Anspruchsvolles Schultheater Fuck you Goethe

Klassiker rezitieren war gestern. Im Wahlfach Theater bringen Gymnasiasten heute die großen Lebensthemen auf die Bühne - ob vor Mitschülern und Eltern, in den Kammerspielen oder sogar in Südafrika.

Von Bernhard Lohr, Landkreis

Die Haare glänzen von der Pomade. Aalglatt wirken die Typen auf der Bühne: grau geschminkt die Lippen, grau die Krawatten - und selbst die an sich süßen Delfine, an denen sich dann irgendwann die Gestalten festkrallen, als müssten sie in dieser schrecklichen Welt der Business-Männer irgendwo Halt finden, wirken mit ihrer grau-glänzenden Haut abweisend.

Die Theatergruppe der Oberstufe am Ernst-Mach-Gymnasium in Haar hat am Dienstagabend das Stück "Unter Eis" von Falk Richter auf die Bühne gebracht. Es war für die Schüler und Theaterlehrer Thomas Ritter wieder ein großer Abend.

Schüler des Oberstufen-Theaters am Ernst-Mach-Gymnasium spüren sich in einem Stück von Falk Richter rein in die kalte Welt des Big Business.

(Foto: Angelika Bardehle)

Nach Monaten der Vorarbeiten, des Textstudiums und der Proben stehen im Frühjahr an vielen Schulen im Landkreis die Premieren an. Und es ist wieder zu erleben, auf was für Expeditionen die Lehrer ihre Schüler mitgenommen haben. Denn längst hat sich das Schultheater von den klassischen Autoren verabschiedet. Es werden nicht Schiller und Lessing gepaukt. Thomas Ritter und seine Schüler befragten Zeitzeugen, als sie zuletzt das Stück Spurensuche entwickelten, mit dem die Haarer Gymnasiasten gemeinsam mit Mittelschülern das für sie bedrückend nahe Thema der Euthanasie-Morde während der Nazi-Zeit auf die Bühne brachten. Seitdem sind sie mit dem Stück auf Tour. Weitere Termine auch in einer KZ-Gedenkstätte sind geplant. Anfang April wird es beim Münchner Schultheaterfestival gezeigt.

Ursula Honisch bearbeitet mit Schülern große Lebensfragen.

(Foto: Claus Schunk)

Rezitieren, Deklamieren tritt da in den Hintergrund. Für die Schüler wird Theater zur lebensprägenden Erfahrung. Nach der Forschungsreise in die Vergangenheit nimmt Ritter, selbst Theaterlehrer mit Staatsexamen in dem Fach, die Jugendlichen nun in die Welt der Geschäftsleute und Entscheider mit. Die Bühnenpräsenz seiner Schüler am Dienstagabend ist ein Beleg für Ritters Worte, wenn er schwärmt, wie die jungen Menschen Selbstbewusstsein entwickelten, eine "andere Präsenz, ein Strahlen".

Ein Reinspüren in fremde Welten

Thomas Ritter schätzt die "unglaublich ernsthafte, wahrhaftige Auseinandersetzung" seiner Schüler mit großen Lebensthemen. Dabei halte Autor Falk Richter nicht nur Geschäftsleuten den Spiegel vor Augen. Es werde kein plattes Urteil gefällt. Es sei ein "Reinspüren in die Welt der Entscheider". Erarbeitet haben Ritter und die Schüler das alles in vielen Stunden, freiwillig in dem Wahlfach. Vor der Premiere saßen sie auch an Wochenenden mal bis Mitternacht beisammen - in einer besonderen Arbeitsatmosphäre ohne Druck, ohne andere Fächer. "Denen geht es gut, wenn sie Theater machen", sagt Ritter.

Michael Blum und Stefanie Höcherl sind mit ihrer Gruppe auf dem Sprung ins Dramacamp.

(Foto: Florian Peljak)

Der Anspruch, fürs Leben zu lernen, wird gerade in der Theaterarbeit an den Schulen deutlich. Engagierte Lehrer wie Thomas Bingger am Otfried-Preußler-Gymnasium in Pullach stehen dafür seit Jahren. Andreas Klessinger führt dieser Tage mit seiner Gruppe in Neubiberg ein Stück auf, das die Verführbarkeit des Menschen hin zum Bösen thematisiert. Es gibt Kooperationen mit Profi-Theatern. Das Werner-Heisenberg-Gymnasium in Garching arbeitet mit dem Metropoltheater zusammen. Eine Schülergruppe aus Haar bringt als "Artist collective Ausbau Sechs" mit Berufsschauspielern an den Kammerspielen ein Stück auf die Bühne.

Thomas Ritter bereitet die Schüler auf die großen Lebensthemen vor.

(Foto: Angelika Bardehle)

Lehrerin Ursula Honisch vom Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching kommt selbst aus der Szene. Die gelernte Theaterdramaturgin war für den Bayerischen Rundfunk tätig, für Hörverlag und Kammerspiele. So wie Thomas Ritter ist sie im Verband Theater am Gymnasium in Bayern (Tag) engagiert. Gemeinsam pochen sie auf mehr Anerkennung für ihre Arbeit und die ihrer Kollegen. Viel werde als quasi-ehrenamtliche Mehrarbeit eingepreist. Ritter will erreichen, dass - wie an der Uni in Erlangen - bald auch in München im Fach Theater ein Staatsexamen abgelegt werden kann. Auch würde er sich ein Abi-Fach Theater wünschen, so wie bei Kunst und Musik selbstverständlich. Honisch sagt: "Ich erlebe Theater als extrem wichtig für die Schüler, extrem lehrreich."

"Es funktioniert zu 100 Prozent."

Sie hat sich mit ihren Schülern das Buch "Perlmutterfarbe" von Anna Maria Jokl vorgenommen, das über eine Konfliktsituation zwischen Schülern Totalitarismus-Gefahren auslotet. Den Text hat sie bearbeitet. "Ich schreibe das den Schülern immer auf den Leib", sagt Honisch, die von der "unglaublichen Spielfreude" der jungen Akteure schwärmt. Die Gruppendynamik sei interessant, wenn beim Theater mehrere Jahrgänge zusammenwirkten. "Es funktioniert zu 100 Prozent", sagt sie, "wenn man sie lässt und richtig anleitet".

In diesem Sinn haben es Markus Blum und Stefanie Höcherl vom Carl-Off-Gymnasium in Unterschleißheim mit ihren Schülern bis nach Südafrika gebracht. An diesem Freitag bricht eine Gruppe zu einem 14-tägigen Dramacamp an der Eersterivier Secondary School in der Nähe von Kapstadt auf, wo sie mit Schülern von dort und Lehrerin Jill Makram der Frage nachgehen, was hinter der Angst vor Fremden steckt. Das Stück Xenophobia soll im Frühjahr 2018 in Ober- oder Unterschleißheim gezeigt werden. Markus Blum sagt, Theater ermögliche "unglaublich intensive Schülerbegegnungen". Er schätzt es nicht zuletzt für sich als Mathematik-Lehrer als belebendes Element. Schüler und Lehrer fänden neu zueinander. In Unterschleißheim ist das institutionalisiert. Es gibt Theaterklassen, in denen Blum erst Mathe unterrichtet und in der Stunde darauf mit den Schülern Theater macht.