SZ-Serie "Vom Land in den Mund" Die Weichen auf Prost gestellt

Tarek Said braut reichlich Bier für die Gäste. Hopfen, Malz und Gerste stammen aus der Region.

(Foto: Claus Schunk)

Im alten Isartalbahnhof in Großhesselohe gilt das Reinheitsgebot. Hier zaubert Tarek Said aus zwei Braukesseln reichlich Bier für Gäste, die überwiegend mit der S-Bahn ankommen. Hopfen, Malz und Wasser kommen ausschließlich aus der Region.

Von Bastian Hosan, Pullach

Die beiden Kupferkessel sind vom Lokal aus gut sichtbar. Das auf Hochglanz polierte Metall glänzt in der Sonne, die durch die Glasfront den Schankraum flutet. Draußen ziert sich der Frühling. Er kann sich nicht entscheiden zwischen Sonne und Nieselregen. Etwa alle zehn Minuten halten Züge am Isartalbahnhof in Großhesselohe, spucken Menschen aus, die aus München kommen. Hinter den Scheiben sitzen Männer vor Weißbiergläsern und schauen zu, wie die Züge halten und wieder losfahren.

Die Attraktion sind nicht die Züge, sondern die Biere

Sie trinken das Bier, das Tarek Said in den beiden Kesseln braut, die das schmucke Herzstück des Isartaler Brauhaus bilden. Zwei Mal in der Woche wird neues Bier angesetzt. Nicht die Züge sind es, Saids Bier ist die Attraktion im Isartaler Brauhaus in Pullach.

Tarek Said, weißes Trachtenhemd - unter dem Kragen steht in blauer Schrift "Himmel der Bayern" -, Haferlschuhe, liebt sein Bier. Es ist noch immer das Produkt, das Bayern, das München ausmacht. Für das die Region im Ausland bekannt ist, das aber auch die Einheimischen in seinen Bann zieht. Vor allem dann, wenn es wie im Isartaler Brauhaus ein regionales Produkt ist. "Handarbeit", wie Said sagt. Jedes Glas sei ein Naturprodukt, mit einer Stammwürze von 12,5 Prozent und einem Alkoholgehalt von 5,4 Volumenprozent. Hergestellt wird es ausschließlich mit Zutaten aus der Region.

"Der Hopfen kommt aus der Holledau", sagt Said. Es ist das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet. Weltweit. Das Malz liefert die Mälzerei Müller aus Inkofen in Niederbayern. Das Wasser kommt, wie überall in München, aus der Mangfallquelle. Es sei das beste Wasser, um weiche, vollmundige Biere zu brauen. "Die Mineralien sind wichtig", sagt Tarek Said. Die gesamte Münchner Bierkultur sei wegen dieses Wassers entstanden. "In Dortmund, auch eine große Bierstadt, sind weniger Mineralien im Wasser. Das Bier ist bitterer." Pils eben. Sein Bier ist daher ein Abbild der Region, die Zutaten drücken ihm einen weißblauen Stempel auf.

1891 ließt Kaiser Wilhelm den Isartalbahnhof bauen

Wieder spuckt ein Zug Menschen aus. Diesmal kommen sie aus Süden. Viele Mitarbeiter von Firmen südlich von München hielten hier an, um ein Feierabendbier zu trinken, sagt Sibylla Abenteuer, die Inhaberin des Isartaler Brauhauses. Seit November 2013 betreiben sie und ihr Mann das Lokal. Das Restaurant ist für die beiden untrennbar mit der Brauerei verbunden. "In den vergangenen Jahren ist die Craft-Beer-Szene richtig im Kommen", sagt sie. Die Investition in die neue Brauanlage sei die richtige Entscheidung gewesen. Der alte Bahnhof und das Bier, das sei aber eine viel längere Geschichte.

Bedienung Heike Mueller versorgt durstige Gäste.

(Foto: Claus Schunk)

Der Bahnhof ist ein Produkt der Industrialisierung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Kaiser Wilhelm hat ihn zusammen mit der Isartalbahn 1891 bauen lassen. Bis 1970 war er in Betrieb. Dann kam die S-Bahn und mit ihr die schnöde Betonplatte, die heute der Bahnsteig ist. Der Bahnhof geriet aufs Abstellgleis, verlor an Bedeutung. Vorerst jedenfalls.

"1985 haben zwei Münchner den Bahnhof gekauft, seit 1988 wird hier Bier gebraut", sagt Abenteuer. Seitdem ist der Bahnhof ein Ausflugsziel. Seine Bedeutung als Bahnhof hat das Haus auch heute noch nicht ganz verloren. "Wir haben hinter dem Bahnhof ein eigenes Gleis", sagt Abenteuer. Immer wieder halten Ausflugszüge an dem Lokal. Als Sibylla Abenteuer und ihr Mann das Lokal übernommen haben, mussten sie alles komplett sanieren. Inklusive der Brauanlage, in der Tarek Said heute das Bier braut.

