Maria-Stadler-Haus Haar Für die letzten Tage ins Heim

Rita Wiegand (links) kann sich 14 Wochenstunden auf die Hospiz- und Palliativarbeit im Maria-Stadler-Haus konzentrieren.

(Foto: Claus Schunk)

In der Pflege deutet sich ein Wandel an: Viele Menschen gehen erst dann in eine stationäre Einrichtung, wenn es gar nicht anders geht. Für das Pflegepersonal ist die Hospizarbeit deshalb zu einem wichtigen Teil ihrer Arbeit geworden.

Von Bernhard Lohr, Haar

Rita Wiegand erinnert sich noch an Zeiten, als rüstige Rentner ins Maria-Stadler-Haus einzogen. Vor 15 Jahren war das in etwa. Die neuen Bewohner betraten damals mit Koffer in der Hand das Haus im Haarer Ortszentrum, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Das Heim hatte nach Wiegands Worten noch einen Hotelcharakter. Mittlerweile hat sich die Szenerie gewandelt. Die Senioren wohnen länger zu Hause, kommen dann später und auch kränker. Viele werden direkt vom Krankenhaus ins Seniorenheim überwiesen. Im vergangenen November waren vier Neuzugänge vom Krankenhaus gemeldet. Zwei starben, bevor sie im Heim waren. Der Job der Altenpflegerin Rita Wiegand ist ein anderer geworden.

Die Angebote wachsen mit dem Bedarf

33 Seniorenheime gibt es im Landkreis München, in denen das Personal unter schwierigen Bedingungen oft am Limit arbeitet. Ein Aspekt, der manchmal untergeht in der Debatte über Personalmangel und Arbeitsbelastung, ist, dass sich die Anforderungen seit Jahren massiv ändern. Die jüngste Pflegereform hat den Grundsatz ambulant vor stationär noch einmal gestärkt. Wer zu Hause lebt, hat bei den Hilfen mehr Wahlmöglichkeiten, auch Wohngruppen werden unterstützt. Die Angebote wachsen mit dem Bedarf. In Haar springt hilfsbedürftigen Senioren, die zu Hause leben, die Nachbarschaftshilfe zur Seite. Ein Fahrdienst wurde soeben erst eingerichtet, der Ältere und Kranke zum Arzt oder Einkauf bringt. Die Folgen für die Heime liegen auf der Hand.

Die Entwicklung ist seit Jahren zu beobachten. Deshalb hat das Maria-Stadler-Haus, das als Unternehmen der Gemeinde geführt wird, bereits 2009 begonnen, sich mit der Hospiz- und Palliative-Care-Kultur zu befassen, also speziell mit dem Umgang mit schwerkranken und todkranken Menschen. In der Folge liefen Fortbildungen. Rita Wiegand wurde zur Palliative-Care-Fachkraft und führt heute auch den Titel einer Pain-Nurse, weil sie gelernt hat, wie wichtig es ist, alten, kranken Menschen im Heim erst einmal Schmerzen zu nehmen.

Ethische Fragen sind in ihrer Arbeit in den Vordergrund gerückt. Wiegand ist heute ehrenamtlich tätig im Hospizkreis Haar und Angestellte im Seniorenheim, wo sie mittlerweile an 14 Wochenstunden für die Hospiz- und Palliativ-Arbeit freigestellt ist. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Der Arbeitsdruck ist manchmal hoch, gerade wenn auch noch Pflegekräfte ausfallen oder krank werden. Der Pflegedienstleiter des Heims, Peter Reitberger, unterstreicht deshalb, Rita Wiegand sei nur für die Palliativ-Arbeit da. "Sie wird nicht in der Pflege eingesetzt, auch nicht in Notfällen."

Die Palliativ-Arbeit reiche längst weit über die Begleitung der letzten Stunden hinaus, sagt der Leiter des Maria-Stadler-Hauses, Klaus Stierstorfer (rechts).

(Foto: Claus Schunk)

Eine Pflegekraft begleitet im Jahr neun Bewohner beim Sterben

Sobald ein neuer Bewohner ins Maria-Stadler-Haus einzieht, lernt der auch Rita Wiegand kennen. Sie versucht herauszufinden, wie es den Neuen körperlich und psychisch überhaupt geht. Je nach persönlichem Befinden sei das gar nicht so leicht, sagt sie. Später spricht Wiegand natürlich mit den Bewohnern auch über den Tod. Sie habe in vielen Jahren vielleicht drei oder fünf Mal erlebt, dass jemand nicht über den Tod habe reden wollen. "Die meisten finden das sogar richtig gut", sagt sie. Erst kürzlich erlebte sie, dass ein schwerkranker Bewohner den Wunsch äußerte, am Lebensende einen Pfarrer am Bett zu haben. Die Angehörigen hätten das nicht gewusst, sagt Wiegand. In vielen Familien sei der Tod tabu.

