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Nachtleben:Was Münchner in den dunklen Stunden treiben

Nacht- Stadtansicht der Altstadt mit Karlsplatz und Frauen- Kirche am Neuen Rathaus im Zentrum der Landeshauptstadt München in Bayern

Nur gut acht Stunden dauern die Tage, der Rest ist Dunkelheit. Doch was macht die Nacht mit den Münchnern, und was machen die Münchner mit der Nacht?

(Foto: euroluftbild.de/picture alliance)

Feierbiester wie Mick Jagger oder Freddie Mercury durchtanzten einst die Münchner Nächte. Heute hält sich hartnäckig das Klischee vom verschnarchten Provinznest. Warum nur?

Die Münchner Nacht beginnt, egal, ob es Sommer oder Winter ist, um exakt 21 Uhr. Wer aber meint, diese klar definierte Ordnung der Tageszeiten würde mit der ortsüblichen Wurschtigkeit gehandhabt, sollte sich zur gegebenen Stunde vor dem Rathaus einfinden, wo den Münchnern jeden Abend sozusagen offiziell veranschaulicht wird, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen.

Punkt neun also schlägt die Rathausturmuhr, im selben Moment geht in den Säulenrotunden links und rechts des Glockenspielerkers das Licht an. Sogleich dreht ein Nachtwächter, vorschriftsmäßig ausgestattet mit Spieß, Horn, Lampe und Hund, eine kleine Runde. Die eigentliche Zeremonie, die den Anbruch der Münchner Nacht fixiert, kommt danach. Das Glockenspiel macht sich daran, Brahms' "Wiegenlied", das unsterbliche "Guten Abend, gut' Nacht" zu klimpern, während in der gegenüberliegenden Rotunde das Münchner Kindl erscheint. Hinter ihm schwebt ein Engel, der es ins Bett geleitet. Der Tag ist vorüber, zumindest gilt das für München.

Es wird getanzt, geflirtet, getrunken und gequatscht

Das an sich schöne Ritual ist natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die München generell für ein verschnarchtes Provinznest halten, in dem bei Einbruch der Dunkelheit die Gehsteige hochgeklappt werden. Von vertrauenswürdigen Nachtschwärmern wird allerdings glaubhaft versichert, dass dies nicht stimmt. Dennoch ist gewissen Menschen, die beispielsweise vom hippen Berlin aus einen stets verächtlichen Blick auf München werfen, nicht auszureden, dass alle Münchner mit einem Sepplhut auf die Welt kommen, unter dem sich eine Schlafmütze verbirgt.

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Genährt werden solche Irrlehren durch leichtfertig erstellte Ad-hoc-Befunde, etwa von der Art, wie sie die Operndiva Anna Netrebko vor einigen Jahren herausposaunte. Das Münchner Nachtleben, konstatierte die russische Sopranistin, sei eine matte Sache und sehe im Vergleich zu den aufregenden Nächten in St. Petersburg ganz schön alt aus. An diesem Urteil hatten die Münchner Freunde der Nacht jahrelang schwer zu beißen, mittlerweile aber haben sie es geschluckt und verdaut.

Es ist ja auch keineswegs ausgemacht, dass weltberühmte Primadonnen umfassend unterrichtet sind, was sich beispielsweise in der Sonnenstraße, dem Zentrum der sogenannten Feierbanane, des nachts so tut. Dort nämlich wird getanzt, geflirtet, getrunken und gequatscht, als gäbe es kein Morgen, und da müssen sich die Petersburger ganz schön strecken, um da mithalten zu können. Auch das Glockenbachviertel oder die Maxvorstadt sind Orte, in denen es zu später Stunde so ausgelassen zugeht, dass Anwohner, für welche die Nacht in erster Linie zum Schlafen da ist, an den Rand der Verzweiflung geraten.

Einst nutzten Jagger, Richards und Mercury die Nächte zu wüsten Treiben

Auf die Sperrstunde zu hoffen, hilft nur in Ausnahmefällen, denn einen für alle Münchner Wirte verbindlichen Termin, die Gäste an die Luft zu setzen, gibt es nicht mehr. Also lässt man es krachen bis zum Morgengrauen, und weil es in früheren Zeiten noch eine Sperrstunde gab, glauben viele Helden der heutigen Feierszene, im München der Sechziger-, Siebziger- oder Achtzigerjahre habe in punkto Nachtleben komplett tote Hose geherrscht.

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Man kontert diese oft hämisch vorgetragene Annahme mit dem Hinweis, dass seinerzeit Feierbiester wie Mick Jagger, Keith Richards (beide Rolling Stones) oder Freddie Mercury die Münchner Nächte zu allerlei wüsten Treiben zu nutzen wussten. Wo einer von den dreien auftauchte, konnte von toter Hose keine Rede mehr sein. Aber auch der normale Student ging damals nicht mit den Hühnern ins Bett.

Wenn es gerade mal richtig hoch her ging, sperrte der Wirt seines Vertrauens einfach die Kneipe zu, und die Sause ging als Privatveranstaltung weiter. Oder man setzte die Fete in einer der vielen Wohngemeinschaften fort, wo die herumliegenden Matratzen tagsüber dann auch als Schlafstatt dienten. Die Fenster mussten allerdings geschlossen bleiben, um sicherzustellen, dass zufällig vorbeigehende Polizisten nicht auf die Joint-Schwaden aufmerksam wurden.