Wintersport Mit der Tram zum Skifahren

Vor der Abfahrt stand in den Fünfzigerjahren das Hochlaufen. Das hielt die Skifahrer nicht davon ab, in Scharen mit der Trambahn anzureisen, wie den Fotos der Grünwalder Chronik zu entnehmen ist.

(Foto: Claus Schunk)

Bis in die Fünfzigerjahre hinein war Grünwald ein beliebtes Ausflugsziel bei Münchner Wintersportlern. Zu dem Hang an der Eierwiese kamen sie mit der Straßenbahn aus der Stadt. Das Gleißental bei Deisenhofen lockte mit einer Sprungschanze.

Von Claudia Wessel und Iris Hilberth

Wenn sich Ines Zeller an die Winter ihrer Kindheit erinnert, dann ist der Schnee nicht weiß. "Schwarz vor Menschen" sei der Schnee auf der Eierwiese gewesen, erzählt die Grünwalderin von ihren Besuchen bei den Großeltern. Mit zehn Jahren, das war 1953, machte sie ihre ersten Schwünge auf den Brettern. Hundertprozentig Spaß bereitet habe es ihr nicht, sagt sie. "Das Schlimmste war das Wiederhochlaufen."

Da ging man seitlich Schrittchen für Schrittchen, das dauerte. 50 bis 70 Meter hoch schätzt Zeller den Hang. Unten war man viel zu schnell. Zum Skifahren angeregt hatte sie ihr vier Jahre älterer Bruder, da ging die kleine Schwester eben mit. Inzwischen lebt Ines Zeller selbst in dem Haus ihrer Großeltern, seit 43 Jahren. 1976 ist sie mit ihrem Mann Rainer hergezogen.

Die Eierwiese in Grünwald war in den Fünfzigerjahren ein bei Münchnern beliebtes Skigebiet. Wie ein Ausschnitt in der Grünwalder Chronik zeigt, berichtete eine Zeitung schon am 19. Januar 1941 von der "Münchner Wintersportlinie"; gemeint war die Trambahn nach Grünwald. Die Wintersportler kamen mit der Tram aus der Stadt, die Bretter auf der Schulter. "Autos hatten damals noch nicht alle, die Alpen waren also zu weit", so Ines Zeller. Den Städtern wird auch eine lustige Erklärung für die Herkunft des Namens Eierwiese zugeschrieben: Sie sollen damals die Bauern gefragt haben: "San des eire Wiesn?"

Die Skier waren seinerzeit ganz aus Holz, die Bindung bestand aus Lederriemen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Großeltern von Ines Zeller lebten seit 1950 am Mauerberg in Grünwald. Sie selbst fuhren nicht Ski, auch nicht die Mutter. "Das gab es in diesen Generationen noch nicht." Vor allem an den Wochenenden war der Hügel auf der Eierwiese bevölkert. Ines erinnert sich an das "Bombenloch", eine Mulde, die durch die Skispringer entstanden war und die bei Kindern eine Attraktion war: Mit ihren Schlitten fuhren sie vom Abhang rasant hinein und anschließend wieder heraus. Später wurde es von der Gemeinde zugeschüttet.

Ines Zeller (auf dem Bild mit Ehemann Rainer) lernte als Zehnjährige auf der Eierwiese Skifahren.

(Foto: Claus Schunk)

Beliebt war auch das Nacht-Skifahren beim Licht aufgestellter Fackeln. Und es gab eine vom Sportverein schon 1950 gebaute Sprungschanze. Es wurde sogar mal Glühwein an die Wintersportler auf der Eierwiese ausgeschenkt. Wie Hans Waldhauser in der Grünwalder Chronik beschreibt, nutzte man nicht nur die Eierwiese für den Wintersport, sondern man fuhr "überall, wo's bergab ging". Heute ist nur noch die Eierwiese im Winter bevölkert, meist von Eltern mit ihren Kindern auf dem Schlitten.

Glühwein und Kinderpunsch für die Wintersportler

Über die jüngere Vergangenheit des Wintersports in Grünwald gibt es bei Youtube ein paar etwa zehn Jahre alte Videos von Sieghart Eisele, zu finden unter dem Suchbegriff Eierwiese. Eisele wohnte am Rande der Eierwiese und baute auf seinem Grundstück "ab zehn Zentimeter Schnee", wie er in den Videos mitteilt, einen Stand mit Glühwein und Kinderpunsch auf. Titel seines Werbefilmchens: "Der beste und einzige Glühwein am Isar Hochufer." Um auf seinen Stand aufmerksam zu machen, drehte er Musik auf - nicht zur Freude der Nachbarn. "Er ist dann irgendwann weggezogen", weiß Ines Zeller. Vielleicht auch, vermutet sie, weil er sich öfters mit Leuten anlegte, wie etwa den Hundebesitzern, die ihre Vierbeiner nicht an die Leine nahmen oder deren Hinterlassenschaften nicht einsammelten. Auch davon handelt ein Video. Titel: "Die Ignoranz der Grünwalder Hundebesitzer". Es stammt vom 3. Mai 2009.

Der Skiclub des TSV baute 1950 eine Sprungschanze, doch diese erwies sich als zu gefährlich: Der Aufstieg führte über eine steile Leiter und der Auslauf war zu kurz, wie der Grünwalder Chronik zu entnehmen ist.

(Foto: Claus Schunk)

Eine wichtige Person für die Grünwalder Skifahrer war laut Ines Zeller die Kinderärztin Doris Fischer. Sie lebte im Haus hinter den Zellers und wurde oft gerufen, wenn sich ein Kind auf dem Skihang verletzt hatte. Ines Zeller selbst legte nach ihren Kindheitserfahrungen auf Skiern eine längere Pause ein. Erst viel später habe sie in den Bergen wieder angefangen. Da gab es wenigstens Lifte.

Neben Grünwald war auch das Gleißental bei Deisenhofen früher ein beliebtes Ausflugsziel Münchner Wintersportler. Allerdings war es eher der nordische Skisport, der hier betrieben wurde. Skirennen im Langlauf wurden lange noch veranstaltet, nachdem der Skiclub Deisenhofen sich 1956 in die Sektion Gleißental des Deutschen Alpenvereins umgewandelt hatte. Doch irgendwann habe es nicht mehr genügend Interessenten gegeben, berichtet deren Vorsitzender Peter Niedermeier. Eine Loipe allerdings lassen sie weiterhin spuren, wenn es die Schneelage erlaubt.

Das Gleißental war damals auch bekannt für seine Sprungschanze. Sprünge von bis zu 16 Metern waren dort möglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in einem Waldstück bei Kreuzpullach eine noch größere Schanze errichtet, auf der die Lokalmatadore bis zu 35 Meter weit flogen.

Auch für Rodler war das Gleißental ein lohnendes Ausflugsziel. Auf einer Postkarte von 1909 mit "Gruß vom Waldrestaurant Gleißental" ist eine Schlittenfahrt durch den Wald abgebildet. Stefan Frühbeis berichtet in der Oberhachinger Chronik von der seit 1898 "bei Münchner Rodelpartien hochbeliebten Waldrestauration von Josef Weigl" an der Hangkante im Gleißental. Aber auch damals gab es in manchen Wintern schon Schneemangel. Für den Wirt kein Problem. Er habe, so schreibt Frühbeis, Schnee mit der Maximiliansbahn aus dem schneereichen Schaftlach bringen lassen, um das Rodeln zu ermöglichen.