In den Heimen ist er das zwangsläufig nicht und gehört mehr und mehr zum Alltag. Die Grenzen zwischen Seniorenheim und Hospiz verschwimmen. 20 Prozent aller Menschen stürben in Heimen, etwa zwei Prozent in Hospizen, heißt es in einer Arbeits-Beschreibung des Maria-Stadler-Haus. Eine Pflegekraft begleite im Durchschnitt neun sterbende Bewohner im Jahr. "Bei uns darf jeder würdig sterben", sagt Pflegedienstleiter Reitberger vom Maria-Stadler-Haus. Das Heim stehe jedem offen, auch wenn es nur darum gehe, die letzten Tage gut zu gestalten.

"Bei uns darf jeder würdig sterben", sagt Pflegedienstleiter Peter Reitberger (links) vom Maria-Stadler-Haus. Das Heim stehe jedem offen.

(Foto: Claus Schunk)

Ein Beispiel dafür, wie es laufen kann, war der Fall einer gerade einmal 60-jährigen Haarerin, die mit ihrer Familie in Sichtweite des Heimes wohnte, und die entschied, zum Sterben ins Heim zu kommen. Für sie und die Familie sei das eine große Entlastung gewesen, sagt Reitberger. Für das Heim im Gegenzug natürlich eine Belastung. Doch Heime, sagt Reitberger, könnten nicht einfach sagen, diese Arbeit machten sie sich nicht.

Die Zusammenarbeit zwischen Heim und Hospizen ist gesetzlich gefordert

Das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung verpflichtet Seniorenheime seit Anfang 2017 ausdrücklich, mit Hospizeinrichtungen zusammenzuarbeiten und entsprechende Kooperationsverträge zu schließen. Melanie Hörl ist als Koordinatorin des Hospiz- und Palliativnetzwerks im Landkreis München bei der Heimaufsicht des Landratsamts angesiedelt. Sie baut Brücken zwischen den 33 Senioren-Einrichtungen und den 17 Hospizdiensten im Landkreis mit ihren 450 dort tätigen Ehrenamtlichen. Bei einem Einrichtungsleiter-Treffen im November, die sie als "Kick-off-Veranstaltung" bezeichnet, ging es speziell um dieses Thema. Es wurde über Modelle der Zusammenarbeit diskutiert. Die Ehrenamtlichen könnten den Heimen, die unter einer angespannten Personalsituation litten, viel geben, sagt Hörl. Sie hätten die Zeit, sich den Menschen zuzuwenden.

Leitfaden für die letzte Lebensphase

In der Pflege ist vieles genau geregelt. Die Abgabe von Medikamenten muss dokumentiert werden, es wird aufgezeichnet, wie es dem Bewohner geht und was er isst und trinkt. Bei einem Sterbenden gelten freilich andere Gesetze. Deshalb haben sich die in der Initiative für mehr Fairness in der professionellen Pflege im Landkreis München zusammengeschlossenen Leiter von Senioren- und Hospizeinrichtungen mit den Leitern von Pflegediensten zusammengetan und einen Leitfaden für stationäre Einrichtungen und Wohnstifte entwickelt. Die dabei entstandene Broschüre soll Pflegekräften, Ärzten und Beteiligten aus anderen Fachrichtungen mehr Sicherheit in der palliativen Begleitung und deren Dokumentation geben und somit auch den Erwartungen der Heimaufsicht entsprechen. Ziel des Leitfadens ist es, in der letzten Lebensphase die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen intensiver zu berücksichtigen. belo

In Haar verbindet Rita Wiegand mit ihrer Doppelfunktion beim Hospizkreis und im Seniorenheim beide Seiten. Sie koordiniert den Einsatz der Hospizhelfer und hat selbst die Zeit, sich im Maria-Stadler-Haus um Schwerkranke zu kümmern. Darauf aufbauend hat nun das Heim mit Hilfe von Partnern das Projekt "Palliative-Care - Zeit für Zuwendung" gestartet. Der in Haar ansässige Pharmahersteller MSD hat 50 000 Dollar gespendet und die Bürgerstiftung 30 000 Euro. Damit sollen regelmäßig für vier Stunden je Wohneinheit im Monat Personal für Palliativ-Arbeit freigestellt werden können.

In der Pflege soll es einen "Vorzeichenwechsel" geben

Weitere Mitarbeiter sollen nach dem Vorbild von Wiegand in Grund- und Aufbaukursen zu Fachkräften für Palliative-Care ausgebildet werden. Mitarbeiter sollen im Haus Schulungen erhalten und ein regelmäßiges Coaching- und Supervisions-Programm soll installiert werden. Auch Ehrenamtliche, die im Heim tätig sind, sollen an letzterem teilnehmen können. Der Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, Jürgen Partenheimer, spricht von "einem Vorzeichenwechsel in der Pflege" - hin zu Kontakt, Beziehung, Zuwendung, um die Lebensqualität der Bewohner im Heim zu verbessern.

Zunächst ist das Projekt auf vier, fünf Jahre ausgelegt. Es besteht aber die feste Absicht, es wenn irgendwie möglich weiterzuführen. Partenheimer spricht von einem "Leuchtturmprojekt" für die Bürgerstiftung, mit dem man nachhaltig, also dauerhaft, Haarer Bürgern helfen wolle. Der Leiter des Maria-Stadler-Hauses, Klaus Stierstorfer, sagt, die Palliativ-Arbeit reiche längst weit über die Begleitung der letzten Stunden hinaus. "Das geht mit dem Einzug los."

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