Wirtschaft:Bauboom ohne Bauarbeiter

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Wirtschaft: Vor allem die Zahl der Neubauten ist in den vergangen Jahren stark gestiegen. Im Jahr 2016 wurde mit 375400 genehmigten Wohnungen in Deutschland der höchste Stand seit 1999 erreicht.

Vor allem die Zahl der Neubauten ist in den vergangen Jahren stark gestiegen. Im Jahr 2016 wurde mit 375400 genehmigten Wohnungen in Deutschland der höchste Stand seit 1999 erreicht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wegen der guten Konjunktur in der Wirtschaft sind die Auftragsbücher der Handwerker voll. Das treibt die Preise in die Höhe und bringt Gemeinden in finanzielle Schwierigkeiten. Eine Entspannung der Situation ist unwahrscheinlich

Von Anna Reuß, Landkreis

Eigentlich will die Gemeinde Brunnthal ihren Ortskern verschönern: mit einem Gasthof samt Hotel, einem Wohnhaus und Gewerberäumen. Eingeplant hatte man dafür etwa zwölf Millionen Euro. Doch seit kurzem steht fest, um die 600 000 Euro mehr werden fällig. Der Grund: die prall gefüllten Auftragsbücher der Baubetriebe. Bei den Ausschreibungen für das Projekt gibt es kaum noch Konkurrenz. "Erstaunlich" findet es Bürgermeister Stefan Kern zudem, dass in einer europaweiten Ausschreibung für eine Fensterfront keine einzige Firma ein Angebot eingereicht hat.

Die Baubranche floriert, das Geschäft der Betriebe läuft gut, die Umsätze steigen. "Das Handwerk blickt auf ein Rekordjahr 2016 zurück", hieß es bereits im vorletzten Konjunkturbericht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). 2017 könnte sogar noch erfolgreicher werden: Die Unternehmen bewerten ihre Umsatzentwicklung laut jüngstem Konjunkturbericht besser als je zuvor.

Wirtschaft: Arbeit gibt es genügend, denn in Deutschland wird gebaut wie schon lange nicht mehr, aber die Jobs am Bau sind nicht beliebt.

Arbeit gibt es genügend, denn in Deutschland wird gebaut wie schon lange nicht mehr, aber die Jobs am Bau sind nicht beliebt.

(Foto: Stephan Rumpf)

94 Prozent der Betriebe gaben sich optimistisch, was die Zukunft angeht. Die Folge: Handwerker können hohe Preise verlangen und sich für Aufträge Zeit nehmen. "Das zeigt, dass es den Betrieben gut geht", sagt Rudolf Baier von der Handwerkskammer München und Oberbayern. So weit die Theorie.

Wirtschaft: Werden die Projekte nicht rechtzeitig fertig, wird es auch für die Bauunternehmer teurer als gedacht.

Werden die Projekte nicht rechtzeitig fertig, wird es auch für die Bauunternehmer teurer als gedacht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Zins-Tief spielt eine große Rolle

Für Bauträger und künftige Hausherren oder Gemeinden wie Brunnthal ist das schon seit Jahren ein Problem. Die momentane Situation in der Baubranche hat viele Gründe. Einer ist das Zins-Tief, eine Folge der Niedrigzinspolitik der EU, das nun seit mehreren Jahren andauert. Einerseits bringt es die Leute dazu, ihr Geld lieber in Wohneigentum zu investieren anstatt auf dem Konto zu sparen, wo die Zinsen in Kombination mit der Inflation einen Vermögensaufbau momentan unmöglich machen.

Gleichzeitig ist ein Haus- oder Wohnungskauf gerade wegen niedriger Zinsen und billiger Kredite besonders attraktiv. Der Staat fördert zudem die energetische Sanierung von Häusern und trägt so zur Sonderkonjunktur der Bauwirtschaft bei. Vor allem die Zahl der Neubauten ist in den vergangen Jahren stark gestiegen. Im Jahr 2016 wurde mit 375 400 genehmigten Wohnungen in Deutschland der höchste Stand seit 1999 erreicht. Im Landkreis wurden vergangenes Jahr 1267 Baugenehmigungen erteilt.

Wirtschaft: Bauträger Reinhold Köcher findet kaum Personal.

Bauträger Reinhold Köcher findet kaum Personal.

(Foto: Stephan Rumpf)

Insgesamt gingen alleine im August bei den Betrieben 29 530 Aufträge ein - etwas weniger als im Vorjahr. Die Auftragslage sei jedoch nach wie vor so gut, dass es im Durchschnitt knapp drei Monate von der Auftragsvergabe bis zum Baubeginn dauere, sagte der Generalsekretär des ZDH, Holger Schwannecke.

Reinhold Köcher ist Geschäftsführer eines Bauträger- und Bauunternehmens aus Unterhaching. Der 62-Jährige ist seit 21 Jahren mit seiner Firma im Landkreis tätig. Er beschäftigt 30 eigene Leute, ist jedoch als Bauträger auch auf andere Firmen angewiesen, die er beauftragt. Seit er 1972 selbst Lehrling war, arbeitet er auf Baustellen. "Die Branche hat sich seitdem sehr gewandelt", sagt er.

