Pop-Musik:Unter Freunden

Lesezeit: 4 min

Leslie Mandoki

Leslie Mandoki (links) und Al Di Meola sind seit mehr als 30 Jahren befreundet.

(Foto: Red Rock Production)

Leslie Mandoki stellt das neue "Visual Album" seiner "Soulmates" gerade in den USA vor.

Von Oliver Hochkeppel, Tutzing

Still ruht der See. Stiller noch als sonst, hier in Tutzing beim Red Rock Studio samt seinem Bootshaus. Denn der Hausherr, der Schlagzeuger, Sänger, Produzent, Sounddesigner und Bandleader Leslie Mandoki, weilt in der Ferne: Er feiert Thanksgiving bei seinem "Soulmate", dem Star-Gitarristen Al Di Meola in New York. Eine kleine Jam Session mit weiteren New Yorker Soulmates wie Randy Brecker oder Mike Stern wird es dabei auch geben, alle gemeinsam in einem Raum.

Das sah zuletzt lange ganz anders aus bei den Mandoki Soulmates, jener konkurrenzlosen Allstar-Truppe, in der Mandoki Rock- und Jazzlegenden wie Ian Anderson von Jethro Tull, John Helliwell von Supertramp, Nick van Eede von Cutting Crew, Richard Bona, Cory Henry oder eben Al Di Meola versammelt, samt deutschen Granden wie Peter Maffay, Till Brönner, Randy Brecker und Klaus Doldinger. Als es im Frühjahr 2020 nach den deutschen Release-Konzerten zum Doppelalbum "Living In The Gap" auf Welt-Tournee gehen sollte, kam Corona. Erst im Frühjahr 2021 wurde wieder gemeinsam musiziert, wenn auch räumlich getrennt: Beim Online-Konzert "Music Is The Greatest Unifier" kamen diverse Soulmates von allen Ecken der Welt virtuell auf einer Bühne zusammen, vom Studio in Tutzing aus gesteuert. Vor gut einem Monat sendete BR Fernsehen das Konzert erneut, es ist noch in der BR Mediathek zu sehen.

Der Mitschnitt des "Soulmates"-Online-Konzerts steht noch in der Mediathek

"So wie die Digitalisierung es möglich macht, dass wir Soulmates trotz örtlicher Trennung gemeinsam musizieren konnten, so ermöglicht es die Musik, manche Trennung in den Köpfen zu überwinden", sagt Mandoki und ist dabei bei einem Lebensthema. Als Brückenbauer versteht sich der Hüne mit dem markanten Schnauzbart und der langen Mähne. Seine ganze Energie steckt er seit jeher in Unternehmungen, die eigentlich Unvereinbares zusammenbringen. Was natürlich mit dem Staraufgebot seiner Soulmates beginnt: "Niemand sonst könnte so eine Truppe zusammenstellen, das ist bei solchen Stars, hinter denen ja monströse Managements und Terminpläne stehen, eigentlich ausgeschlossen", sagt Al Di Meola, "nur Leslie schafft das mit seiner Hartnäckigkeit." Da ist der musikalische Brückenschlag zwischen Klassik, Rock und Jazz eher ein Klacks.

Weit anspruchsvoller sind die Gegensätze, die Mandoki in seiner Person wie seiner Künstlerpersönlichkeit zusammenzwingt: Da ist auf der einen Seite der Gebrauchsmusik-Unternehmer, der für den VW-Konzern, für den FC Bayern oder die CDU Werbemusik, Jingles oder Soundkonzepte zusammenbastelt, auf der anderen der idealistische Großkomponist, der für das Wohl der Menschheit bombastische Suiten schreibt. Da ist einerseits der konservative Politik-Versteher, der sich 2013 von der CSU für die Landtagswahl aufstellen und sich noch jüngst für Söder oder Laschet einspannen lässt, der gar den höchst umstrittenen, ihm aber in Freundschaft verbundenen ungarischen Autokraten Viktor Orbán mit der EU zusammenbringen will. Und andererseits einer, der noch radikaler als die Linke gegen den "Casino-Kapitalismus" wettert und sich robust für Generationengerechtigkeit und Klimaschutz einsetzt. Von seiner liberalen Haltung in der Migrationsfrage ganz abgesehen.

