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Pullach:Ehemalige Mitarbeiter schießen gegen Tausendfreund

Susanna Tausendfreund kann sich gegen die Vorwürfe auch deshalb schwer wehren, weil sie über Personalangelegenheiten nicht sprechen darf.

(Foto: Claus Schunk)

Die Grünen-Bürgermeisterin muss sich erneut wegen ihres Führungsstils rechtfertigen. Dabei bleiben die Vorwürfe unkonkret.

Von Michael Morosow, Pullach

Sie sei eine "böse Hexe", betreibe Zensur und im Rathaus wehe der "eisige Hauch Nordkoreas und des Stalinismus" - so hatte sich der FDP-Gemeinderat Alexander Betz im August dieses Jahres in einem Leserbrief an das Anzeigenblatt Isar-Anzeiger, in dem auch das Amtsblatt der Gemeinde erscheint, über Pullachs Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) geäußert. Kurz darauf sprang die Leiterin der Gemeindebibliothek, Eveline Petraschka, Betz bei, als sie im selben Wochenblatt die Amtsführung der Rathauschefin in die Nähe eines totalitären Regimes rückte und mehrere Zensurversuche durch das Rathaus beklagte. Schwere Vorwürfe, gegen die sich die Betroffene wegen ihrer Verschwiegenheitspflicht in Personalangelegenheiten nicht zur Wehr setzte.

Das kann sie auch nach den neuerlichen Beschuldigungen gegen sie nicht: Wiederum in einem Leserbrief, gesendet am Montag unter anderem an die SZ, kritisieren ehemalige Rathausbedienstete Jahre nach ihrem Ausscheiden heftig den Führungsstil der Bürgermeisterin. Tausendfreunds Reaktion auf die jüngsten Vorwürfe: "Es herrscht eine sehr gute Stimmung im Rathaus, ich freue mich über eine sehr gute effiziente Zusammenarbeit."

Das sehen Claudia Bergmüller, Gudrun Koschier, Christa Greiner und Susanne Flügel anders. In ihrem Brief "im Namen vieler Ehemaliger, die nicht genannt werden wollen", schreiben die Ex-Rathausmitarbeiterinnen, einige hätten gekündigt, weil sie massiven psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt gewesen seien. Details nennen sie nicht. Dafür erklären sie den Grund dafür, längst vergangene Dinge wieder ans Tageslicht zu zerren: Immer wieder tauche in der Presse das Thema "Tausendfreund und ihr Führungsstil" auf - "und wieder einmal wird ein längst in der Versenkung verschwunden geglaubter Mechanismus in Gang gesetzt, der die vergangenen, für uns teils dramatischen Geschehnisse ins Gedächtnis zurückholt, die uns immer noch aufwühlen und die uns bis heute an die Substanz gehen".

Psychische und physische Belastungen

Welche dramatischen Geschehen gemeint sind, davon ist nicht die Rede. "Wir können und wollen keine Interna ausplaudern, aber vielleicht einiges richtig stellen", heißt es in dem Brief. Einige hätten gekündigt, ohne einen neuen Job in der Tasche zu haben, einige seien gegangen, "weil der im Rathaus herrschende kooperative Führungsstil" zu massiven psychischen und physischen Belastungen geführt habe: "Ärztliche Behandlungen, zum Teil langjährige Therapien waren die Folge." Hinter dem Leserbrief stehen laut Susanne Flügel die vier namentlich Genannten sowie circa zehn Ehemalige, die sich regelmäßig treffen würden.

Die derzeit kommissarisch amtierende Personalratsvorsitzende Eveline Petraschka verweigert eine Stellungnahme zu den aktuellen Ereignissen, zu denen in der Vorwoche ein offener Brief von Gemeinderat Betz gehörte, der darin unter der Überschrift: "Arbeitet euch an mir ab!" an die Rathausspitze appellierte, die Büchereileiterin nicht rauszumobben, sondern vor dem Arbeitsgericht eine gütliche Einigung mit ihr anzustreben.

Dass die von den Ehemaligen sowie Eveline Petraschka und Alexander Betz erhobene Kritik am Führungsstil Tausendfreunds ein großer Teil der aktuellen Rathausmannschaft nicht teilen will, zeigte sich im Juli nach Erscheinen von Petraschkas Leserbrief. Eine Unterschriftenliste ging tags darauf durch alle Abteilungen, mit der ihre Abwahl in einer außerordentlichen Personalversammlung gefordert wurde. Mindestens 40 Mitarbeiter hatten unterschrieben.

Was aus diesem Vorstoß geworden ist, wollte Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund nicht sagen. Aktuell besteht das Personalratsgremium nur noch auf dem Papier. Fünf Mitglieder haben schon vor längerer Zeit hingeworfen, zuletzt verabschiedete sich Evelin Petraschkas Stellvertreter Bodo Haake. Petraschka, die daher nur noch kommissarisch als Vorsitzende agiert, muss nun die Neuwahlen vorbereiten, die für Anfang nächsten Jahres geplant sind.

© SZ vom 25.11.2020/belo
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