Zweiter Weltkrieg Der Mord an James M. Greene

Der Bomber Flying Junior wurde 1944 über Pullach abgeschossen.

(Foto: Gemeinde Pullach)

Im Zweiten Weltkrieg wird ein junger US-Soldat in Pullach Opfer eines Kriegsverbrechens. 71 Jahre lang ist nicht einmal sein Name bekannt - bis zwei Historiker die Ereignisse des 19. Juli 1944 rekonstruieren.

Von Konstantin Kaip, Pullach

Der 19. Juli 1944 ist ein schöner Sommertag, wie Zeitzeugen berichten. In Pullach aber verdunkelt sich der Himmel: Amerikanische Bomber fliegen Angriffe auf die Industrieanlagen von Linde und den Elektrochemischen Werken, Zulieferern der Raketenproduktion. Ein Chronist der Feuerwehr berichtet vom unheimlichen Pfeifen der Sprengbomben und von schwarzen Wolken, die die Gartenstadt einhüllen: "Recht viel schlimmer kann ein Vulkanausbruch nicht sein."

Es ist der schwerste Angriff auf Pullach, laut Gemeindearchivar Erwin Deprosse kommen dabei insgesamt 29 Menschen um, darunter neun sowjetische Zwangsarbeiterinnen. Ein 30. Opfer bleibt jedoch in Chroniken lange unerwähnt: ein damals 20-jähriger US-Soldat, dessen Maschine vom Typ B 24 Liberator an anderen Bombenangriffen auf München beteiligt ist und von der deutschen Flak getroffen wird. Er kann sich mit dem Fallschirm retten, den der Wind nach Süden an die Pullacher Ortsgrenze trägt. Dort wird er von drei NSDAP-Funktionären aufgegriffen und erschossen. Es war James M. Greene aus Texas.

71 Jahre hat es gedauert, bis der Mann, der in Pullach Opfer eines Kriegsverbrechens wurde, einen Namen bekam. Das ist das Verdienst der Historiker Susanna Meinl und Markus Mooser, die in intensiven Recherchen die Ereignisse des 19. Juli 1944 rekonstruiert haben. Was sie herausgefunden haben, stellte Meinl jetzt im Pullacher Pfarrheim Heilig Geist erstmals öffentlich vor, bei einem Abend, den die Gemeinde und das Geschichtsforum dem Datum gewidmet hatten, "als der Tag zur Nacht wurde".

Die Piloten wurden getroffen

Meinl fasste zusammen, was sie herausgefunden hatte: Dass die B 24 von Greene mit dem Namen Flying Junior von Italien aus gestartet sei, mit Greene als Bordschützen. Zehn Mann Besatzung hätten die Bomber gehabt, wenige von ihnen älter als 25 Jahre. Zwei Flugzeuge schoss die Flak vom Forstenrieder Park aus ab. Bei Greenes Maschine wurden die Piloten getroffen, nur fünf Besatzungsmitglieder konnten abspringen.

Greene landete in einem Wäldchen auf dem Areal der Armen Schulschwestern. Sein Fallschirm wurde vom Pullacher Gendarmerieposten beobachtet, der die Verfolgung aufnahm, dann jedoch abbrach, da, so heißt es in einem Bericht, "der Abspringer erschossen worden" sei.

Mehrere Augenzeugen hätten ein Auto mit drei NSDAP-Funktionären beobachtet, darunter Ortsgruppenleiter Heinrich Gradl, der eine Pistole in der Hand gehabt habe. "Ihr braucht nicht mehr hinaus, den haben wir schon erschossen", soll Gradl gesagt haben. Die Beteiligung der anderen beiden sei nicht klar, es gebe aber Hinweise, dass auch sie geschossen hätten, sagte Meinl. Im Ort jedenfalls wurde Gradl mit der Tat in Verbindung gebracht. US-Soldaten erschlugen ihn nach ihrem Einmarsch am 1. Mai 1945 und warfen die Leiche über die Friedhofsmauer. Seine Frau beging kurz darauf Suizid.