Einen Rohbauberuf lerne heutzutage kaum einer. Die Poliere, also gut ausgebildete Führungskräfte, die auf der Baustelle als Bindeglieder zwischen Arbeitern und Bauleitern fungieren, werden laut Köcher immer weniger. Schon seit einiger Zeit ist er auf ausländische Werktätige aus den östlichen EU-Staaten angewiesen, um den Bedarf zu decken. "Inländische Firmen verlangen zum Teil horrende Preise", sagt er.

Schlechte Subunternehmer und der Ausfall von Fachkräften

Vor allem für die Bauträger ist das problematisch. "Wir bekommen Schwierigkeiten, Termine einzuhalten", berichtet Köcher. Die Firmen stünden unter Druck, zeitlich nicht in Verzug zu kommen und dennoch Qualität zu gewährleisten. Seine Firma hat versucht, mehr Umsatz zu generieren, also der Auftragslage in der Baubranche gerecht zu werden. "Das ist mehr Fluch als Segen", sagt er.

Das Unternehmen könne die zusätzliche Leistung kaum erbringen. Schlechte Subunternehmer und der Ausfall zweier Poliere hätten seiner Firma auf zwei Baustellen finanzielle Einbußen eingebracht. Denn um nicht in Verzug zu geraten, musste er teure Ersatzmaßnahmen ergreifen, die nicht im Preis einkalkuliert waren. Köchers Fazit ist alarmierend: "Den Bauboom können wir kaum noch bewältigen. Das geht anderen Kollegen genau wie mir."

Ulrich Bittner ist Geschäftsführer der Baugesellschaft München Land (BML). Als kommunale Wohnungsbaugesellschaft ist die BML komplett in öffentlicher Hand. Ihr Auftrag ist das Schaffen von bezahlbarem Mietwohnraum. Auch da wird der Mangel an Handwerkern zum Problem. Auf Ausschreibungen der BML meldeten sich kaum Firmen.

"Wenn wir ein Bauvorhaben eröffnen, können wir froh sein, wenn ein bis drei Handwerksbetriebe ein Angebot einreichen", sagt Bittner. Kürzlich habe die BML für eine Anlage, die im Januar 2018 fertiggestellt werden soll, eine Firma für die Pflasterarbeiten gesucht. Keine einzige habe sich gemeldet. "Wenn wir in den Unternehmen nachfragen, erfahren wir, dass sie nicht nur keine Zeit für die Arbeiten an sich haben, sondern nicht einmal für das Erstellen eines Angebotes."

Wird dadurch der Neubau teurer als die BLM errechnet hat, müssen die Gemeinden die Finanzierungslücken schließen. Am Mietpreis ändert sich immerhin nichts. Das ganz große Schlamassel blieb der BLM bisher erspart - noch konnte jedes Mal eine Firma für die Auftragsarbeiten gefunden werden. Bittner führt das darauf zurück, dass die BLM mit einigen schon viele Jahre zusammenarbeitet. "Bis jetzt sind wir immer mit einem blauen Auge davon gekommen."

Das drängendste Problem der Branche ist der Fachkräftemangel, vor dem vor allem das Handwerk nicht gefeit ist. Laut Handwerkskammer kann der Bezirk Oberbayern im Ausbildungsjahr 2017/2018 immerhin ein Plus von vier Prozent verzeichnen. "Das liegt daran, dass es insgesamt mehr Jugendliche gibt und dass Flüchtlinge eingestellt werden konnten", sagt Rudolf Baier von der Handwerkskammer.

Der Trend geht in Richtung Hörsaal

Doch generell geht der Trend in Richtung Hörsaal statt Hammer. Im Wintersemester 2016/2017 haben in Bayern noch etwa 4500 junge Menschen weniger ein Studium aufgenommen als in diesem Wintersemester. Daraus leitet Baier ab, dass sich die Entwicklung in den kommenden Jahren noch deutlicher abzeichnen wird.

Dass es zu wenige Handwerker gibt, hat also viele Gründe und die sind komplex. Deshalb lässt sich das Problem auch nicht auf die Schnelle lösen. Bauunternehmer Köcher glaubt, man müsse jungen Leuten wieder Lust auf die Arbeit am Bau machen. "Ein Mitarbeiter hat sich bei uns vom Azubi zum Bauleiter hochgearbeitet", sagt er. Die Arbeit sei also lukrativ und wie sich aktuell zeige, seien gute Leute unverzichtbar.

Doch wie kann die Arbeit im Bauhandwerk aufgewertet werden? Pauschale Kritik an der Politik hält Rudolf Baier von der Handwerkskammer für falsch: "Das Wirtschaftsministerium ist auf unserer Seite. Niemand hat etwas von arbeitslosen Akademikern und gleichzeitig unbesetzten Lehrstellen". Auch er betont: "Das Handwerk bietet echte Karrierechancen."

Bauunternehmer Köcher kennt das nur zu gut. Seine eigene Firma ist ein Ausbildungsbetrieb, doch schon lange findet er keinen Nachwuchs. Dieses Jahr hat er ausnahmsweise wieder einen Azubi gefunden - "echtes Glück", sagt er. "Die Arbeit am Bau möchte keiner mehr machen. Zu beschwerlich, zu stressig."

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