Weltautismustag Runde um Runde in eigener Sache

Andreas Rothballer will durch seinen Einsatz auf dem Rennrad auf die speziellen Bedürfnisse von Autisten aufmerksam machen.

(Foto: Privat)

Andreas Rothballer will an diesem Dienstag 200 Kilometer auf der Regatta-Anlage bei Oberschleißheim radeln, um auf die besonderen Bedürfnisse von Autisten hinzuweisen.

Von Bernhard Lohr, Oberschleißheim

Andreas Rothballer lebte viele, viele Jahre ein "ganz normales Leben". So sagt er es selbst. Und ist damit doch nur bescheiden. Denn es war ein intensives Leben mit zahlreichen Höhepunkten. Er schloss seine Lehre zum Zweiradmechaniker als Innungsbester ab. Er war ein Sportler durch und durch, der ungezählte Stunden im Sattel seiner Motocross-Maschine saß.

Mehrmals räumte er Pokale bei renommierten Rennen ab. Er war durchtrainiert und konnte, wie er sagt, als Autist seine Träume verwirklichen, beruflich wie privat. Bis etwas gewaltig schief lief. An diesem Dienstag, dem Weltautismustag, setzt sich der Mann aus dem Landkreis Dachau aufs Rennrad und macht sich am Rundkurs der Oberschleißheimer Regatta-Strecke auf eine 200-Kilometer-Tour.

Rothballer möchte mit der Aktion aufklären über Autismus und über die besondere Qualität von Menschen, die unter dieser bis heute nicht vollends erforschten Störung leiden. Er wolle, dass Menschen verstünden, was Autismus sei, sagt er. Einer von 88 Menschen in Deutschland sei von der in unterschiedlicher Ausprägung auftretenden Störung betroffen. Er selbst habe durch seine sportliche Betätigung trotz seines Handicaps viel erreicht. Er sei ein Leistungsträger gewesen, bis er durch einen Behandlungsfehler in der Psychiatrie zu einem Wrack geworden sei.

Der 47-jährige Andreas Rothballer wusste lange Zeit selbst nicht, dass er unter einer tief greifenden Entwicklungsstörung leidet, die sein Leben von klein auf prägte. Er tat sich schwer, soziale Kontakte aufzubauen, liebte sein Fahrrad über alles und begann später mit Mopeds und Motorrädern sein "Enduro-Leben", wie er sagt. Im Gespräch mit anderen fiel er immer wieder mit unpassenden Worten aus der Reihe, weil er Situationen nicht richtig einschätzen konnte. "Keine Partys, no Small-Talk", sagt er. Dafür liebte er es immer schon, mit Zahlen zu hantieren und konnte sich wegen seiner Autismus-Störung unglaublich gut auf etwas fokussieren.

Doch als er sich vor zehn Jahren etwas beim Sport einmal extrem verausgabt hatte, als er Grenzen überschritten hatte und dehydriert war, wie er es beschreibt, kam es zu einem Zusammenbruch. Er wurde behandelt und geriet an Ärzte, die auf fatale Weise aus seinem Zustand falsche Schlüsse zogen. Sie verabreichten ihm Psychopharmaka - eine jahrelange Leidenszeit begann. Die Medikamente hätten bei ihm als Autisten schreckliche Wirkung entfaltet.

Es sei physiologisch zum kompletten "Kontrollverlust" gekommen. Was ihm in einer kleinen psychiatrischen Krankenstation damals passierte, möchte Rothballer zur Warnung in einem Buch zusammenschreiben, in dem er auch anklagen wird, dass Ärzte Fehler nicht eingestehen wollten. Wenn er mit erfahrenen Medizinern in einer großen Klinik zu tun gehabt hätte, wäre das nicht passiert, sagt er. Eine Fachstelle, die Rothballer schätzt, ist das Autismus-Kompetenzzentrum Oberbayern in München-Steinhausen, Zamdorfer Straße 100.

In seiner besten Zeit wog er 82 Kilo bei 1,87 Meter Körpergröße. Er fuhr mit seiner Enduro nach Marokko, nach Slowenien und in die Slowakei und war regelmäßig beim legendären Erzberg-Motocross-Rennen dabei. Mehrmals gelang ihm eine Platzierung unter den besten 50 von 1000 Teilnehmern. Doch dann spielte wegen der Medikamente sein Organismus verrückt, wie er es beschreibt. Zehn Jahre Leidenszeit folgten. 110 Kilo wog er zwischenzeitlich.

Seit kurzem knüpft er wieder an sein altes Leben an. Vergangenes Jahr war Rothballer wieder mit Freundin mit dem Motorrad in den italienischen Alpen unterwegs. Heuer wird er beim Erzberg-Rennen an den Start gehen. Er hat sein Leben zurück und wird auch in den nächsten Jahren das Frühjahr am Weltautismustag auf dem Rad mit seiner Rundtour-Aktion um den Regattasee eröffnen. Die 4,8 Kilometer um die olympische Sportstätte passen zu seinem Faible für Zahlen. Da könne er, wie er sagt, so schön Runde für Runde die Kilometer zusammenzählen.

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