In Deutschland blieb er hängen: dank Klaus Doldinger und Udo Lindenberg

Genau da freilich lösen sich diese vermeintlichen Gegensätze auf, erklären sie sich durch Mandokis Biografie. Der heute 68-jährige geborene Budapester ist ja mit 22 vor den Repressionen des kommunistischen Regimes seiner Heimat geflohen, unter abenteuerlichen und lebensbedrohlichen Umständen, nämlich durch den Karawanken-Eisenbahntunnel. Wie es weiterging, erzählt er selbst so: "Als ich als illegaler Einwanderer, als Geflüchteter und Asylsuchender, ohne ein Wort Deutsch zu können, mit 22 Jahren hierherkam, habe ich ein unglaublich tolerantes und lebenswertes Land vorgefunden, das verliebt war in das Gelingen. Eigentlich wollte ich nur eine kurze Weile in Goethes und Schillers, Bachs und Beethovens Land bleiben, um dann weiter nach Amerika ins gelobte Land der Musiker zu ziehen. Dank Klaus Doldinger und Udo Lindenberg bin ich dann aber schnell stolzer Bürger von Udos ,bunter Republik' geworden." Und er verwirklichte seinen Traum, den er schon 1975 ins Formular des Zentralen Aufnahmelagers Friedland geschrieben hatte: mit seinen Helden, den größten Stars der Musikwelt zu spielen.

Eigentlich hatte Mandoki bereits seinen Ausstieg geplant. Das Ende der "Wings of Freedom"-Tournee, nach den letzten bewegenden Konzerten in den USA im Januar 2018, betrachtete er als würdigen Abschied. Seine Kinder stimmten ihn um. Drei Wochen hätten sie in einem Haus in Topanga, dem Hippie-Viertel von Los Angeles, über Generationengerechtigkeit gesprochen, erzählt er gerne. Daraufhin habe sein Sohn ungefragt ein Strandhaus auf Bali gemietet und gesagt: "Du machst jetzt dein Telefon aus und schreibst ein Album über genau die Themen, über die wir gesprochen haben." "Living In The Gap" ist das geworden, einerseits. Denn auch da kam Mandoki wieder seine Vergangenheit in den Sinn, und so landeten auch da schon die "Hungarian Pictures" auf dem Doppelalbum. Ein auf der Musik von Béla Bartók fußendes Projekt, das dann auch den Kern des Onlinekonzerts bildete. Und für die jüngste Soulmates-Veröffentlichung: Im September kam - als erstes weltweit gleichzeitig erscheinendes Soulmates-Album - "Utopia for Realists" heraus, für das Mandoki gleich eine "neue Kunstform" beansprucht: Als "Visual Album" und "Mediabook" kombiniert es den Konzertfilm der Prog-Rock-Suite "Hungarian Pictures" anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls in Berlin mit animierten Gemälden und opulent gefilmten Impressionen ungarischer Landschaften.

Damit konnten er und seine Soulmates auch schon die Rückkehr aus dem Corona-Loch bestreiten, im August open air in Budapest vor zehntausenden von Zuschauern. Gründe zuhauf für ein fröhliches Erntedankfest im Hause Di Meola. "Wir haben unsere 30-jährige Freundschaft gefeiert, ich war schon so oft mit den Kindern bei ihm. Aber auch die neuen Grammy-Nominierungen unserer Soulmates Randy Brecker und Cory Henry", erzählt Mandoki hastig am Telefon. Er ist schon wieder auf dem Weg zum Flughafen, die amerikanische Promo-Tour läuft auf vollen Touren, mit Miami als nächster Station. Und in genau einem Jahr, so die Corona-Wellen endlich ein Ende finden, geht es wieder in den deutschen Hallen zur Sache. Von wegen Rückzug, Leslie Mandoki hat noch einige Brücken zu bauen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB