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Literaturrezension:Die Unreifeprüfung

Stefan Wimmer

Mit Zottelhaaren und Kippe gegen den Rest der Welt: Der Münchner Autor Stefan Wimmer erinnert sich an seine Jugend in Pasing.

(Foto: Archiv Stefan Wimmer)

Stefan Wimmers süffiger Coming-of-Age-Roman "Die 12 Leidensstationen nach Pasing"

Von Bernhard Blöchl

Leichter gesagt als getan, der Ratschlag ganz am Ende: "Also geht raus und schnappt euch dieses Leben." Aber von Corona und den damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen konnte Stefan Wimmer, der Autor und Ich-Erzähler, natürlich nichts wissen, als er seinen Roman über das Aufwachsen in der Vorstadthölle schrieb. Und in der Zeit, in der die süffige Coming-of-Age-Geschichte dahinfließt wie die dunkle Würm, nämlich im Sommer 1985, da laberten seine Helden nicht über Covid-19, sondern über BSE und Rinderwahn und darüber, dass bald alle immer dümmer werden.

Dass der schöne Schlusssatz dennoch zündet, liegt einerseits daran, dass in der finalen Botschaft eine zeitlose Hoffnung steckt. Andererseits daran, dass "Die 12 Leidensstationen nach Pasing" (Heyne Hardcore) ein verdammt gutes Buch ist. Eines, das nachhallt, ach was, nachdröhnt mit einem gewaltigen Bumms aus der Vergangenheit. Da stehen Dialoge drin, um die den Münchner viele Autoren beneiden werden, ausgespuckt von Figuren, die so markant sind, wie man sie kaum erfinden kann. "Der Helmi hat g'sagt, da Kutten hätt' ihm g'steckt, dass der Mütze g'meint hat: Im Käuzchenweg auf mittlerer Höhe steigt was!" Noch Zweifel an der Authentizität? Typische Wörter wie "steigen" strotzen einem da entgegen, "Knüller" hier, "Schulhofratten" da, "vom Rüscherl bis zur Beton-Maß" ganz zu schweigen.

Schon der Titel ist speziell. Auskunft gibt ein Bahnhofs-Proll namens Lothar: "Es san zwölf Leidensstationen nach Pasing - und mit jeder Station wird des Leiden schlimmer!", ätzt dieser an einer Stelle, während er das Gesicht des Ich-Erzählers in eine Pizza Frutti di Mare drückt. Ein Tiefpunkt für den 15-Jährigen, der Roboterstiefel und New-Wave-Haare trägt, der The Cure hört und Reclam-Hefte mit sich herumschleppt, weshalb er "Der Belesene" oder "Professor Frosch" genannt wird. Und genau darum geht es in dem Buch: um den Alltag eines Zehntklässlers zwischen Reviermarkierung und Rendez-vous, zwischen Joints und Samenerguss, zwischen Platten klauen und Mädchen schauen. Kurz: um den "Ruf der Wildnis, die uneingeschränkte Herrschaft des PPP" (Partys, Petting, Punkmusik). Die Handlung ist mit "der Sommer, in dem ich meine Unschuld verlor" ausreichend umrissen. Einen hakenschlagenden Plot braucht man gar nicht erst zu suchen, man vermisst ihn nicht. Zu stark ist das Episodenhafte, die kleinen Abenteuer, das Mittendrin im wasserstoffgefärbten Moment des Gestern.

Der Roman ist vor allem ein Buch über Freundschaft, über Aus- und Eingrenzen, Grüppchenbildung und Sozialisierung. Im Zentrum steht die Kajal-Clique, ein Verbund, der sich - je nach Selbstwert - mal als mächtig, mal als "Spargelsultane" einstuft. Zur Clique gehören neben dem Ich-Erzähler ("Der Chronist") der etwas ältere Roderick ("Der Boss"), außerdem Meindorff ("Das Brain") und der Nachzügler Deibel ("Der Clown"). Letzterer wird zwar von den anderen nicht für voll genommen ("Wenn wir die Ritter des Bundes waren, dann war Deibel der Unterknappe des Mundschenks des Kämmerers"), trägt aber enorm zum Lesespaß bei mit seiner Dialekt gefärbten und buchstabenverschluckenden Ausdrucksweise. Ein Kapitel lang darf Deibel selbst erzählen. Diesen Wechsel der Perspektive gönnt Stefan Wimmer nur ihm und einem Typen namens Fonzi. Gemeinsam widmet sich das Ensemble mit geballter Halbstarkenkraft dem PPP. Sie reden über das erste Mal, träumen von Baby Love, einem Mädchen, das vor allen dem Ich-Erzähler den Kopf verdreht, und bestellen sich Sechsämter-Tropfen am Kiosk im Pasinger Stadtpark.

Überhaupt Pasing. Das Buch ist eine Hymne auf den Stadtteil im Westen. Zwischen Karlsgymnasium und 34er-Bushaltestelle, zwischen Würm, Bahnhof und Blumenau macht sich die Clique Gedanken darüber, was ihnen an den Hippies aus der Dreizehnten, den bildhübschen Mädchen aus der Zwölften und den Holzhackertypen aus der Elften miss- oder gefällt. Wimmer unterteilt Pasing in Kriegsgebiet (Bahnhof) und befriedete Zone (südliche Teile, Stadtpark, Würm, Schulgegend). Und legt sich fest: "Die Blumenau schmiedet den Charakter. Die Blumenau macht einen zum Superhelden! Dieses Viertel war das Beste, was einem passieren konnte!"

Am Karlsgymnasium war auch er, der Wimmer Stevie, Jahrgang 1969. Sein Roman ist denn auch durch und durch autobiografisch. Das fängt bei dem Jugendfoto auf dem Cover an, zieht sich über die Widmung für den verstorbenen Roderick und hört bei den wenigen eigenwilligen Fußnoten noch lange nicht auf. Darin lässt Wimmer den Leser wissen, dass er gerade in einem "verwanzten mexikanischen Motel" sitzt und dieses Buch schreibt. Bereits in seinem munter machistischen Roman "Der König von Mexiko" (2008) hatte der Münchner Schriftsteller und Journalist gezeigt, wo der Barthel den Most holt, also wortkraftmäßig. Hier nun hat er sein Meisterstück abgelegt, oder soll man sagen: die Unreifeprüfung.

© SZ vom 20.04.2020
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