bedeckt München

Nachtleben:Im mitteralterlichen München ging man mit den Hühnern ins Bett

Aber ist die Nacht, namentlich die Münchner Nacht, nur interessant als eine Zeit des Amüsements? Sind nicht gerade jene Sommernächte die schönsten, in denen man unter einem seidig blauschwarzen Himmel in einer entlegenen Ecke des Englischen Gartens sitzt oder an den Gestaden der Isar, die nicht von Bratwurstgrillern heimgesucht werden?

Überhaupt: Stille. Es hat sich eingebürgert, das Bedürfnis nach Ruhe, nach Stunden, in denen man nicht zugequasselt und beschallt wird, als spießig zu denunzieren. Wer keinen Lärm will, soll sich gefälligst auf den Friedhof legen, lautet die einschlägige Empfehlung, der das popkulturelle Credo zu Grunde liegt: Radau ist urban, Ruhe provinziell.

Ist das so? Ist der Mensch, der in der Stille seinen Gedanken nachhängt oder gar schläft und träumt, in jedem Fall ein Spießer, wohingegen derjenige ein extrem cooler Typ ist, den im Techno-Gedöns einzig die Frage bewegt, welchen Cocktail er sich als nächsten bestellt? Kann es in Einzelfällen nicht genau umgekehrt sein?

Früher war die Nacht furchteinflößend und unheimlich

Um die nächtliche Stadt in einen großen öffentlichen Amüsierbetrieb zu verwandeln, bedurfte es der Erfindung des elektrischen Lichts. Bis tief ins 19. Jahrhundert war München nach Sonnenuntergang ein weitgehend finsteres Loch, und wer, wie etwa Nachtwächter oder Räuber, nicht auf die Straße musste, blieb in seiner Stube. In der mitteralterlichen Stadt ging man tatsächlich mit den Hühnern ins Bett.

Bei Kerzenlicht noch ein paar gute Stunden zu genießen, konnten sich allenfalls betuchte Herrschaften leisten, denn Wachs war teuer. Die Stadttore wurden im Winter um neun Uhr geschlossen, im Sommer eine Stunde später. Wer die Öffnungszeiten verpasst hatte, bekam am "Inneren Einlass" eine zweite Chance - aber nur bis 23 Uhr.

In jedem Fall empfahl es sich, eine Kerze mitzunehmen, denn eine Straßenbeleuchtung gab es nicht. Anders als heute war die nächtliche Stadt eine Gegenwelt zur hellen Sphäre des Tages - furchteinflößend, unheimlich und womöglich ein Ort, in dem lichtscheue Gestalten, wenn nicht gar Gespenster ihr Unwesen trieben.

Manche Bürger wünschen sich die Gespenster zurück

In größerem Stil wurde München in der Mitte des 19. Jahrhunderts illuminiert, als der Magistrat 1000 Gaslaternen aufstellen ließ. Die elektrische Straßenbeleuchtung setzte sich nur schrittweise durch, erst um die Jahrhundertwende erhellte sie in nennenswerter Lichtstärke die Münchner Nacht. Damit verschwanden allmählich die schauerlichen Wesen der Finsternis, und an ihre Stelle traten die Nachtschwärmer. Seitdem wünschen sich manche Bürger die Gespenster wieder zurück.

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da - das gilt längst auch für München, ungeachtet der Schlafmützen, die, aus der Ferne betrachtet, die Münchner auf dem Kopf zu haben scheinen. Dabei ist es keineswegs so, dass die Nacht ausschließlich dem Vergnügen dient. Die Fabrikanten der Gründerzeit haben sehr schnell spitzgekriegt, dass elektrisches Licht bestens geeignet ist, den Feierabend zur Steigerung der Produktion auch auf den Morgen zu verlegen.

Wo es hell ist, kann man arbeiten. Der Nachtschicht entging auch das Münchner Proletariat nicht, und heute ist es in vielen Branchen gang und gäbe, seine Arbeitskraft selbst zur Geisterstunde dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Der Nachtwächter aber hat ausgedient - nur auf dem Rathausturm dreht er noch seine Runden.

© SZ vom 19.12.2015/mkro
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