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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Die grüne Stadt

Im südlichen Bahnhofsviertel wird es schon jetzt im Sommer sehr heiß, vor allem an Straßen ohne Bäume. Was sich in Zukunft ändern muss, damit Zentrumsquartiere lebenswert bleiben, erörtert ein Online-Workshop

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Im südlichen Bahnhofsviertel, mitten in der Innenstadt gelegen, ist es meist mehrere Grad heißer als in den Randbezirken. Was fehlt, sind Bäume, zumindest genügend Bäume. Bei einem Online-Workshop zum Thema "Zukunftsvisionen für ein klimaangepasstes Südliches Bahnhofsviertel", den das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) aus Berlin in Kooperation mit der Umweltorganisation Green City veranstaltete, zeigten die Umfrageergebnisse das Manko deutlich in Dunkelrot auf: Wissenschaftliche Mitarbeiter des Fachbereichs Soziologie an der LMU hatten eine "subjektive Heatmap" zusammengestellt.

Gefragt nach den Straßen, die sie als besonders unangenehm und als zu warm empfinden, fielen Anwohnern, Passanten und Berufstätigen im Viertel und der Umgebung fast immer baumlose Straßen ein. Weit oben auf der Rangliste: die Bayerstraße, die Schwanthalerstraße, die Schillerstraße, der Bahnhofsvorplatz und sogar - die Theresienwiese.

"Ohne Schatten, ohne Grün - das wird als ziemlich furchtbar empfunden", fasste Julia Mittermüller, die am LMU-Forschungsprojekt beteiligt war, das Ergebnis zusammen. Grün sei ein Standortvorteil, wirke nicht nur kühlend, sondern schaffe Gemütlichkeit und Platz für Begegnungen, reduziere Stress, kompensiere bauliche Dichte, Verkehr und Lärm.

"Grüne Stadt der Zukunft" heißt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt, das die Wirtschaftsforscher vom IÖW zurzeit mit Blick auf das südliche Bahnhofsviertel durchführen. Modelle für begrünte Innenhöfe als private Rückzugsorte haben die Projektleiter Angela Oels und Johannes Rupp als Diskussionsgrundlage angefertigt, die Teilnehmer des Workshops sollen sich in die Zukunft versetzen und überlegen, wie ihre Straßen in den Vierzigerjahren aussehen sollen. Da ist die Landwehrstraße qua Modell dann zu einer von Bäumen verschatteten Flaniermeile geworden. An den Hauswänden der Schwanthalerstraße, Ecke Sonnenstraße ranken Klettertrompeten empor und setzen mit roten Blüten Farbakzente. Vor dem Café unten an der Ecke stehen Pflanzkübel neben Hochbeeten. Auf dem Dach der Sabelschule wird gegärtnert und gemeinsam gelernt. Und der private Innenhof der Theatergemeinde, derzeit eher als Parkplatz genutzt, hat sich, wenn es nach den Workshop-Teilnehmern geht, in einen Begegnungsort im Viertel verwandelt, abends für Poetry Slam, Konzerte, Kino.

Zurück ins Jahr 2020: Noch ist es nicht einfach, eine Straße mit Bäumen auszustatten. Beate Bidjanbeg (SPD), Mitglied des Bezirksausschusses (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, wies darauf hin, dass der BA dafür schon oft die Initiative ergriffen habe. Doch es gebe Hürden, administrative und verkehrsrechtliche, oder - wie in der Schwanthalerstraße - Leitungen und Rohre unter dem Asphalt, die Baumpflanzungen verhindern.

In Kleingruppen-Diskussionen und im Chat wurde deutlich, dass die alternativen Begrünungsmöglichkeiten allein - an Fassaden, auf Dächern - oft als nicht ausreichend empfunden werden. "Viele große Bäume sind wichtig. Wir brauchen Schatten", sagte eine Teilnehmerin. Laubengänge und Schattensegel wurden ebenfalls vorgeschlagen, Bäume in Kübeln. Viel für die Abkühlung brächten Dachbegrünungen, sie wirkten auch als Wasserspeicher, klärte Landschaftsarchitekt Wolfgang Heidenreich von Green City auf. "Jeder kann etwas tun. Selbst nur eine Pflanze auf dem Balkon hilft."

Bidjanbeg wies darauf hin, dass großflächige oder einschneidende Veränderungen derzeit meist schnell scheitern, besser sei es, kleinteilig und gezielt vorzugehen. "Es ist einfacher, in heißen Sommermonaten eine Sommerstraße einzurichten als Tröge mit Pflanzen aufzustellen, die dann aus verkehrsrechtlichen Gründen abgelehnt werden." Bidjanbeg empfahl allen, die gerne einen Baum vor der Haustür hätten oder andere grüne Lösungen für die Stadt umsetzen wollen, sich für die Durchsetzung und Finanzierung zunächst an den Bezirksausschuss zu wenden. Je mehr Anfragen und je häufiger sie gestellt würden, desto besser. "Man muss hinterhersein und immer wieder einfordern."

© SZ vom 07.10.2020

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