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Stefan Stefanov:Abseits des großen Mainstreams

Ist bereits sechsmal vom Film-Fernseh-Fonds Bayern für sein Programm ausgezeichnet worden: Kinobetreiber Stefan Stefanov.

(Foto: Robert Haas)

Das "Capitol" von Stefan Stefanov in Lohhof ist eine hoch geschätzte Adresse bei Cineasten. Für sein besonderes Programm wurde der 32-Jährige schon mehrfach ausgezeichnet.

Von Irmengard Gnau, Unterschleißheim

Begonnen hat alles eigentlich mit Arnold Schwarzenegger. Als der österreichische Muskelmann Anfang der Neunzigerjahre als "Conan der Barbar" über die Leinwand des Stadtkinos der bulgarischen Kleinstadt Levski wütete, ließ er den knapp zehnjährigen Stefan Stefanov quasi mit offenem Mund zurück. Er war gerade ins Gymnasium gekommen, der Schulbesuch des amerikanischen Actionkrachers, welcher gemeinsam mit anderen US-Filmen nach der Wende langsam auch ins vormals kommunistische Bulgarien schwappte, war Stefanovs erstes Kinoerlebnis.

Der Eindruck war ganz offensichtlich ein sehr nachhaltiger, auch wenn sich Stefanovs Filmgeschmack inzwischen ziemlich verändert hat. Das "Capitol", das der heute 32-Jährige seit nunmehr acht Jahren im Unterschleißheimer Ortsteil Lohhof betreibt, steht für Arthouse-Kino und den Filmgeschmack abseits des großen Mainstreams.

"Ich bin mit Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger aufgewachsen - dass Kino auch etwas ganz anderes sein kann, habe ich erst in München entdeckt", sagt Stefanov. Nach dem Abitur kam er zum Studieren nach Deutschland, neben Politik und Slawistik fand er bald einen Nebenjob im Isabellakino, einem der kleinen, alteingesessenen Münchner Lichtspielhäuser. Die Kinoluft, die er dort atmete, faszinierte Stefanov. Und als er 2006 die Möglichkeit bekam, ein eigenes Kino zu übernehmen, zögerte er nicht lange und fasste sich ein Herz.

1958 öffnete das kleine Kino in Lohhof zum ersten Mal

Das "Capitol" kann schon auf eine lange Tradition in Lohhof zurückblicken. 1958 öffnete es erstmals seine Pforten, es überdauerte das Ende der Siebzigerjahre, als das Farbfernsehen vielen kleinen Kinos den Gar ausmachte, doch die wechselnden Betreiber mühten sich sehr, das Haus, das recht versteckt im Wohngebiet liegt, mit Gewinn zu betreiben. 2006 musste das Kino schließlich schließen.

2007 versuchte sich Christian Pfeil, der die Programmkinos "Monopol" und "Neues Arena" in München betreibt, am Capitol, doch auch er gab nach knapp eineinhalb Jahren wieder auf. Seither hat Stefan Stefanov das schmucke Kino übernommen, unterstützt von seiner Frau, einem Mitarbeiter und Minijobbern.

So sehr die Begeisterung für sein Haus in jedem von Stefanovs Sätzen spürbar wird, so ist sich der Familienvater auch der Herausforderung sehr wohl bewusst: Mit nur einer Leinwand und einem Saal, der gerade einmal 80 Gäste fasst, ist er klar im Nachteil gegenüber den großen Konkurrenten. In Dachau laufen in fünf Sälen Filme parallel, das Multiplex in Neufahrn hat gerade erst von elf auf 16 Säle erweitert, und auch die Landeshauptstadt mit ihrer Kinovielfalt liegt nicht weit entfernt. Stefanov hält in Lohhof mit dem Reiz des Besonderen dagegen: Das Capitol will keine anonyme Großleinwand sein, sondern ein familiärer kultureller Treffpunkt für die Bewohner der Stadt. "Wir wollen Unterhaltung auf einem anderen Niveau bieten", sagt er. "Und wir versuchen, für jede Zielgruppe etwas zu finden."

Kampf gegen die Übermacht der Megaplexe

Mit viel Sorgfalt wählt der 32-Jährige seine Filme darum aus; ein Schwerpunkt liegt auf Arthouse und Dokumentationen, aber auch schöne Kinder- und Familienfilme laufen in Lohhof, und auch auf einen internationalen Blockbuster wie den neuesten James Bond-Film muss kein Kinogänger verzichten.

Außerdem arbeitet Stefanov seit einiger Zeit erfolgreich mit anderen Unterschleißheimer Kultureinrichtungen zusammen, der VHS etwa, den Schulen und der Stadtbücherei. Gemeinsam mit dem örtlichen Kulturreferat veranstaltet das Capitol die Reihe Seniorenkino: Immer donnerstagnachmittags werden ausgewählte Filme gezeigt und manchmal, wie Stefanov lächelnd erzählt, gibt es eine kleine Aufmerksamkeit, zum Beispiel zur Vorführung von Hape Kerkelings Pilgerstreifen "Ich bin dann mal weg" eine Breze als Stärkung. Das kommt gut an - das Seniorenkino läuft schon in der dritten Staffel.

Für sein gelungenes, besonderes Programm wurde Stefanov bereits sechs Mal vom Film-Fernseh-Fonds Bayern, dem öffentlichen Fördergremium im Freistaat, ausgezeichnet. Das freut ihn, nicht zuletzt weil Fördergeld für kleine Häuser wie das Capitol überlebenswichtig sein kann. Besonders am Herzen liegt Stefanov aber eines. "Wir wollen nicht nur Filme zeigen, sondern die Gäste dazu bewegen, Kino als mehr zu sehen", sagt er. Sich mit dem Film zu beschäftigen zum Beispiel, sich faszinieren zu lassen von den Ideen und Geschichten der Regisseure und Filmemacher, sich einzulassen auf ein Erlebnis. "Kino", sagt Stefanov, "gehört auch zum Kulturerbe einer Stadt".

Einige Entwicklungen können um dieses Erbe fürchten machen. Wenn Nachrichten wie jüngst jene vom Ende des Programmkinos "Eldorado" in München kommen zum Beispiel, dessen Standort in der Innenstadt nun von einer Drogeriekette eingenommen wird. Oder wenn Streamingdienste und immer größere Fernsehbildschirme auch auf dem heimischen Sofa Filmerlebnisse versprechen. Alles Unwägbarkeiten, auf welche die Kinobetreiber reagieren müssten, meint Stefan Stefanov. Dennoch schaut der 32-Jährige zuversichtlich in die Zukunft. "Das A und O ist eine gute Geschichte, die die Menschen berührt - solange es die gibt, kommen die Menschen auch in 30 Jahren noch ins Kino", sagt er.

© SZ vom 31.05.2016/gna

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