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SZ-Serie: Kaum zu glauben, Folge 11:Eine Gemeinschaft, auf die Verlass ist

Der Besuch der Synagoge ist Natan S. auch heute noch von großer Bedeutung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zwei junge Juden erzählen, warum sie sich in Zeiten wachsenden Antisemitismus in ihrer Gemeinde engagieren. Der eine ist gläubig, der andere säkular.

Spielend leicht nimmt er die erste Kurve. Mit Hilfe von Licht- und Abstandssensoren hält sich der surrende Roboter aus Legosteinen in der Bahn, bis - rumms, das Hindernis hat er übersehen. Macht nichts, er ist nicht vom Tisch gefallen, es kann weitergehen. Der Roboter schafft es. Im Ziel kommt er zum Stehen.

Was aussieht wie ein Star-Wars-Spielzeug, ist ein Produkt ausgeklügelter Tüftelei, entstanden im Jugendzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Andrej Sternin leitet hier den Kurs "Robotics", in dem mit "Lego Mindstorms" in die Grundlagen der Roboter- und Ingenieurwissenschaften eingeführt wird. Sieben Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren treffen sich einmal pro Woche, immer sonntags, um an den kleinen Robotern zu basteln.

Sternin ist Gastdoktorand für Luft- und Raumfahrtechnik an der Technischen Universität in Garching. Der 31-Jährige ist froh, dass die Gemeinde seine Idee für den Kurs "gleich unglaublich unterstützt hat". Ihm ist es wichtig, etwas zurückzugeben und zum Zusammenhalt beizutragen. Die Gemeinschaft behüte ihre Mitglieder und greife ihnen unter die Arme, wann immer es nötig sei, betont Sternin. Die Relevanz des Zusammenhaltes habe er lange unterschätzt. Er ist ein säkularer Jude, lebt nicht religiös, war es eigentlich noch nie.

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle sowie die Meldungen von Rabbinern und Kippa tragenden Männern aus Berlin und anderen Städten, die bespuckt und angegriffen wurden, rüttelten ihn auf. "Ich habe kapiert, wie entscheidend das doch ist, eine Gemeinde zu haben, auf die man sich verlassen kann", erzählt der Doktorand. Schließlich könne morgen schon alles anders sein.

Das unsichere Gefühl, dass die Stimmung gegenüber Juden jederzeit ins Negative umschlagen kann, schwingt in diesem Satz mit. Andrej Sternin gebraucht ihn öfter, ohne Pathos oder allzu große Ernsthaftigkeit. Die Unsicherheit ist augenscheinlich ein Teil der Normalität. Sternin kennt sie von klein auf. Seine Eltern wanderten 1995 mit dem damals siebenjährigen Andrej von der Ukraine nach Deutschland aus.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging es dem Land wirtschaftlich sehr schlecht. Vorher unter der Oberfläche verborgener Antisemitismus trat offen zutage, "wie immer, wenn es den Leuten schlechter geht", sagt der 31-Jährige. Die Familie lebte seit Generationen in Charkiw, war dort tief verwurzelt. Bis die Zustände unerträglich wurden, bis Parolen an den Wänden auftauchten. Der Abschied war schwer. "Es muss dir schon richtig dreckig gehen, um so eine Verwurzelung aufzugeben", sagt Sternin.

"Es ist absolut sinnvoll, sich um Bande mit der Gemeinschaft zu bemühen, auch wenn man nicht religiös ist."

Kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion bekam Andrej Sternin als kleines Kind den Antisemitismus besonders zu spüren.

(Foto: privat)

Umso wichtiger ist ihm heute die Verbundenheit mit seiner Gemeinde. Genau das ist auch sein Appell: "Es ist absolut sinnvoll, sich um Bande mit der Gemeinschaft zu bemühen, auch wenn man nicht religiös ist." Die kulturelle Bereicherung sei ein großes Geschenk, ein unermesslicher Schatz, betont er. "Ich bin dankbar, als Jude geboren zu sein." Der spitzfindige jüdische Humor, die Geschichten, die Musik, die Traditionen seien Teil seines Lebens. In die Synagoge geht Andrej Sternin nicht, nur an den Feiertagen. "An Jom Kippur ist es dort wahrscheinlich ähnlich voll wie an Weihnachten in der Kirche", sagt er lachend.

Für Natan S. hingegen gehört der Besuch der Synagoge am Jakobsplatz am Schabbat zum Alltag. Vom Sonnenuntergang am Freitagabend bis zum Sonnenuntergang am Samstag ist der 20-Jährige nicht erreichbar. Sein Handy und andere elektronische Geräte schaltet er aus, verbringt die Zeit mit seiner Familie, Spaziergängen oder Lesen. Er studiert in Garching und genießt die Ruhe am Schabbat sehr: "Unter der Woche habe ich oft sehr lange Tage, da ist das genial, um runterzukommen."

Als Kind war Natan S. auf der jüdischen Grundschule in München und ging später in den jüdischen Religionsunterricht auf dem Luitpoldgymnasium. "Ich bin traditionell aufgewachsen", sagt er. Sein Glaube ist ihm sehr wichtig. Der Morgen beginnt für ihn mit dem Anlegen der Tefillin, der Gebetsriemen, und dem Glaubensbekenntnis Schma Jisrael. Auch versucht er, auf eine koschere Ernährung zu achten, das heißt zum Beispiel kein Schwein und keinen Hasen zu essen und vor allem Milch- und Fleischprodukte zu trennen.

Der 20-Jährige versteckt seinen Glauben nicht, auch wenn er andere nicht mit einem "Hey, Natan mein Name, ich bin Jude" überfalle. "Ich sehe nämlich nicht ein, warum ich das tun sollte", betont der Student. Meistens könne man durch Offenheit den Leuten schon viel Angriffsfläche nehmen. Zur Sprache komme seine Religion immer wieder, sei es in der Mensa oder bei der Partyplanung fürs Wochenende.

In seiner Gemeinde engagiert sich der 20-Jährige für mehr Mitspracherecht und ein attraktiveres, breiteres Angebot für die jüngere Generation. Mit einigen anderen steckt er mitten in den Vorbereitungen für ein Jugendparlament in der Gemeinde. Das Ziel ist klar: Mehr Einflussmöglichkeiten für die Jüngeren, um eine Entfremdung dieser Altersklasse zu verhindern. "In den meisten Gemeinden ist es relativ schwierig, sich ein großes jüdisches Netzwerk aufzubauen", erklärt Natan S.

Selbst wenn die Gemeinden mitgliederstark seien, müsse das noch lange nicht heißen, dass an jedem Schabbat alle in der Synagoge anzutreffen sind. Umso wichtiger seien Angebote außerhalb der Gottesdienste. Natan S. ist zum Beispiel einer der Organisatoren des JQUIZ der Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA), eine Art Pubquiz.

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