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Lokführer-Streik in München:Dirigieren und informieren

DB-Betriebszentrale Richelstraße 1

Mitarbeiter im Bahn-Betriebszentrum koordinieren die Züge mit Hilfe zahlreicher Monitore.

(Foto: Florian Peljak)
  • Bis Donnerstagabend fahren die S-Bahnen wegen des GDL-Streiks in München und dem Umland nur im Stundentakt, zwei Drittel der Fernverkehrszüge entfallen.
  • Für die Bahn ist so ein Streiktag mit einem logistischem Großaufwand verbunden. Die Mitarbeiter in der Betriebszentrale müssen einen Notfallfahrplan erstellen.
  • Am Hauptbahnhof in München sind die Fahrgäste weitestgehend entspannt.

Von Lena Abushi

So ein Bahnstreik kann auch angenehme Seiten haben, zumindest aus der Sicht von Schülern: Richtig gute Ausreden gibt es ja selten, wenn man zu spät zum Unterricht erscheint. Da die Lehrer aber trotzdem schimpfen könnten, stehen nun vier Schüler am Hauptbahnhof um Thomas Wackernagel herum und verlangen eine Bestätigung. Der Mitarbeiter der Deutschen Bahn ist am Morgen des Streikbeginns für die Fahrgastinformation zuständig, er hilft den Schülern gerne - und stellt ihnen ein Schreiben aus, mit dem sie ihren Lehrern beweisen können, dass die S-Bahn wirklich nicht gefahren ist.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) streikt mal wieder, bis Donnerstagabend fahren die S-Bahnen in München und dem Umland nur im Stundentakt, zwei Drittel der Fernverkehrszüge entfallen; der Güterverkehr liegt sogar bis Freitagmorgen größtenteils lahm. Für die Bahn ist so ein Streiktag mit einem logistischem Großaufwand verbunden: Die Mitarbeiter in der Betriebszentrale müssen einen Notfallfahrplan erstellen, sie müssen die Information der Passagiere gewährleisten, Anzeigen bedienen, Durchsagen organisieren und die verbliebenen Züge auf der Stammstrecke und den Außenästen so dirigieren, dass möglichst viele Passagiere etwas davon haben - und die Wartezeiten so gering wie möglich gehalten werden.

"Wenn die Linie dick ist, heißt das, dass der Zug Verspätung hat"

"Im Regelfall wird uns ein Streik 24 Stunden vorher angekündigt", sagt Heiko Hamann, Leiter des Bahnhofsmanagements München. In der Betriebszentrale in der Nähe der Donnersberger Brücke geht der Puls der Mitarbeiter für gewöhnlich nach oben, sobald die Streiknachricht eintrifft. Es ist ein Gebäude, das im Inneren geformt ist wie ein Ufo: In der Mitte befindet sich ein großes rundes Podest, zu dem zwei Treppen führen und auf dem mehrere Arbeitsplätze mit zahlreichen Monitoren ausgestattet sind. Konrad Freilinger sitzt hier wie in einem Cockpit, seine Bildschirme zeigen dicke und dünne Linien, ständig laufen Nachrichten ein. Freilinger koordiniert von hier aus einen Teil des Bahnnetzes, auf seinem Display sieht er, welcher Zug sich gerade wo befindet. "Wenn die Linie dick ist, heißt das, dass der Zug Verspätung hat", sagt er. Freilinger versucht dann, Abhilfe zu schaffen.

"Unsere Aufgabe ist es, alles abzugleichen - also wo die Züge laut Fahrplan sein sollten und wo sie tatsächlich gerade sind", erläutert Dietmar Kar, der die Münchner Schaltzentrale der Deutschen Bahn leitet. 350 Mitarbeiter wechseln sich hier im Schichtbetrieb ab, immer 80 Kollegen sind gleichzeitig im Einsatz. Sie erstellen den Notfallfahrplan - und passen ihn jeweils an die aktuelle Situation an. Von hier aus werden auch die Nachrichten für die Anzeigetafeln an den Bahnhöfen geschrieben und die Durchsagen in Zügen und Bahnhöfen koordiniert. Auch das sogenannte "KIS", die Kundeninformation im Störungsfall, wird von hier aus gemanagt: Bahnkunden erhalten über das System E-Mail-Newsletter mit den neuesten Informationen und ständig aktualisierten Ersatzfahrplänen.

In der Schalterhalle regen sich Fahrgäste auf

Das Krisenmanagement in der Betriebszentrale zeigt offenbar Wirkung. Zwar wettern die Fahrgastverbände, dass die Auswirkungen des Streiks "verheerend" seien. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) kritisiert den erneuten Ausstand ebenfalls scharf. "Der Streik stellt eine massive Belastung für die ganze Bevölkerung und Unternehmen in ganz Deutschland dar." Und natürlich regen sich am Mittwoch auch in der Schalterhalle am Hauptbahnhof Fahrgäste über Verzögerungen und Ausfälle von Zügen auf. "Mein Mann ist auf Dienstreise, die Kinder müssen betreut werden", klagt etwa eine Studentin in der Schalterhalle. Sie schaffe es deshalb nun nicht mehr zu einem wichtigen Termin und müsse ihren ganzen Tagesablauf umplanen.

Dennoch aber bleibt die Stimmung an den Bahnsteigen relativ entspannt. Die Schlangen an den Serviceständen des Hauptbahnhofs sind nur wenig länger als an normalen Tagen. "Die meisten haben sich scheinbar auf den Streik eingestellt", vermutet Heiko Hamann vom Bahnhofsmanagement. An den Schaltern waren neben Informationen zum Fahrplan vor allem die Vordrucke zur Rückerstattung des Fahrpreises stark nachgefragt. Die meisten Passagiere warteten auf ihre S-Bahn oder fanden andere Wege, um zum Ziel zu kommen. Auch auf den Straßen, meldete die Polizei, gab es kaum mehr Stau als an gewöhnlichen Tagen.

© SZ vom 23.04.2015/lime

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