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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Unwürdiger Ort des Gedenkens

Das Mahnmal für die Opfer des Wiesn-Attentats von 1980 ähnelt oft einer Müllhalde, monieren Bürger. Ein Überlebender findet Stele und Schale überhaupt wenig einladend und fordert eine Umgestaltung

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Das Denkmal für die Opfer des rechtsextremen Oktoberfestattentats vor 37 Jahren wird während der Wiesnzeit offenbar als Abstellfläche für Altglas und als Müllcontainer missbraucht. Diese Beobachtung haben Anwohner und Besucher gemacht, darunter Marian Misch, SPD-Fraktionssprecher im Bezirksausschuss (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Der BA hat einstimmig die Stadt mit einem Dringlichkeitsantrag aufgefordert, sicherzustellen, dass das Denkmal in einem "würdigen Zustand" bleibt. Die Stadt müsse schnell handeln, hieß es. "Dies ist dem Ort und dem Andenken an die 13 Toten und 211 Verletzten des Attentats unwürdig."

Auch zu anderer Zeit, vor allem aber während des Oktoberfests, sei das Denkmal verschmutzt und in einem "erbärmlichen Zustand", begründete Marian Misch den Antrag. Wiesnbesucher, die vor dem Eingang auf das Festgelände auf Einlass warteten, entsorgten dort Glasflaschen und Müll. Man könne beobachten, dass Getränkereste dort ausgeschüttet werden und Müll von Pfandflaschen getrennt werde. Offenbar leistet die Stadtverwaltung dem Treiben, wenn auch wohl unbeabsichtigt, Vorschub: Direkt am Denkmal sollen große Müllcontainer stehen.

Gedenken an die Opfer des Oktoberfest-Attentats 1980 in München, 2017

Zum 37. Jahrestag des rechtsextremen Oktoberfestattentats wurde das Denkmal für die Opfer des Bombenanschlags auf der Theresienwiese herausgeputzt. Es soll auch sauber bleiben.

(Foto: Robert Haas)

Bereits am Dienstag hatte sich Robert Höckmayr, ein Überlebender des Bombenanschlags vor 37 Jahren, bei der Gedenkfeier am Erinnerungsmal kritisch über das Memorial geäußert. Er fordert, dass der Ort ein neues Aussehen bekommt. Er lade nicht zum Gedenken ein, sagte Höckmayr vor den Gästen, zu denen Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gehörte. Der Ort erinnere an die Bombe und die Splitter - nicht aber an die Menschen, die das Leid ertragen mussten. Robert Höckmayr hatte als Zwölfjähriger an dieser Stelle bei dem Attentat zwei kleine Geschwister verloren, seine Eltern und zwei weitere Geschwister wurden schwer verletzt. Höckmayr regte auf der Gedenkveranstaltung an, eine Gruppe zu bilden und mit der Umgestaltung des Denkmals zu beauftragen. Dieser Gruppe sollten auch Angehörige und Überlebende angehören, forderte er. Die Müllcontainer, die Bürger und Lokalpolitiker Marian Misch gesehen haben, hatte jemand zur Gedenkfeier weggeräumt. Auch das Mahnmal war feierlich hergerichtet. Dass ein den Opfern würdiger Zustand mehr als zwei, drei Tage erhalten bleibe, bezweifelten der BA allerdings.

Die Stadt hat noch nie ein gutes Händchen gehabt mit der Gedenkstätte. Seit dem ersten Jahrestag erinnert die Bronzestele des bayerischen Bildhauers Friedrich Koller an die Opfer des Attentats vom 26. September 1980 - dort, wo sie starben, am Haupteingang zum Oktoberfest. Nachträglich, im Jahr 1987, wurden auf die Bitte von Hinterbliebenen hin die Namen der zu Tode gekommenen Opfer eingraviert. Im Jahr 2008 musste Koller das Denkmal dann neu gestalten - "aus vielerlei funktionalen Zwängen heraus", hieß es damals in der Stadtverwaltung. Der Hintergrund: Betrunkene und Anlieferer hatten die Stele beschädigt. Versuche, sie durch ein Podest, mit einer Steinwand und einem Blumenbeet im Wiesngetümmel zu schützen, waren da bereits fehlgeschlagen. Das Blumenbeet wurde als Müllkippe benutzt.

Gedenkort Wiesenattentat 1980 in München, 2016

Zwölf Namen sind eingraviert auf der Stele. Doch das Mahnmal erinnert viele Überlebende mehr an die Bomben als an die Opfer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das derzeitige Mahnmal besteht aus der Stele, sie wurde restauriert und inmitten eines Kreises mit etwa drei Meter Radius aufgestellt. Die eine Kreishälfte wird durch eine Schiene im Boden abgebildet. Die andere Hälfte besteht aus einer 2,70 Meter hohen senkrecht stehenden Schale aus dickem Stahl. Sie ist durchlöchert, wie von Bombensplittern getroffen. Auch in den Bodenbelag um die Stele sind Metallteile eingelegt. Die Splitter sollen Überquerende an die Willkür des Attentats erinnern. Der Stahlmantel sei Metapher für Schutz, für Demokratie, erläuterte der Künstler damals, und dieser Mantel zeige Wunden.

© SZ vom 28.09.2017

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