Brauer Tarek Said stammt aus Ägypten - hier wurde schon vor Jahrtausenden gebraut

Es ist ein überschaubarer Betrieb an diesem Nachmittag. Immer wieder tröpfeln Gäste in das Lokal. Setzen sich, trinken ein Weißbier. Manche nehmen das Bier auch mit. "Wir verkaufen eigentlich nicht in Flaschen", sagt Said. Doch jeder, der eine eigene Flasche mitbringt, kann sich das Bier mit nach Hause nehmen. Wer keine Flasche hat, kann auch dort eine kaufen.

Tarek Said, der Bierbrauer, hat ägyptische Wurzeln. "Das passt", sagt er. Bier wurde in Ägypten bereits vor Jahrtausenden gebraut. Und auch wenn er jetzt zwischen seinen Braukesseln steht, die Maische aufkocht, die Bierwürze läutert, also von den Feststoffen des Malzes reinigt, ist er in seinem Element. Eigentlich ist er gelernter Hotelfachmann. Zum Bierbrauen ist er als Quereinsteiger gekommen. Es sei die Geschichte des Bieres, die ihn fasziniere.

1516, also heuer vor genau 500 Jahren, ist mit dem Reinheitsgebot das erste Lebensmittelschutzgesetz der Welt entstanden. Noch heute halten sich die Brauer wie Tarek Said daran - wie an einen Ehrenkodex. Noch immer muss jedes Bier, das in Deutschland gebraut wird, verkauft werden soll und auch Bier heißen soll, nach diesem Gebot gebraut werden. Es geht um die Reinheit des Bieres und auch um seine Qualität.

"Das ist der beste Arbeitsplatz der Welt"

Aufgetischt

Nicht nur im Bierkrug, auch im Bierteig machen sich Gerste, Weizen, Hopfen und Hefe gut. Zutaten: 125 g Mehl, 0,13 l Helles Bier,1 Eigelb, 1 Eiweiß, Salz, Muskat, 1 TL Öl. Herstellung: Mehl, Bier, Eigelb, Salz (für einen süßen Teig etwas Zucker zugeben) und Muskat zu einem dicken, flüssigen Teig verrühren. Öl reingeben. Eiweiß zu steifem Schnee schlagen und unterheben. Fertig. Mit einem Bierteigmantel kann man Allerlei veredeln, von Apfelscheiben bis zum Fischfilet.

Um ein möglichst gutes Bier zu brauen, haben sich Sibylla Abenteuer und Tarek Said zusammengetan. Said arbeitet für die Hacker-Paulaner Bräuhaus Consult. Er nutzt das Expertenwissen des Bier-Riesen und braut daraus ein individuelles Bier im kleinen Rahmen. Sibylla Abenteuer und ihr Mann kaufen ihm dieses Bier dann ab.

"Anders geht es nicht", sagt Abenteuer. "Wenn das Bier einmal nicht gut würde, wir es wegschütten müssten, säßen wir auf den Kosten für die Rohstoffe." So aber sei garantiert, dass das Bier immer die gleiche Qualität hat.

Draußen vor den Fenstern rollt die nächste S-Bahn langsam am Gasthaus vorbei. Am S-Bahnhof kommt sie zum Stehen. Wieder schauen die Gäste dem Treiben auf dem Bahnsteig zu. Trinken ihr Bier. "Die Züge entspannen die Leute", sagt Sibylla Abenteuer. Und auch Said sagt: "Das ist der beste Arbeitsplatz der Welt". Seine Braukessel, der alte Bahnhof und die moderne S-Bahn, sie bilden eine Klammer über Handwerk, Tradition und dem neuen, dem schnellen Bayern. Unter dem Dach des denkmalgeschützten alten Bahnhofs geht es gemächlich zu. Der nächste Zug wird wieder einen Schwall Menschen ausspucken. Sicher auch Gäste, die auf dem Weg sind ins Isartaler Brauhaus, um dort eines von Tarek Saids Bieren zu trinken.

Anreise: Das Isartaler Brauhaus liegt gleich an der S-Bahn-Station Großhesselohe Isartalbahnhof und ist von München aus bequem mit der S7 zu erreichen. Für Autofahrer gibt es vor dem Lokal einen großen Parkplatz, die Adresse lautet Kreuzeckstraße 23b, 82049 Pullach.

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