. Es hallte ein Klatschen entlang der Menschenkette.

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