Ein Kamerad überlebte, war aber traumatisiert

Wie tragisch Greenes Schicksal an jenem Tag war, zeigte Meinl auch anhand eines Videointerviews von 2011, in dem sein Crew-Kamerad Gerald Walter unter Tränen berichtet, wie er bewusstlos von einem Kameraden aus der Flying Junior geschubst und von einheimischen Bauern aufgelesen wurde, die ihn in ein Lazarett brachten. Der Kamerad, der ihn gerettet habe, war Richard Travers. Er landete in Solln, nur wenige hundert Meter von Greene entfernt, und überlebte. Allerdings hätten ihn die Verhöre und die Internierung im KZ traumatisiert, berichtete Meinl. Travers wurde Alkoholiker, er desertierte nach dem Tod seines einzigen Kindes von der Air Force, wurde vom FBI gesucht und starb unter falschem Namen.

Dass Travers am Tag seines Absprungs nur knapp mit dem Leben davongekommen war, berichtete der Zeitzeuge Walter Grein bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Der Sollner, damals Medizinstudent, war nach dem Luftangriff mit seinem Rad unterwegs. Er beobachtete, wie der US-Flieger von zwei Männern mit Pistolen abgeführt wurde, und verfolgte sie mit dem Rad.

Die Männer aber flohen, als zwei "große Kerle" hinter den Villen bei der evangelischen Kirche in Solln hervorstürmten und anfingen, auf den Soldaten einzutreten, erzählte Grein: "Das Bild hat sich bei mir tief eingebrannt, wie er am Boden liegt, die Hände zum Himmel gestreckt." Er habe sein Fahrrad weggeworfen und sei "den deutschen Schlägern an die Gurgel" gegangen, die ihn sofort "regelrecht verprügelt" hätten. Dann aber kamen die anderen Männer mit der Polizei zurück.

Grein war nicht der einzige Zeitzeuge auf dem Podium. Meinl hatte auch Ferdinand Oberniedermayr aus Grünwald mitgebracht, der den 19. Juli 1944 ebenfalls in lebhafter Erinnerung hat: Als damals 16-jähriger Flakhelfer der Großbatterie im Forstenrieder Park war er an dem Abschuss der beiden Bomber beteiligt. Vier US-Piloten habe seine Kompanie an diesem Tag ordnungsgemäß gefangen genommen und sogar von Sanitätern behandeln lassen, sagte Grein. Für ihn sei die Ermordung Greenes daher ein "Ausnahmefall".

Die NSDAP forderte zur Lynchjustiz auf

Dem aber widersprachen Meinl und Sven Keller vom Institut für Zeitgeschichte. Forschungen gingen inzwischen davon aus, dass es in den letzten Kriegsjahren in Deutschland und Österreich insgesamt etwa 1000 so genannte Fliegermorde gegeben habe: Kriegsverbrechen an Soldaten der alliierten Luftwaffe, von denen nur etwa ein Viertel aufgeklärt wurde. Vom Frühjahr 1944 an, sagte Keller, habe die NSDAP die Lynchjustiz gezielt eingefordert und den Mördern von feindlichen Fliegern Straffreiheit gewährt.

Meinl belegte das mit einem Zeitungsartikel von Joseph Goebbels und berief sich auch auf den in Pullach wirkenden Reichsleiter Martin Bormann, der in seinem Tagebuch vom "großen Pilotenjagen" spricht. Das Nazi-Regime habe "ganz gezielt zu Kriegsverbrechen aufgefordert", sagte Keller. Auch um von der eigenen Hilflosigkeit gegenüber den Luftangriffen abzulenken. Allerdings seien nur 10 bis 15 Prozent der Fliegermorde von der Zivilbevölkerung verübt worden, die meisten von NSDAP, SS und Volkssturm. So konnten die Historiker und Zeitzeugen an diesem Abend auch Licht in ein Forschungsgebiet bringen, das "lange Zeit beschwiegen wurde", wie Keller es umschrieb.

Vor allen Dingen aber fügten sie der Ortshistorie einen Namen hinzu und eine tragische Geschichte, die die sinnlose Grausamkeit des Krieges verdeutlicht. Zu ihr wird fortan auch ihr trauriger Epilog gehören: Jim Greene, der Sohn des ermordeten US-Soldaten, lernte seinen Vater nie kennen und wollte an der Veranstaltung am Freitagabend teilnehmen. Doch er starb auf dem Weg nach Pullach in Houston an einem Herzinfarkt.