bedeckt München 23°
vgwortpixel

Talentiade 2019:Stark am Reck, wendig am Pferd

Bestnoten in der Haltungsschule: Bei der Junioren-WM erhielt Valentin Zapf - hier beim Training in Unterföhring - die drittbeste Ausführungswertung.

(Foto: Claus Schunk)

Valentin Zapf vom TSV Unterföhring und Felix Kriedemann vom TSV Unterhaching turnen im Landeskader. Obwohl es in Bayern keinen Bundesstützpunkt gibt, sind die beiden 16-Jährigen in Deutschland in ihren Paradedisziplinen ganz vorne dabei.

Ich schaffe mehr Riesenfelgen in einer Minute als der Turn-Europameister! Mit dieser forschen Ansage war Valentin Zapf im April 2012 in der Fernseh-Show "Klein gegen Groß" gegen Philipp Boy angetreten. Neun Jahre alt war er damals und hatte die Reckstange schon so gut im Griff, dass der damalige Nationalturner sich geschlagen geben musste. Die Runde ging mit 45 zu 42 an den Schüler aus Aschheim. Mittlerweile ist er deutscher Jugendmeister am Reck und auf dem Sprung ins Nationalteam. Für einen Länderkampf hat er sich bereits qualifiziert, jetzt hofft er auf eine Teilnahme bei der Junioren-Weltmeisterschaft.

Wer annimmt, solche Turntalente werden durch findige Sportlehrer oder bei Sichtungsterminen entdeckt, wird sich über die Geschichte von Valentin Zapf wundern. Den hat nämlich die Musiklehrerin aus dem Kindergarten in den Turnverein geschickt, nachdem der Bub ständig Handstände und Räder probiert hatte, statt die Flötentöne zu lernen. Vom TSV Unterföhring ging es dann weiter zum TSV Mühldorf und vor zwei Jahren wieder zurück.

"Turnen sieht oft so leicht und so elegant aus", sagt Zapf. Wie viel harte Arbeit dahintersteckt, und wie viele Leidenschaft man für diesen Sport mitbringen muss, weiß einer, der seit seiner Kindheit nahezu jeden Tag in der Turnhalle verbracht hat, um das Stützen und Springen, das Drehen, Stemmen und Schrauben zu perfektionieren. "Man lernt seinen Körper richtig gut kennen, ihn voll zu kontrollieren", sagt er, "und wenn man dann über das Reck fliegt, ist das richtig schön." Noch immer zählt die Eisenstange in 2,60 Metern Höhe neben Boden zu Zapfs Lieblingsgeräten.

2017 wurde er deutscher Jugendmeister an Reck und Barren sowie Zweiter am Boden, im vergangenen Jahr holte er an Reck und Boden Silber. Da ist es fast logisch, dass Fabian Hambüchen, der Olympiasieger 2016 am Reck, neben Philipp Boy zu seinen Vorbildern zählt. Immer ist es in der Turnkarriere von Valentin Zapf nicht nach oben gegangen. Nach den Erfolgen im Schülerbereich, als er zum nationalen Nachwuchskader zählte, kam eine Durstphase. "Vor drei Jahren wurde ich bei den Deutschen Meisterschaften Letzter", erzählt er.

Die Motivation kam erst wieder mit dem Vereinswechsel zurück nach Unterföhring und dem Training bei Zoltan Csuka. Zudem geht er einmal pro Woche bei Landestrainer Kurt Szilier im Landesleistungszentrum an die Geräte. Zapf weiß, dass die Konkurrenz meist im Sportinternat lebt und zweimal am Tag trainiert. Das ist bei ihm als Schüler der Q 11 an einem normalen Gymnasiums wie dem in Kirchheim nicht drin.

Etwas besser auf den Leistungssport abgestimmt ist das Isar-Gymnasium, auf das Felix Kriedemann geht, der mit Zapf im Landeskader trainiert. Der 16-Jährige aus Straßlach-Dingharting turnt für den TSV Unterhaching seit er das erste Mal eine Turnhalle betrat. "Und ich liebe das Turnen wie am ersten Tag", sagt er. Doch auch er muss eiserne Disziplin an den Tag legen, um sein großes Ziel Olympia zu erreichen.

Training von 8 bis 9.10 Uhr, dann Unterricht bis 15.20 Uhr, anschließend wieder in die Halle. Nach dem Turnen Hausaufgaben und Nachlernen, was er in der ersten Stunde verpasst hat. Seit der vierten Klasse trainiert Kriedemann jeden Tag. Auch er hat Tiefschläge erlebt, Verletzungen, Zweifel am ausreichenden Talent.

Doch er hat sich durchgebissen, ist drangeblieben, während andere längst aufgegeben haben. "So habe ich einen nach dem anderen überholt", sagt er. Mittlerweile hat er viele Medaillen gewonnen, darunter die eine goldene am Pauschenpferd und eine silberne am Barren bei den Deutschen Jugendmeisterschaften.

Dass ein Turner das quer gestellte Pferd mit den beiden Griffen, den Pauschen, bevorzugt, ist eher ungewöhnlich. Das Rotieren an dem sperrigen Ding gilt als technisch sehr schwierig, diese Disziplin als die anspruchsvollste im Mehrkampf der Turner. Pauschenpferd-Spezialisten sind daher gern gesehene Mitglieder von Turnmannschaften. Felix Kriedemann startet für Exquisa Oberbayern in der zweiten Bundesliga. Und auch er hofft, bald seinen ersten Start im Nationaltrikot zu haben. Ein erster Schritt hin zu seinem großen Ziel: Olympisches Gold am Pferd.

Landestrainer Kurt Szilier attestiert beiden Sportlern gute Chancen für den Sprung nach oben, "sie sind derzeit unsere beiden besten im Jugendbereich", sagt er. Szilier findet ihre Erfolge umso erstaunlicher, da Bayern im Turnen keinen Bundesstützpunk hat und auch kein Sportinternat. "Dadurch gehen uns viele talentierte Jungs verloren", sagt er. An den Stützpunkten wie Berlin und Cottbus gebe es neun Trainer, in Bayern einen Landestrainer und ein paar Vereinstrainer. Die Sportklassen am Isargymnasium sind auch bald Geschichte. Eine Eliteschule des Sports gibt es jetzt im Münchner Norden, weit entfernt vom Turn-Leistungszentrum in Sendling. Riesenfelgen kann man dort nicht üben.

Mit der Talentiade 2019 prämiert die Süddeutsche Zeitung zum zehnten Mal die Leistung von Sporttalenten (bis Jahrgang 2000) aus München und der Region sowie die Nachwuchsarbeit ihrer Vereine. Wir suchen deshalb junge Sportlerinnen und Sportler, die in den letzten beiden Jahren - unabhängig von Sportart oder Titeln - sportliches Engagement gezeigt haben. Vergeben werden unter anderem neun Förderpreise à 1500 Euro. Bewerbungen und Vorschläge bis 18. Juni unter sz.de/talentiade2019.

Süddeutsche Zeitung Landkreis München Himmlische Blume

Talentiade 2019

Himmlische Blume

Leilani Ettel, Nachwuchs-Snowboarderin mit hawaiianischem Vornamen, träumt von den Olympischen Spielen 2022 in Peking.   Von Stefan Galler