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Tag des offenen Denkmals:Vom Bauerndorf zur Gartenstadt

Mit dem Bau der Bahn an den Starnberger See erlebte Gräfelfing um 1900 einen ungeahnten Boom. Immobiliengesellschaften kauften Land und vermarkteten es in München und später sogar in Preußen. Am kommenden Sonntag stehen Villen aus der Zeit zur Besichtigung.

Das wohl grandioseste Projekt in der Geschichte Gräfelfings ist über die Planungsphase nie hinausgekommen. Leider oder zum Glück? Bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander.

Unter dem Namen "Parkurbo" plante Architekt Fritz Sievers im Jahr 1912 am Ostufer der Würm eine Hauptstadt für die weltweite Esperanto-Gemeinde - mit 500 Einfamilienhäusern, Kirche, Theater, Kasino, viel Grün und einigem mehr. Auf einem Areal so groß wie 140 Fußballfelder. Ein Münchner Bankier hatte das Grundstück gesponsert; finanziert werden sollte der Esperanto-Traum über eine Lotterie mit einer Villa als Hauptpreis.

Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde letztlich nichts. Und dennoch hat sich Gräfelfing zu Beginn des 20. Jahrhunderts drastisch verändert. Vom "ersten großen Umbruch" in der Geschichte des Orts spricht Friederike Tschochner. Die langjährige Gemeindearchivarin meint damit die Entwicklung vom Bauerndorf zu einer Gartenstadt mit prächtigen Villen, von denen es etliche heute noch gibt, etwa an der Bahnhof-, Tassilo- und Professor-Kurt-Huber-Straße sowie allen voran an der Steinkirchner Straße.

Diese Gebäude - allesamt erbaut im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts - stehen im Zentrum einer Führung durch die Gräfelfinger Villenkolonie, die am kommenden Sonntag anlässlich des Tags des offenen Denkmals stattfindet, unter Leitung von Friederike Tschochner. "Wir werden unseren Rundgang unten an der Würm beginnen, im alten Dorfkern", sagt die 73-jährige Autorin des Buchs "Villen in Gräfelfing". Dort hätten jahrhundertelang die Höfe der örtlichen Bauern gestanden, und viel mehr habe es im Ort auch nicht gegeben, erzählt Tschochner - bis um 1900 eine rasante Entwicklung einsetzte.

Der Tag des offenen Denkmals im Landkreis

Die Führung durch das Gräfelfinger Villenviertel (Beginn 10 Uhr, Treffpunkt am alten Rathaus) ist eines von fünf Angeboten im Landkreis anlässlich des Tags des offenen Denkmals am Sonntag, 8. September. Koordiniert wird der Aktionstag seit 1993 durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die sich dafür heuer das etwas holprige Motto "Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur" ausgedacht hat. Ziel ist laut der Stiftung, "die Öffentlichkeit für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren und Interesse für die Belange der Denkmalpflege zu wecken". Im Landkreis München werden an dem Aktionstag heuer vor allem Sakralbauten vorgestellt. Im Haarer Gemeindeteil Salmdorf führt Pfarrer Albert Schamberger um 14 und um 16 Uhr durch die spätgotische Kirche Mariä Himmelfahrt. Ein weiteres Gotteshaus zu besichtigen gibt es im Weiler Möschenfeld in der Gemeinde Grasbrunn, wo die 1640 erbaute Kirche St. Ottilie ihre Türen öffnet und Mesner Josef Karl bei Bedarf Führungen anbietet (Information und Anmeldung unter Infos unter der Telefonnummer 0176/66 04 42 84. Die Waldkirche in Planegg, errichtet nach den Plänen des Münchner Architekten Theodor Fischer, stellt Julia Devlin von 11.30 Uhr an vor. Und in Gräfelfing lädt Bürgermeisterin Uta Wüst im Anschluss an die Villen-Führung um 12 Uhr ins Rathaus ein - ein Betonbau der späten 1960er Jahre, der im Ort durchaus kontrovers diskutiert wurde. Und das nicht nur, weil dafür das Gasthaus "Zum Weißen Rößl" weichen musste. Nicht offizieller Teil des Programms, aber ebenfalls geöffnet und kostenlos zu besichtigen sind am kommenden Sonntag von 13 bis 17 Uhr fünf Kultureinrichtungen in Ismanimng: das Kallmannmuseum (Führung um 15 Uhr), das Schlossmuseum (Führungen um 15 und 16 Uhr), das Schloss (Führungen um 14 und 15 Uhr) die historische Seidl-Säge (Führungen um 13 und 15 Uhr) und die Galerie im Schlosspavillon. stä/wkr

Ausgangspunkt war zum einen der Anschluss der Gemeinde an die Wasser-, Gas- und Stromversorgung, zum anderen der Bau der Eisenbahnlinie zum Starnberger See mit Haltestellen in Gräfelfing und Lochham. In der Folge witterten Immobiliengesellschaften das große Geschäft: Sie erwarben von den örtlichen Landwirten weitläufige Grundstücke und verkauften diese parzelliert, erschlossen und teilweise schon mit Villen bebaut - zunächst vor allem an reiche Münchner.

"Es gab Kataloge, in denen die Häuser und ihre Lage angepriesen wurden", sagt Friederike Tschochner. Damals galt Gräfelfing als Badeort und Ausflugsziel für stadtgeplagte Münchner. "Da war dann von der lieblich plätschernden Würm die Rede, vom wunderbar weichen Wasser und von der gesunden Landluft, die Ärzte empfehlen."

In der Folge entstand bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Villenkolonie, und das kleine Dorf Gräfelfing entwickelte sich immer mehr in Richtung Bahnhof hin. Unter anderem entstanden breite Alleen wie die Tassilo- und die Bahnhofstraße, an der 1909 das neue Schulhaus gebaut wurde, zugleich Heimat der Gemeindeverwaltung. Binnen weniger Jahre stieg die Einwohnerzahl in Gräfelfing von 465 (1900) auf 1074 (1912).

Zwischen den alteingesessenen Bauern und den Neubürgern in den Villen - darunter Unternehmer, Kaufleute, Künstler und Wissenschaftler - habe es durchaus Reibereien gegeben, erzählt Tschochner. "Das waren ja zwei komplett unterschiedliche Welten, die da aufeinandergeprallt sind." Zumal von 1906 an, als die Immobiliengesellschaften ihre Grundstücke und Häuser der geringen Nachfrage wegen nicht mehr nur in München anpriesen, sondern auch in ganz Bayern und sogar in Preußen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstanden in den 1920er Jahren weitere Villen - nun vornehmlich auf der anderen Seite der Bahngleise, etwa an der Groso-, Maria-Eich- und Waldstraße sowie an der Ruffiniallee. Wer dort oder östlich des S-Bahnhofs umherspaziert, der trifft bis heute auf etliche malerische Gebäude in unterschiedlichsten Stilrichtungen: von toskanischen Säulen bis barockisierendem Jugendstil, vom Zierfachwerk bis zu Erkern und Türmchen.

"Die Leute denken immer, dass so vieles verschwunden ist", sagt Friederike Tschochner, "dabei sind viele der alten Villen noch erhalten." Zu diesen Kleinoden will sie die Teilnehmer am Sonntag führen, wobei auch ein Blick auf die andere Würm-Seite nicht fehlen darf. Dorthin also, wo einst eine Hauptstadt für Esperantisten aus aller Welt entstehen sollte - und wo sich heute ein Gewerbegebiet erstreckt.