Krebsvorsorge:Wie sich München auf mehr Mammografien vorbereitet

Krebsvorsorge: Die Radiologin Sylvia H. Heywang-Köbrunner leitet das Referenzzentrum Mammografie, in dem 60 Frauen am Tag gescreent werden.

Die Radiologin Sylvia H. Heywang-Köbrunner leitet das Referenzzentrum Mammografie, in dem 60 Frauen am Tag gescreent werden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Künftig werden auch Frauen zwischen 70 und 75 Jahren zu Screenings eingeladen. So soll Brustkrebs häufiger schon im Frühstadium erkannt werden. Ein bekanntes Problem im Gesundheitswesen erschwert jedoch die Vorbereitungen.

Von Ekaterina Kel

Ein zusätzlicher Raum, ein neues Gerät: In der Praxis von Sylvia H. Heywang-Köbrunner bereitet man sich auf mehr Patientinnen vor. Die Radiologin bietet sogenannte Mammografie-Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs an. Da das Programm gerade für Frauen von 70 bis 75 ausgeweitet wird, ist sie als zuständige Ärztin für die Region München Süd aufgefordert, diese neue Gruppe von Frauen in Zukunft auch zu versorgen. Heywang-Köbrunner leitet das Referenzzentrum Mammografie München und hat eine Praxis für Brustdiagnostik an der Sonnenstraße. Etwa 60 Frauen pro Tag werden hier gescreent.

Bisher können an dem bundesweiten Mammografie-Screening-Programm nur Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre teilnehmen. Die Ausweitung auf bis zu 75-Jährige wird voraussichtlich ab 1. Juli 2024 möglich sein, wie es auf der Webseite des Programms steht. Dann können sich Frauen für einen Untersuchungstermin in einer wohnortnahen Screening-Einrichtung anmelden. Bis sie regulär eingeladen werden, so wie die jüngere Gruppe, könne es 2026 werden, schätzt Heywang-Köbrunner.

Bereits Ende 2022 hatte das Bundesamt für Strahlenschutz die Einschätzung abgegeben, dass auch ältere Frauen vom Screening-Programm profitieren könnten. Auch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kam ein positives Signal. Doch bevor bundesweit weitere 2,5 Millionen Frauen Anspruch haben, muss vieles verändert und vorbereitet werden.

Beispielsweise muss die Software umgestellt werden, der Zugriff auf die Melderegister muss neu geregelt werden, auf Bundes- und Landesebene müssen Gesetzesveränderungen vorgenommen werden. Außerdem steht die Zulassung durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) noch aus - wobei niemand mehr damit rechnet, dass diese ausbleibt.

Die größte Herausforderung aber ist laut Radiologin Heywang-Köbrunner, das nötige Personal zu finden. Es ist, wie so häufig im Gesundheitswesen, überall dasselbe Problem: Die Räume sind da, die Geräte sind da, selbst die Ärztinnen und Ärzte sind da - bloß das Personal, das die ganze Arbeit drumherum macht, ist schwer zu bekommen. "Man ist extrem organisatorisch gefordert, nicht nur medizinisch", sagt Heywang-Köbrunner. Bereits jetzt sei die Personalnot spürbar. Wenn bloß eine Mitarbeiterin kurzfristig krank werde, müsse das Programm komplett neu geplant werden.

Heywang-Köbrunner und ihre Kolleginnen und Kollegen verbringt viel Zeit damit, nach medizinisch-technischen Assistentinnen zu suchen, die die Mammografien ausführen können. Seit ein paar Jahren versuchen sie, auch in anderen Ländern um Personal zu werben. Das sei extrem schwierig, berichtet die Ärztin. Selbst bei jemandem aus einem EU-Land wie Polen sei es kompliziert, die Ausbildung anerkannt zu bekommen. Die Vorbereitungen zur Ausweitung des Programms, die für sie etwa 20 Prozent mehr Patientinnen bedeutet, nennt Heywang-Köbrunner deshalb eine Herausforderung.

Das Mammografie-Screening-Programm gibt es seit 2005. Immer wieder wird diskutiert, wie hoch sein Nutzen wirklich ist - im Vergleich zu den Risiken, die es birgt. So werde eine gesunde Frau einmal in zwei Jahren einer Strahlung ausgesetzt. Allerdings wird auch argumentiert, dass die Strahlendosis bei einer Mammografie geringer als bei den meisten anderen Röntgenuntersuchungen sei. Ein anderer Kritikpunkt bezieht sich auf den tatsächlichen Nutzen. Werden dadurch wirklich mehr Frauen vor einem Brustkrebs-Tod gerettet?

Von 1000 Frauen, die regelmäßig an Screenings teilnehmen, würden etwa zwei bis sechs vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt. Das steht in einer Broschüre des Mammografie-Screening-Programms zur Entscheidungshilfe.

"Wenn ich keine Frühdiagnose habe, verbaue ich mir, dass ich ein Leben retten kann"

Von 1000 Frauen erhielten aber etwa neun bis zwölf eine sogenannte Überdiagnose. Das heißt, dass ein Teil der Frauen, die die Diagnose Brustkrebs bekommen, ohne diese Früherkennungs-Untersuchung gar nicht gemerkt hätte, dass sie diesen Tumor haben. Bevor der zu einem gefährlichen Krebs auswachsen könnte, wären diese Frauen schon an einer anderen Ursache gestorben. Trotzdem werde diesen Patientinnen zur Therapie geraten. Das seien unnötige medikamentöse Behandlungen, Bestrahlungen und Operationen, die nicht nur den Patientinnen, sondern auch dem Gesundheitssystem zur Last fielen, sagen Kritiker.

Die Befürworter, wie Sylvia H. Heywang-Köbrunner, sehen die positiven Effekte: So konnte eine Studie 2021 nachweisen, dass in Deutschland die Sterblichkeit der Frauen seit Beginn des Programms im Alter von 50 bis 59 Jahren bis zu 28 Prozent und im Alter von 60 bis 69 Jahren bis zu 23 Prozent gesenkt werden konnte. "Dieser Effekt ist ein Screening-Effekt", sagt die Radiologin. Er sei bereits fünf Jahre nach Beginn des Programms spürbar gewesen. Für Heywang-Köbrunner überwiegt der Nutzen: "Wenn ich keine Frühdiagnose habe, verbaue ich mir, dass ich ein Leben retten kann." Je früher eine Krebserkrankung erkannt werde, desto höher sei die Überlebenschance.

Ihr pflichtet auch die renommierte Gynäkologin Nadia Harbeck bei. Sie ist Leiterin des Brustzentrums am LMU-Klinikum und wurde kürzlich mit dem Deutschen Krebspreis in der Kategorie Klinische Forschung ausgezeichnet. "Das Screening führt dazu, dass die Heilungsraten bei Brustkrebs steigen", so Harbeck. Je mehr Frauen mit "Niedrigrisiko-Karzinomen" kämen, desto weniger aggressiv fielen auch die Therapien aus. Dass heutzutage bei vielen Patientinnen beispielsweise auf eine Chemotherapie verzichtet werden kann, kommt laut Harbeck auch durch das Screening-Programm. Deshalb lautet ihr Fazit: "Das Screening rettet Leben."

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